Den Briten geht das Essen aus – der Lagerbestand befindet sich auf dem niedrigsten Niveau seit vier Jahrzehnten

Der Brexit sowie das Coronavirus führten dazu, dass billige Arbeitskräfte aus der EU fehlen. So entstehen klaffende Lücken in den Supermarktregalen – und bei McDonald’s gibt es wegen Lieferproblemen vorübergehend keine Milchshakes mehr.

In britischen Supermärkten bleiben viele Regale leer.

In britischen Supermärkten bleiben viele Regale leer.

Matthew Horwood

Der Sainsbury’s-Supermarkt im Nord-Londoner Stadtbezirk Harringay an einem ganz normalen Werktag zur Mittagszeit: In den Regalen klaffen Lücken allerorten. Egal, ob frische Milch, gekühlte Fertiggerichte oder monatelang haltbare Nudeln – überall ist die bunte Vielfalt der Konsumenten stark eingeschränkt.

Die Momentaufnahme von diesem Mittwoch wiederholt sich seit Wochen allerorten auf der Insel. Tankstellen bleiben geschlossen, in Supermarkt-Regalen herrscht gähnende Leere.

Die Fastfood-Kette Nando’s sah sich zur zeitweiligen Schliessung von 45 Filialen gezwungen, weil das Hauptnahrungsmittel Hähnchenflügel nicht in ausreichenden Mengen zur Verfügung steht. Diese Woche machte McDonald’s Schlagzeilen: Wegen «vorübergehender Lieferprobleme» muss die durstige Kundschaft bis auf weiteres auf ihre angestammten Milkshakes verzichten.

Wegen der andauernden Versorgungsschwierigkeiten schlagen Firmen und Lobbyverbände wie der Industrieverband CBI Alarm: Der Lagerbestand im Detailhandel befindet sich auf dem niedrigsten Niveau seit fast vier Jahrzehnten. Sogar EU-feindliche Medien müssen einräumen: Der Brexit gehört zu den wichtigsten Gründen für die mittlerweile dramatischen Engpässe. «Das lässt sich nicht mehr als kurzzeitiges Problem abtun», warnt Andrew Sentance von der Beratungsfirma Cambridge Econometrics. «Diese Situation könnte länger andauern als die Leute meinen.»

Engländer bangen um den Weihnachts-Truthahn

Aber wie lang? Auf die weisse Weihnacht verzichten die Briten schon seit Jahr und Tag. Diesmal könnte es zusätzlich zur Schlacht um die wichtigste Zutat zum traditionellen englischen Festessen kommen.

Wenn die Branche weiterhin so eklatanten Personalmangel erleide, könnten bis Dezember ein Fünftel der jährlich verzehrten Truthähne fehlen, warnt der Geflügelzüchter-Verband BPC in einem Brandbrief an Innenministerin Priti Patel. Das für Einwanderung zuständige Ministerium hat nämlich gering Qualifizierte zu unerwünschten Personen erklärt. Gerade diese aber seien «für die Aufrechterhaltung der Ernährung im Land ungemein wichtig», erläutern die Züchter.

Truthähne mögen nicht gerade als Grundnahrungsmittel gelten, doch die Klage der Branche ist bei weitem kein Einzelfall. Die Bauindustrie, Obst- und Gemüsebauern, die Gastronomie – allerorten fehlen günstige Arbeitskräfte.

Die Brexit-Regierung unter Premier Boris Johnson hat versucht, das Problem kleinzureden oder der Corona-Pandemie in die Schuhe zu schieben. Immer klarer aber kristallisiert sich als Hauptgrund der EU-Austritt heraus: Mit dem endgültigen Verlassen von Binnenmarkt und Zollunion haben EU-Bürger seit 1. Januar die Freizügigkeit auf der Insel verloren.

Nun fehlen der polnische Klempner und die rumänische Altenpflegerin, die spanische Kellnerin und der belgische Putzmann. Über die vergangenen Jahrzehnte haben Millionen junger Kontinentaleuropäer auf der Insel die schlecht bezahlten Jobs gemacht, zu denen die einheimische Bevölkerung nicht zu überreden ist.

Das flugs nach dem Brexit verabschiedete Einwanderungssystem der Regierung setzt dem Zuzug billiger Arbeitskräfte enge Grenzen. Von einzelnen Kontingenten für Branchen wie die Landwirtschaft abgesehen müssen Antragsteller bestehende Arbeitsangebote mit Mindesteinkommen vorweisen.

Sollte der Moment-Eindruck vom Nord-Londoner Sainsbury’s übertragbar sein, müssen sich die Briten wenigstens um bestimmte Konsumgutartikel keine Sorge machen: In den Alkohol-Regalen gibt es Bier, Wein und Schnaps in solch Hülle und Fülle, dass sich der Kummer über Versorgungsengpässe dauerhaft – womöglich sogar bis Weihnachten – ertränken lässt.

Den Briten geht das Essen aus – der Lagerbestand befindet sich auf dem niedrigsten Niveau seit vier Jahrzehnten
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