Als wäre Covid nie gewesen: Die Schweizer Wirtschaft erholt sich rasend schnell

Noch diesen Sommer dürfte die Wirtschaft grösser sein als vor der Krise, sagt die KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich. Und schon zur Jahreswende werden die Zahlen so sein, als hätte es Corona nicht gegeben.

Symbol des Aufschwungs: Der Pharmakonzern Lonza boomt.

Symbol des Aufschwungs: Der Pharmakonzern Lonza boomt.

Juri Junkov / BLZ

So hatte das vor kurzem noch niemand erwartet. Die Schweizer Wirtschaft lässt die historisch einmalige Coronakrise im Eiltempo hinter sich. Noch in diesem Monat könnte das Bruttoinlandprodukt (BIP) grösser sein als vor Krisenausbruch. Diese Prognose haben heute die Ökonomen der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich veröffentlicht. Damit hätte die Wirtschaft nur gerade sechs Quartale benötigt, um sich vom Coronavirus zu erholen – eine Jahrhundertkrise, die zeitweise die halbe Welt stilllegte.

Inmitten der Krise hatte es zappenduster ausgesehen. In Bundesbern rechnete man mit einer abgrundtiefen Rezession. Im Jahr 2020 werde das Bruttoinlandprodukt um 6,7 Prozent geringer sein als im Vorjahr, so das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). Es wäre eine Rezession gewesen wie seit dem Jahre 1975 nicht mehr, als sich die Ölpreise versechsfachten und die Welt in die Erdölkrise gestürzt wurde. Im April 2020 schrieben die Seco-Ökonomen: «Stärkster Rückgang des BIP seit Jahrzehnten erwartet.»

Nach acht Quartalen verschwindet der Corona-Effekt

Doch die Wirtschaft fiel nie so tief, wie damals befürchtet. Und nun ist das Comeback fulminant: Die Gesamtwirtschaft wird bald wieder so dastehen, als hätte es die Coronakrise nie gegeben. Wie eine Wirtschaftswelt ohne Corona ausgesehen hätte, berechnen die Ökonomen mit einem kleinen Trick. Sie nehmen das Wachstum aus den Jahren vor Krisenausbruch – und schreiben es in die Zukunft fort. Die Ökonomen sprechen in ihrem Jargon von einem «Wachstumspfad, der vor Eintreten der Coronakrise erwartet wurde». Dieser Wachstumspfad wird um die kommende Jahreswende herum erreicht – nur sieben oder acht Quartale nach Krisenausbruch. Dann wird die Wirtschaft wieder so gross sein, als wäre Corona auch heute noch bloss eine beliebte Biermarke.

Normal ist das nicht. Nach der Finanzkrise von 2008 kehrte die Schweiz nie mehr zurück auf den alten Wachstumspfad, wie der KOF-Ökonom Yngve Abrahamsen auf Anfrage sagt. Die Wirtschaft ist heute noch kleiner, als sie es gewesen wäre in einer Welt ohne Finanzkrise, in welcher Finanzhäuser wie Lehman Brothers bankrottgingen und die UBS vom Staat gerettet werden musste. Diese Krise wirkt also bis heute nach. Wobei das Wachstum vor der Finanzkrise ungesund war, Wachstum auf Steroiden. Die Finanzbranche hatte ihre Wertschöpfung künstlich in die Höhe getrieben. Auf knappe Eigenmittel packte sie Unmengen an Schulden. Mit der Krise kam die Zeitenwende. Den Banken wurde streng vorgeschrieben, wie viel Eigenkapital sie zu halten haben, gemessen an ihren Schulden. Davon haben sich die Banken bis heute nicht erholt – und das ging nicht spurlos vorbei an der Gesamtwirtschaft. Nach der Finanzkrise blieb das Wirtschaftswachstum schwächer als in den Boomjahren einer ungezügelten Bankenwelt.

Symbol der Finanzkrise: Lehman-Banker packen ihre Siebensachen.

Symbol der Finanzkrise: Lehman-Banker packen ihre Siebensachen.

Louis Lanzano / FR77522 AP

Impfstoff-Abfüllung stützt die Wirtschaft

Nicht so in der Coronakrise. Es gibt zwar Branchen, die noch immer leiden. Der Tourismus könnte viele Jahre brauchen, bis er seine alte Grösse zurückerlangt. Doch ist er nur in einigen Kantonen matchentscheidend, nicht so für das gesamte Land. Die Gesamtwirtschaft erreicht auch eindrückliche Wachstumsraten, wenn der Tourismus darniederliegt. Möglich macht das etwa der gut laufende Pharmasektor, der zudem hochrentabel ist. Wie KOF-Ökonom Abrahamsen vorrechnet, kommt dort auf jeden Arbeitsplatz eine etwa 8-mal grössere Wertschöpfung als im Tourismus.

Das Paradebeispiel für den Aufschwung ist Lonza. Der Pharmakonzern stellt an seinem Oberwalliser Standort den Wirkstoff her, den der US-Hersteller Moderna für seinen Impfstoff braucht. Die Wertschöpfung pro Impfdosis sei zwar nicht allzu gross, sagt KOF-Ökonom Abrahamsen. Doch die schiere Masse mache es aus. Und erst vor ein paar Wochen hat Lonza zudem bekanntgegeben, nochmals drei Produktionslinien bauen zu wollen. Die Finanzpresse schreibt, was sich derzeit bei Lonza abspiele, sei ein «ungeheurer Ausbau». Ebenso ungeheuerlich ist das Tempo, mit dem die Schweizer Wirtschaft eine Jahrhundertkrise hinter sich lässt.

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