Daten und Visionen statt Erdöl oder Kalaschnikows: Wohin mit der Macht der neuen Oligarchen?

Mit der zunehmenden Marktbeherrschung von Google, Amazon, Facebook oder Microsoft stellt sich berechtigterweise die Frage: Wohin mit der Macht der Tech-Oligarchen?

Ein neuer Typus von Tech-Monopolisten hat der alten Unternehmergarde längst den Rang abgelaufen (von links oben im Uhrzeigersinn): Amazon-Gründer Jeff Bezos, Google-Mitgründer Sergey Brin, Facebook-CEO Mark Zuckerberg und Tesla-CEO Elon Musk.

Ein neuer Typus von Tech-Monopolisten hat der alten Unternehmergarde längst den Rang abgelaufen (von links oben im Uhrzeigersinn): Amazon-Gründer Jeff Bezos, Google-Mitgründer Sergey Brin, Facebook-CEO Mark Zuckerberg und Tesla-CEO Elon Musk.

Bilder: AP/Keystone

Ist von Oligarchen die Rede, denken die meisten sofort an zwielichtige russische Milliardäre. An Krisengewinnler, die im postsowjetischen Privatisierungschaos ihre politischen Verbindungen spielen liessen, um Reichtum zu schöpfen und den eigenen Einfluss auszuweiten.

Sie waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort und kannten die richtigen Leute, um sich die Taschen richtig vollzumachen. Meist geschah das über Rohstoff- oder Waffenhandel, in Russland gerne unter «Import-Export» zusammengefasst. Andere Verkaufsschlager gab es schliesslich nicht.

Bis heute bekommen vermögende russische Geschäftsleute fast automatisch den Titel «Oligarch» zugedacht, egal, ob sie Einfluss im Staatsapparat haben oder von diesem drangsaliert werden. In westlichen Industriestaaten glaubt man dagegen, oligarchische Strukturen hinter sich gelassen zu haben. Dabei bedeutet der Begriff ursprünglich nichts anderes als die «Herrschaft von wenigen (Reichen)». Und die Gefahr einer solchen ist heute, mit Verlaub, mitnichten obsolet.

Wirft man einen Blick auf die aktuelle Forbes-Liste der Vermögendsten, stellt man unschwer fest, dass auf der Pyramidenspitze keine neureichen Russen sitzen. Stattdessen dominiert dort ein neuer Unternehmertypus, und das schon seit einer Weile: der Tech-Milliardär. Gleich sieben Vertreter aus den Top Ten fallen in diese Kategorie: Jeff Bezos (Amazon), Elon Musk (SpaceX und Tesla), Bill Gates (Microsoft), Mark Zuckerberg (Facebook), Larry Ellison (Oracle), Larry Page und Sergey Brin (Alphabet).

Die Monopolstellungen ihrer Technologiekolosse ermöglichen ihnen Kapitalakkumulationen, wie sie derzeit in keiner anderen Branche vorstellbar sind. Statt mit Erdöl oder Kalaschnikows wird dort mit Daten und Visionen gehandelt, teilweise nicht weniger skrupellos. Und auch wenn die Tech-Milliardäre im Gegensatz zu ihren historischen Pendants bislang wenig Interesse an der Politik zeigen, ist es ihnen gelungen, in gewissen Bereichen neofeudale Abhängigkeitsverhältnisse

zu schaffen.

So erleben wir ausgerechnet mit dem Aufstieg der selbst ernannten Weltmodernisierer eine Renaissance jener altbekannten Strukturen, die viele im Westen für überwunden hielten. Diese neue Kaste der Industriebarone, Magnaten, Moguln, Tycoons oder Oligarchen, wie auch immer man sie nennen möchte, geht weit weniger plump vor als ihre Vorgänger.

Die Vertreter von «Big Tech» sind keine reaktionären Autokraten, sondern erheben Anspruch, den sozialen Fortschritt voranzutreiben. Dennoch verträgt sich ihr technokratischer Eifer bekanntlich wenig mit staatlichen Kontrollen oder demokratischen Entscheidungsprozessen. Auch von Steuern halten sie gemeinhin wenig. Stattdessen nutzen sie ihren Reichtum, um ihre Einflusssphären gezielt auszuweiten – und sich ab und an einen Bubentraum zu erfüllen.

Wie weit ihr Einfluss inzwischen reicht, lässt sich daran messen, wie viel Zeit wir jeden Tag mit ihren Produkten verbringen. Oder wann haben Sie das letzte Mal etwas auf Yahoo gegoogelt, ähm, gesucht?

Um beim Beispiel Google zu bleiben: Die 1997 in einer Garage gegründete Onlineplattform wickelt heute weltweit 90 Prozent aller Internetsuchen ab, dominiert den Werbemarkt und bestimmt damit massgeblich, wessen Produkte welche Kunden wann zu sehen bekommen. Berechtigterweise steht daher seit längerem die Frage im Raum: Wohin mit der Macht der neuen Tech-Oligarchen?

Was in Ländern wie Russland oder China passieren kann, wenn reiche Geschäftsleute in den Augen der Regierenden zu mächtig werden, ist bekannt. Den lästigsten Fliegen werden im besten Fall die Flügel gestutzt, im schlimmsten werden sie plattgemacht.

Aus der US-Geschichte gibt es ebenfalls Anschauungsmaterial: Nachdem der Ölbaron und weltweit erste Milliardär, John D. Rockefeller, seine Marktmacht im 19. Jahrhundert rücksichtslos ausgenutzt hatte, zerschlug die Regierung sein Unternehmen.

Heute scheint Washington dagegen eher ratlos, wie sie der Marktmacht von Google, Amazon und Facebook Herr werden kann. Den neuen Oligarchen ist auch weit schwerer beizukommen als ihren analogen Vorläufern, deren Macht sich in der Regel auf ein physisch begrenztes Gebiet beschränkte. Immerhin hat der US-Kongress jüngst signalisiert, endlich Ernst zu machen.

Diesen Sommer wurden gleich fünf Gesetzesanträge vorgelegt, um die grössten Tech-Konzerne zu regulieren. Bei einer Umsetzung des Vorhabens könnten Google und Amazon gar

zu einer Aufspaltung gezwungen werden.

Ob das sinnvoll wäre, ist Teil intensiver Auseinandersetzungen. Eines ruft uns die aktuelle Debatte aber immerhin in Erinnerung: dass die Oligarchie nicht ein auf den Osten beschränktes Phänomen ist.

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