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Es kommt immer wieder vor, dass im Profi-Fussball Penaltys wiederholt werden müssen, weil der Torhüter die Linie zu früh verlässt. Wir erklären, was es mit der Regel auf sich hat.

Szenen wie diese sind im europäischen Fussball immer häufiger zu beobachten.

Quelle: SRF 

  • Es kommt immer häufiger vor, dass Penaltys wiederholt werden müssen, weil der Torhüter die Linie zu früh verlässt.

  • Im Spiel St. Gallen gegen die Young Boys in dieser und letzter Saison war dies ebenfalls der Fall.

  • Die Regeländerung wurde erst 2019 vom International Football Association Board eingeführt.

  • Ex-National-Torhüter Pascal Zuberbühler sieht keinen grossen Vorteil für die Keeper seit der Regeländerung.

  • Die Clubs und Torhüter wurden vor der Saison darauf hingewiesen, dass die Regel konsequent umgesetzt und überprüft wird.

Es passiert immer häufiger in letzter Zeit im europäischen Fussball. Der Spieler läuft zum Penalty an, scheitert aber am Torhüter. Die Mannschaft feiert ihren Keeper, der Schütze läuft mit gesenktem Kopf davon. Dann meldet sich der Videoschiedsrichter, kurz VAR, und weist den Schiedsrichter darauf hin, dass der Elfmeter wiederholt werden muss. Grund dafür?

Der Keeper hat die Linie zu früh verlassen und verschafft sich somit einen Vorteil. So passiert im Spiel zwischen dem FC St. Gallen und den Young Boys in dieser Super-League-Saison. Kurios: Bereits vor einem Jahr, als es bei dieser Begegnung noch um die Meisterschaft ging, passierte das gleiche. Eine ähnliche Szene ereignete sich in der Champions-League-Partie zwischen Dortmund und Sevilla, als Erling Haaland einen Penalty verschoss.

Geteilte Meinungen bei den Fans

Auch die Reaktionen im Internet fallen unterschiedlich aus. So schreibt ein User, bezogen auf die Penalty-Szene zwischen St. Gallen und YB vor ein paar Wochen auf Instagram: «Der Schütze verzögert den Anlauf, logische Folge ist, dass sich der Torhüter zu früh bewegt. Der Penalty müsste nicht wiederholt werden.» Für einen anderen User ist es jedoch ein klarer Fall, dass der Elfmeter wiederholt wurde. «Es gibt eine Regel ohne Spielraum. Zigi hat diese jetzt schon zweimal missachtet, da ist er selbst Schuld.»

Auch YB-Trainer Gerardo Seoane hat nach dem Spiel seine Meinung kundgetan. «Das Spiel hat gewisse Erinnerungen an letztes Jahr geweckt. Der Penalty wird wiederholt und zwar zurecht. Leider gibt es diese Regel. Ob sie mir passt oder nicht, lass ich dahingestellt.»

Die meisten Schiedsrichter weisen die Torhüter seit der Saison 2019 vor dem Strafstoss darauf hin, mit mindestens einem Fuss auf der Linie zu bleiben. Doch was hat es damit auf sich? Und wieso haben Torhüter solche Mühe?

Hier hält Zigi den ersten Penalty von Nsame. Dieser wird jedoch wiederholt, da der St.Gallen-Keeper sich zu früh von der Linie wegbewegt. 

Hier hält Zigi den ersten Penalty von Nsame. Dieser wird jedoch wiederholt, da der St.Gallen-Keeper sich zu früh von der Linie wegbewegt.

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Es gibt keinen Spielraum

Dass bei den Fans Aufregung entsteht, ist verständlich, vor allem wenn die Lieblingsmannschaft benachteiligt wird. Die Vereine und Torhüter wissen aber, dass bei Strafstössen die Regelausführung genau unter die Lupe genommen wird. «Grundsätzlich sind alle Beteiligten ausreichend und rechtzeitig in Kenntnis gesetzt worden. Die vorliegende Thematik wurde bei unseren Clubbesuchen vor Saisonbeginn explizit besprochen und aufgearbeitet», sagt Spitzenschiedsrichter-Chef Dani Wermelinger gegenüber 20 Minuten. Es gibt auch keinen Spielraum bei der Regelauslegung. «Im Falle eines Vergehens haben wir gemäss Regelwerk den Auftrag, die Regel konsequent umzusetzen», fügt er an. Die Regel besagt auch, dass der Torhüter eine Gelbe Karte bekommt, wenn er eine Wiederholung des Penaltys provoziert. Dies war bei St. Gallen gegen YB jedoch nicht der Fall. Schiedsrichter Urs Schnyder sanktionierte die Aktion von Zigi nicht.

Laut dem Schiri-Boss ist es auch nicht so, dass nur der Videoschiedsrichter diese Regel kontrolliert. «Es ist unser klarer Anspruch, dass das Schiedsrichter-Team auf dem Platz eine mögliche Verfehlung bei der Ausführung eines Penaltys sehen muss. Entsprechend aufmerksam muss es sein.» Der VAR komme nur zum Einsatz, falls das Schiedsrichter-Team vor Ort eine klare und offensichtliche Verfehlung nicht erkenne.

