Alkohol in der Migros: Delegierte wollen Verkaufsverbot kippen

Gibt es künftig Wein und Bier in der Migros? An der Delegiertenversammlung erhielt ein entsprechender Antrag die nötige Mehrheit.

Alkohol in der Migros? So reagieren Passanten

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Das Tabu wankt: Die Migros könnte künftig alkoholische Getränke ins Sortiment nehmen. An der Delegiertenversammlung vom Samstag hat sich für einen entsprechenden Antrag die nötige Zweidrittelmehrheit gefunden. Dies teilt die Migros mit. Der Entscheid fiel mit 85 zu 22 Stimmen deutlich, wie es in der Mitteilung heisst. Damit könnte das Verkaufsverbot von alkoholischen Getränken aus den Statuten der Genossenschaft gestrichen werden.

Auf Antrag von fünf Delegierten und nach Annahme durch die Migros-Verwaltung musste sich die Delegiertenversammlung mit dieser Thematik beschäftigen. Die Frage, ob auch die Migros in das Geschäft mit Alkohol einsteigen soll, wird immer wieder diskutiert. In mehreren Tochterunternehmen verkauft der Konzern längst Bier, Wein und Schnaps. Für den Gründer der Migros, Gottlieb «Dutti» Duttweiler, kam dagegen Alkohol im Sortiment nie in Frage. Ganz im Sinne des Gründers ist darum auch das Verkaufsverbot in den Statuten verankert.

Regionale Unterschiede möglich

Der Entscheid der Delegiertenversammlung ist aber nur ein erster Schritt in Richtung Alkoholverkauf in den Filialen der Migros. Nach dem Ja kommen nun bis zum 3. Dezember die Verwaltungen und Genossenschaftsräte der zehn regionalen Migros-Genossenschaften zusammen. Die regionalen Organe müssen dann für ihre jeweilige Genossenschaft entscheiden, ob sie der Aufhebung des Alkoholverkaufsverbots ebenfalls zustimmen und ob sie die Frage in einer Urabstimmung den Genossenschafterinnen und Genossenschaftern vorlegen.

Migros-Delegierte haben soeben entschieden – sie machen den demokratischen Weg frei zur Frage des Alkoholverkaufs in Migros-Filialen. Weitere Infos folgen. pic.twitter.com/KuMhZ05aTt

— Migros (@migros) November 6, 2021

Jene Genossenschaften, die sich für eine Statutenänderung aussprechen, müssen dann bis am 4. Juni 2022 eine Urabstimmung durchführen. Für alle Entscheidungen sind Zweidrittelmehrheiten nötig. Frühstens 2023 könnten dann tatsächlich Wein und Bier in den Regalen der Migros-Filialen stehen. Allerdings nicht zwangsläufig in allen Regionen. Es ist durchaus möglich, dass einzelne regionale Genossenschaften den Verkauf ablehnen. Dies könnte dazu führen, dass beispielsweise in der Ostschweiz Bier in der Migros verkauft werden darf, während es in Luzern verboten bleibt.

Alkohol gibt es derzeit in den Migros-Filialen nicht. Anders sieht es mehreren Tochterunternehmen des Konzerns aus.

Alkohol gibt es derzeit in den Migros-Filialen nicht. Anders sieht es mehreren Tochterunternehmen des Konzerns aus.

Keystone

Kritik vom Blauen Kreuz

Auf keine Gegenliebe stösst der Entscheid der Delegierten beim Blauen Kreuz. Die Organisation «appelliert an die Migros-Genossenschaften, an ihrer einzigartigen Tradition festzuhalten und damit ein Zeichen im Sinne des Migros-Gründers Gottlieb Duttweiler zu setzen», wie es in einer Mitteilung vom Samstag heisst. Menschen mit einem Alkoholproblem könnten heute in der Migros einkaufen, «ohne mit Alkohol und Alkoholwerbung in Berührung zu kommen». Das sei besonders für trockene Alkoholiker ein Segen.

«Jetzt sind die Migros-Genossenschaften der letzte Schutzwall gegen eine falsch verstandene Liberalisierung der Geschäftspraktiken bei der Migros», lässt sich Philipp Hadorn, Präsident des Blauen Kreuzes Schweiz, in der Mitteilung zitieren. Bereits im Vorfeld der Entscheidung hatte das Blaue Kreuz vor dem Verzicht auf den Alkohol-Verzicht gewarnt.

Ohne Not einen Teil der DNA geopfert

Nicht aus gesundheitspolitischen sondern aus marktwirtschaftlichen Bedenken würde Thierry Kneissler, ehemaliger CEO von Twint und Unternehmer auf Alkohol in den Migros-Regalen verzichten. In einer Analyse auf Linkedin schreibt er, dass das Image das Kapital der Migros sei und «das würde ich niemals gefährden», so Kneissler. Zudem gäbe es dafür auch wirtschaftlich keine Not, das Unternehmen« schwimme im Geld» – und sei im Detailhandel im Vergleich zu Coop auch deutlich rentabler.

Sollten Bier, Wein und Schnaps bald auch in der Migros stehen, würde «für ein paar Franken Umsatz ein Teil der DNA über Bord» geworfen werden, schreibt Kneissler. Ebenfalls lenke es ab «von den wahren Herausforderungen». Diese seien, so der Unternehmer, «struktureller Natur». Hier sei Coop deutlich besser aufgestellt – «mit viel mehr Retailfläche und Läden». Das sei perfekt für die Zukunft, so Kneissler.

Skeptisch gegenüber alkoholischen Getränken zwischen M-Budget-Müesli und Windeln ist auch Herbert Bolliger, ehemaliger Chef der Migros. Im Interview mit der Handelszeitung warnte er vor «einer Gefahr der Spaltung». Und bei «Glaubenskriegen gibt es am Schluss nur Verlierer», so Bolliger. Er würde aber eine andere heilige Kuh der Migros gerne auf die Schlachtbank führen: «Ist die Organisation mit 10 rechtlich selbstständigen Regionalgenossenschaften noch effizient für den relativ kleinen Markt Schweiz?»

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