Der Arzt, dem die Flüchtlinge vertrauen – Arsalan Azzadin kümmert sich täglich um das Leid in der polnischen Grenzregion

Arsalan Azzaddin rettet in seinem ostpolnischen Spital verzweifelten Landsleuten das Leben – bis die Polizei wieder an die Türe klopft. Durch seinen unermüdbaren Einsatz seit Beginn der Flüchtlingskrise wurde er zu einer Berühmtheit.

Der Winter kommt – und mit ihm steigt die Gefahr für die gestrandeten Menschen in der Grenzregion.

Der Winter kommt – und mit ihm steigt die Gefahr für die gestrandeten Menschen in der Grenzregion.

Die Übermüdung ist hinter den dicken Brillengläsern kaum zu sehen. Arsalan Azzaddins Blick wirkt nach wie vor entschlossen. Der kurdische Arzt sitzt im blauen Kittel in seinem Büro neben der Notaufnahme des Spitals von Bielsk Podlaski, einer Kleinstadt rund 30 Kilometer westlich der polnisch-weissrussischen Grenze. Das hier ist Doktor Azzaddins Reich, hier ist er seit Jahren der Chef. Bisher hat das kaum jemanden interessiert. Mit der Flüchtlingskrise an der EU-Aussengrenze ist Azzaddin jetzt in Polen und Kurdistan auf einen Schlag berühmt geworden.

«Ich wollte mich überhaupt nicht in der Öffentlichkeit zeigen, glauben Sie mir», sagt Arsalan Azzaddin. Gerade hat er seine Schicht angetreten. Auf seiner Station liegen mehrere Dutzend Patienten aus Nahost, die meist halb erfroren aus den nahen Wäldern gerettet wurden. Verzweifelte Menschen, die vom weissrussischen Regime an die polnische Grenze getrieben wurden und dort gestrandet sind. Manche schwer verletzt und traumatisiert, nach einer wochenlangen Flucht durch die sumpfigen Waldgebiete.

33 Tage lang nur Zweige und dreckiges Wasser

Arsalan Azzaddin: nicht mehr nur Arzt, sondern mittlerweile auch Aktivist.

Arsalan Azzaddin: nicht mehr nur Arzt, sondern mittlerweile auch Aktivist.

Aargauer Zeitung

«Ihr werdet alle übers Ohr gehauen.»

«Ich habe nur drei Ziele», sagt der irakische Arzt: «Den Menschenstrom aufhalten, die Schlepper verhaften lassen und die Menschen zurück in ihre Heimatländer bringen.» Azzadidin weiss, wo man ansetzen müsste, um die Ursache der Fluchtbewegung zu stoppen: im irakischen Kurdistan und in Bagdad, wo Fluchtwillige bislang ganz leicht zu weissrussischen Visa gekommen sind. Deshalb hat sich Arsalan Azzaddin aus Bielsk Podlaskie an den Präsidenten der Autonomen Region Kurdistan gewandt und im kurdischen Fernsehen von den halb erfrorenen Landsleuten erzählt, die jetzt bei ihm auf der Intensivstation liegen.

«Ihr werdet alle übers Ohr gehauen: Niemand lässt euch an der EU-Grenze einfach nach Europe weiterreisen», hat er in eindringlichen Worten erklärt. Azzaddin ist in diesen Tagen nicht nur Intensivmediziner, sondern auch Präventions-Politiker.

Seine Munition im Kampf gegen die gefährlichen Fluchtversuche seiner Landsleute sind Zeugenberichte, die er seinen Patienten vor laufender Videokamera entlockt und dann an die kurdischen Fernsehstationen verschickt hat. Da erzählt eine Frau weinend, wie sie von den weissrussischen Grenzschützern geschlagen wurde, und wie sie mit ihrem 8-jährigen Sohn 33 Tage mit nur einer Flasche Mineralwasser im Wald ausgeharrt habe. Tannenzweige und dreckiges Wasser sei alles, was viele der Geflüchteten im Wald zum Überleben gefunden hätten, sagt Azzaddin.

Lieber Selbstmord als Rückkehr

Andere Flüchtlinge flehen auf den Videos ihren Landsmann im Arztkittel an, es nicht zuzulassen, dass sie wieder nach Weissrussland zurückgeschafft werden. «Lieber sterbe ich hier, als wieder hinter den Zaun zu müssen. Sogar Selbstmord ist besser», sagt ein Mittdreissiger.

«Erst die Videos mit den Augenzeugen haben die kurdische Öffentlichkeit und auch die Regierung wirklich bewegt», erzählt Azzaddin. Immer wieder blickt er auf seine Uhr blickt. Die Arbeit nebenan auf der Intensivstation steht nicht still.

Arsalan Azzaddin selbst ist Ende der Siebzigerjahre nach Polen gekommen, um Medizin zu studieren. Was nun in seiner Wahlheimat passiert, das besorgt ihn zutiefst. Klar, das Gesetz sei zu achten, sagt Azzaddin. Manchmal aber würden die Polizisten sogar hier bei ihm im Spital auftauchen und seine kaum geheilten Patienten in Handschellen legen und zurück an die Grenze fahren.

Falsch sei das, findet der Arzt: «Man sollte sie nicht zurückschicken, sondern nach Polen reinlassen und danach mit Flugzeugen zurück in den Irak schaffen.» Livebilder am Fernsehen von der Landung des Rückschaffungsfliegers im Irak, das würde die Nachahmer abschrecken, glaubt Azzaddin. Ihm wäre das mehr als recht. Er hat genug zu tun in diesen schwierigen Zeiten – auch ohne die traumatisierten Landsleute, die täglich aufs Neue in seiner Obhut landen.

Der Arzt, dem die Flüchtlinge vertrauen – Arsalan Azzadin kümmert sich täglich um das Leid in der polnischen Grenzregion
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