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Nach dem Tod einer Ärztin nach harten Sexspielen stand nun der Sexpartner vor Gericht. Obwohl der Beschuldigte selbst Arzt ist, reanimierte er die Frau nicht. Doch wie konnte es so weit kommen? Eine Sexualexpertin klärt auf.

von

Julia Ullrich

Meret Steiger

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Im August 2015 starb eine 32-jährige Ärztin nach hartem Sex. 

Im August 2015 starb eine 32-jährige Ärztin nach hartem Sex.

privat

Am Mittwoch (17.03.2021) musste sich ihr Sexpartner, ebenfalls Arzt, vor dem Kantonsgericht St. Gallen verantworten. 

Am Mittwoch (17.03.2021) musste sich ihr Sexpartner, ebenfalls Arzt, vor dem Kantonsgericht St. Gallen verantworten.

20 Minuten

Ihm wird  mutmasslich fahrlässige Tötung und Unterlassung der Nothilfe vorgeworfen. 

Ihm wird mutmasslich fahrlässige Tötung und Unterlassung der Nothilfe vorgeworfen.

20 Minuten

  • Eine italienische Ärztin ist im August 2015 in St. Gallen nach mehrstündigen Sexspielen gestorben.

  • Ihr Sexpartner ist ebenfalls Arzt, dennoch wurde sie nicht reanimiert.

  • Der Arzt stand am Mittwoch vor Gericht. Ihm werden fahrlässige Tötung und Unterlassen der Nothilfe vorgeworfen.

  • Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die untergewichtige Frau aufgrund der Intensität und Dauer des Sexspiels verstarb.

  • Ines Schweizer ist Psychotherapeutin mit Spezialisierung auf Paare und Sexualität. Sie erklärt im Interview, wann Sex gefährlich wird.

Eine italienische Ärztin (32) ist im August 2015 nach stundenlangen Sexspielen in der Wohnung ihres Sexpartners in St. Gallen verstorben. Ihr Sexpartner, ebenfalls Arzt, musste sich wegen mutmasslicher fahrlässiger Tötung und Unterlassung der Nothilfe am Mittwoch in St. Gallen vor Gericht verantworten. Laut Anklageschrift kam es zuvor einvernehmlich zu intensiven Sexspielen und Geschlechtsverkehr, bei dem auch Spielzeuge und ein Nylonband für Fesselspiele benutzt worden sind. Zudem wies der Körper der Frau blaue Flecken, Kratzer und Narben auf. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die untergewichtige Frau, die 49 Kilogramm bei einer Grösse von 1.70 Metern wog, aufgrund der Intensität und Dauer des Sexspiels verstarb. Die Familie des Opfers vermutet ausserdem, dass die Frau mit K.O.-Tropfen betäubt worden war – diese konnten in ihrem Urin aber nicht nachgewiesen werden.

Ines Schweizer ist Psychotherapeutin mit Spezialisierung auf Paare und Sexualität, mit eigener Praxis in Luzern. Im Interview erklärt Schweizer, wann Sex gefährlich wird und worauf Beteiligte achten sollte.

Frau Schweizer, ab welcher Dauer oder Intensität kann Sex gefährlich werden?

Das hängt von vielen Faktoren ab. Einerseits von der körperlichen Fitness und dem Gesundheitszustand, andererseits aber auch von der Umgebung: So brauchen Beteiligte an warmen Orten beispielsweise mehr Flüssigkeitszufuhr. Zudem spielt auch die Art des Fetischs eine Rolle. Bei der Atemkontrolle etwa kann schnell ein Sauerstoffmangel auftreten.

Woran merkt man, dass es gefährlich wird?

Wenn sich die beiden Sexpartner gut kennen, kann man das Unwohlsein des Gegenübers an der Körperhaltung erkennen. Etwa an den Pupillen oder der Muskelspannung. Ich kann mir gut vorstellen, dass in diesem Fall der Arzt alle Warnzeichen übersehen oder missdeutet hat. Bei härteren Praktiken müssen die Partner*innen mindestens ein körperliches und ein verbales Zeichen vereinbaren – beispielsweise Handzeichen und ein Safe-Word (zu deutsch: Sicherheitswort). Das bedeutet, der*die Partner*in muss zwingend aufhören, wenn sein*ihr Gegenüber das Wort ausspricht oder das Zeichen macht. Ich empfehle auch, Pausen einzulegen und zu fragen, wie es dem anderen geht. Auch wenn Macht und Unterwerfung eine Rolle spielen, bei solchen Praktiken ist es wichtig, dass man nicht auf der Ego-Schiene fährt.

Welche Sexpraktik ist am gefährlichsten?

Gefährlich sind besonders Sexpraktiken, die mit der Atmung oder dem Kreislauf spielen, also beispielsweise Würgen und andere Arten von Atemkontrolle. Würgt man seine*n Partner*in zu stark oder am falschen Ort, kann dies zu schweren gesundheitlichen Schäden oder gar zum Tod führen. Wichtig ist auch, sich im Vorfeld die Zustimmung des anderen Parts einzuholen. Wird eine Person überrumpelt, kann es sein, dass diese aus Überforderung weder verbal noch non-verbal reagieren kann. Das kann, besonders bei einer solchen Praktik, verheerende Folgen haben.

Was sollte man bei Fessel-Sex beachten? Worin liegen die Gefahren?

BDSM-Praktiken erfordern sehr viel Sensibilität vom dominanten Part und viel Vertrauen vom submissiven Part. Wichtig ist, langsam damit anzufangen, sich kennenzulernen und die lustvollen Grenzen gemeinsam auszutesten. Geht es zu schnell, dann steigt die Gefahr, dass die Zeichen des Gegenübers nicht richtig gedeutet werden – beim submissiven Part kann das zu unschönen Erlebnissen, zu Verletzungen oder gar zum Tod führen.

Den Reiz der gefährlichen Praktik erklärt die Psychologin so: «Kontrollverlust und Unterwerfung können in einem sexuellen Kontext spannend sein. Man ist seinem*seiner Partner*in ausgeliefert und übergibt in dieser extremen Variante quasi die Kontrolle über Leben und Tod. Zum anderen löst der Sauerstoffmangel im Gehirn unter anderem Adrenalin aus, was zu euphorisierenden Gefühlen führen kann.» Doch die Folgen sind weitreichend: So kann man sich etwa beim Würgen tatsächlich übergeben und das Erbrochene einatmen, das dann in die Lunge gelangt. Daher wird empfohlen, vor dem Würgespiel nichts zu essen. Sonst kann man indirekt ersticken. Durch den übermässigen Druck auf die Halsschlagader kann es zudem zur Bewusstlosigkeit kommen. Ebenso kann die Luftröhre durch zu festes Anpacken verletzt werden. Dies kann mitunter zu Brüchen des Zungenbeins oder einer Luftröhrenschwellung führen. Auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen sollen keine Seltenheit sein. Denn wer sich regelmässig beim Sex würgen lässt, riskiert durch den hohen Sauerstoffmangel ernsthafte Herzerkrankungen. Auch Äderchen in den Augen oder im Mund können durch den wiederholten Druck platzen und unter anderem Aneurysmen auslösen.

«Beim Sex gibt es Warnzeichen – der Arzt muss sie übersehen oder missdeutet haben»
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