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In den Walliser Alpen sind zwei italienische Berggängerinnen erfroren. Experte Hermann Berie sagt, ab wann Erfrierungen gefährlich werden – und wie man sich schützt.

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«Das Monte Rosa Massiv ist extrem exponiert und aufgrund der Höhe sind die Gipfel in einer ganz anderen Klimazone. Es ist immer lausig kalt – selbst bei schönem Wetter», sagt Experte Hermann Berie.

«Das Monte Rosa Massiv ist extrem exponiert und aufgrund der Höhe sind die Gipfel in einer ganz anderen Klimazone. Es ist immer lausig kalt – selbst bei schönem Wetter», sagt Experte Hermann Berie.

Privat

An der italienisch-schweizerischen Grenze sind die zwei italienischen Berggängerinnen Martina Sviluppo und Paola Viscardi im Schneesturm erfroren.

An der italienisch-schweizerischen Grenze sind die zwei italienischen Berggängerinnen Martina Sviluppo und Paola Viscardi im Schneesturm erfroren.

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Ihr Begleiter Valerio Zolla überlebte mit schweren Erfrierungen.

Ihr Begleiter Valerio Zolla überlebte mit schweren Erfrierungen.

Facebook/Valerio Zolla

  • Am Samstag wurde eine Gruppe von zwei Alpinistinnen und einem Alpinisten am Monte Rosa von einem Sturm überrascht.

  • Die zwei Frauen (28 und 29) erfroren. Ihr Begleiter Valerio Zolla (27) überlebte, erlitt aber Erfrierungen.

  • Die Vorbereitung sei enorm wichtig bei solchen Bergtouren, sagt Experte Hermann Berie. Denn das Wetter in den Bergen sei unberechenbar.

Martina Sviluppo (29) und Paola Viscardi (28) erfroren am Samstagnachmittag bei einer Tour im Monte Rosa Massiv. Einzig ihr Begleiter Valerio Zolla (27) überlebte.

Die Gefahr am Berg sei Teil seiner Arbeit, sagt Expeditionsbergführer Hermann Berie. Er betreibt seit 15 Jahren eine eigene Bergsportschule und war am Mount Everest als Leadguide tätig. 20 Minuten erreicht ihn auf dem Weg ins Wallis – in den nächsten Tagen wird er auf dem Monte Rosa Massiv mit Kunden unterwegs sein. Er beantwortet die wichtigsten Fragen zu den Risiken als Bergsteiger.

Wie kann es zu einem derartigen Vorfall kommen? Das Monte Rosa Massiv ist extrem exponiert und aufgrund der Höhe sind die Gipfel in einer ganz anderen Klimazone. Es ist immer lausig kalt – selbst bei schönem Wetter. Klar sind Vorbereitung und Ausrüstung überlebenswichtig. Bei diesem tragischen Vorfall sind die Details nicht bekannt, man weiss nicht, ob es zu einem Fehlverhalten kam. Weshalb die Gruppe sich nicht weiterbewegte, ist mir ein Rätsel. Aber ganz grundsätzlich lebt man als Berggänger (Bergsteiger) immer mit einem Restrisiko: Es kann immer sein, dass plötzlich ein Sturm aufzieht, auch wenn der Wetterbericht gut ist, das Wetter in den Bergen ist sehr wechselhaft. Auch ich, als erfahrener Bergführer, kam vorgestern in einen Sturm.

Wie kann man sich vor diesen Gefahren schützen?

Das Wichtigste ist eine gute Vorbereitung. Man soll nur das Nötigste aus dem Alltag mitnehmen und die Ausrüstung der Tour und dem Wetter entsprechend anpassen. Auch das Geschlecht kann eine Rolle spielen: Frauen frieren aufgrund des Unterhautfettgewebes grundsätzlich schneller. Viel hängt auch davon ab, wer mitkommt: Die Erfahrung sowie die mentale und körperliche Verfassung der Kolleginnen und Kollegen kann darüber entscheiden, ob eine Situation zur Tragödie oder zum Erlebnis wird. Im Vorfeld soll man sich zudem eine Strategie überlegen, wie man in Notfall reagiert und so viele Informationen zum Wetter sammeln, wie nur möglich. Bei jedem kleinen Fehler kassiert man sofort die Rechnung.

Und wie soll man reagieren, wenn man im Berg vom Unwetter überrascht wird – so wie die drei Italiener?

Die minus zehn Grad können sich bei starken Winden wie minus 22 Grad anfühlen, aufrechtes Gehen ist dann fast unmöglich. Bei einem Schneesturm ist das Sichtfeld enorm eingeschränkt, die Orientierung ist schwierig. In der Höhe ist jeder Schritt anstrengender, man kann nicht einfach schneller gehen. Die Sauerstoffversorgung des Gewebes ist durch die Höhenlage zudem schlechter – wo Haut blank liegt, kommt es schnell zu Erfrierungen. In einer derartigen Notsituation ist eine schnelle Reaktion überlebenswichtig: Im ersten Moment ist es sinnvoll, sich aus dem Wind zu retten – sei dies mittels Bivacsack oder einer Schneemulde. Nach spätestens einer Stunde muss man einen Entscheid fällen, ob man absteigt, es zu einer Hütte schafft oder man sich anderweitig aus der exponierten Wetterzone retten kann.

Wann werden Erfrierungen gefährlich?

Wenn einem kalt ist, beginnt man zu schlottern, die Zähne klappern, das ist ein normaler Prozess. Gefährlich wird es in einer nächsten Phase: Die äussere Schicht des Körpers, das Schalenblut, ist bereits kalt. Die Menschen schlottern nicht mehr, sondern werden apathisch und schlafen dann ein. Der Körper unterhält nur noch die lebenswichtigen Organe. Je nach Kleidung und Konstitution können ein, zwei Grad über Leben und Tod entscheiden. Wichtig ist auch der mentale Fokus, ein starker Wille kann überlebenswichtig sein.

Weshalb geht man dieses Risiko überhaupt ein?

Man lernt Menschen in Extremsituationen ganz neu kennen, intensive Gespräche und Freundschaften entstehen. Auf Bergtouren kann man zu einem Teil dieser kraftvollen Natur werden und ganz auf den Moment fokussieren– dieses Erlebnis ist unbezahlbar. Niemand will in den Bergen sterben – im Gegenteil, man geht bewusst mit diesen Gefahren um, nimmt situativ eine Risikoabschätzung vor: Lohnt es sich, das Risiko für diese Freude einzugehen?

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«Bei jedem kleinen Fehler kassiert man sofort die Rechnung»
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