Dani Wermelinger piff 85 Super-League-Partien. Heute ist der Aargauer Chef der Spitzen-Schiedsrichter in der Schweiz. 

Dani Wermelinger piff 85 Super-League-Partien. Heute ist der Aargauer Chef der Spitzen-Schiedsrichter in der Schweiz.

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Neue Regel kein Vorteil für Torhüter

Pascal Zuberbühler, Ex-Nationaltorhüter der Schweiz und Experte von Blue-Sports, hat eine klare Meinung zu dieser Regel. «Die neue Regelung macht für die Torhüter keinen grossen Unterschied. Wenn sich ein Torwart richtig positioniert, dann hält er den Ball auch ohne vorher von der Linie zu gehen.» Vor allem der Ablauf während des Elfmeters sei ausschlaggebend für den Keeper. «Es ist wichtig, dass der Torhüter zuerst mit dem richtigen Fuss von der Linie geht. Dann kann er sich mit dem Fuss, welcher noch auf der Linie ist, perfekt abstossen und den Strafstoss parieren.»

Zuberbühler sieht auch noch in einem anderen Bereich Handlungsbedarf: «Ich appelliere an dieser Stelle auch an die Torwart-Trainer. Die Abläufe bei einem Penalty und das Positionsspiel des Torhüters können und müssen trainiert werden.» Über die Szene mit SG-Keeper Zigi hat der Ex-Nati-Goalie auch eine klare Meinung. «Sehr bitter für Zigi. Aber er kennt die Regeln und es passierte ihm nicht zum ersten Mal.» Doch wie war es während der aktiven Zeit des Ex-Nati-Goalies, als es noch keine technischen Hilfsmittel wie den VAR gegeben hat? «Früher wurde schlicht und einfach nicht so gross darauf geschaut. Es war abhängig vom Schiedsrichter», sagt Zuberbühler.

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Ex-Nati-Goalie Pascal Zuberbühler ist heute Torwart-Trainer und TV-Experte bei Blue-Sports.

Ex-Nati-Goalie Pascal Zuberbühler ist heute Torwart-Trainer und TV-Experte bei Blue-Sports.

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Der Thurgauer absolvierte 51 Spiele für die Schweizer Nationalmannschaft. 

Der Thurgauer absolvierte 51 Spiele für die Schweizer Nationalmannschaft.

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Pascal Zuberbühler kassierte an der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland  während der Gruppenphase kein einziges Tor.

Pascal Zuberbühler kassierte an der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland während der Gruppenphase kein einziges Tor.

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Nur in der Premier League merkbare Veränderung

Werden seit der Einführung der neuen Regel mehr Penaltys gehalten oder haben die Schützen einen Vorteil? Im Rahmen einer Präsentation für die Fifa hat Pascal Zuberbühler die Top-5-Ligen in Europa genauer analysiert. Seit der Einführung der neuen Penalty-Regelung hat es nur in der englischen Premier League eine merkbare Veränderung gegeben. Vier Prozent mehr Penaltys wurden gehalten oder verschossen. In den anderen Top-5-Ligen gab es keine nennenswerte Veränderungen.

Die Liga mit den meisten gehaltenen oder verschossenen Penaltys ist übrigens die französische Ligue 1. Mehr als jeder vierte Elfmeter wird pariert oder vom Schützen verschossen. Die Liga mit den treffsichersten Schützen ist die spanische La Liga. Dort wird nur jeder sechste Penalty gehalten, respektive verschossen.

Das International Football Association Board (IFAB) nahm 2019 mehrere Anpassungen an einigen wichtigen Fussball-Regeln an. Eine der wichtigsten Änderungen im Elfmeter-Verfahren sichert den Torhütern mehr Bewegungsfreiheit zu, da sie nicht mehr mit beiden Füssen auf der Torlinie stehen müssen, wenn ein Strafstoss ausgeführt wird. Die Regel besagt, dass die Torhüter nur noch mit einem Fuss auf der Linie sein müssen. Der zweite Fuss muss gemäss der neuen Anpassung die Linie nicht mal berühren, er darf auch darüber (in der Luft) sein.

Nachdem die Torhüter mehr Bewegungsfreiheiten haben, sind sie mehr denn je dazu verpflichtet, die Spielregeln zu befolgen. Die Schiedsrichter sollten deshalb dafür sorgen, dass ein Strafstoss wiederholt wird, wenn sich der Torhüter nach vorne bewegt, bevor der Ball gespielt wurde und somit den Elfmeter abwehrt. Seit der neuen Regeleinführung ist auch immer wieder zu sehen, wie die Unparteiischen die Torhüter vor dem Strafstoss darauf hinweisen, mit mindestens einem Fuss auf der Linie zu bleiben.

Auch zwei Jahre nach der Elfmeter-Regeländerung gibt es Diskussionen
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