Der Ex-VW-Chef soll das Parlament belogen haben – jetzt droht ihm eine lange Gefängnisstrafe

Martin Winterkorn war Deutschlands Top-Manager. Jetzt droht dem Ex-VW-Boss eine hohe Gefängnisstrafe. Doch die «Diesel-Affäre» hatte etwas Gutes für den Konzern.

Martin Winterkorn, auf dem Bild im Untersuchungsausschuss des Bundestages: Hier soll er 2017 die Unwahrheit gesagt haben.

Martin Winterkorn, auf dem Bild im Untersuchungsausschuss des Bundestages: Hier soll er 2017 die Unwahrheit gesagt haben.

Felipe Trueba / EPA Januar 2017

Die sogenannte Diesel-Affäre bei VW holt den ehemaligen Top-Manager Martin Winterkorn abermals ein. Nun muss der heute 74-jährige Ex-VW-Boss 11,2 Millionen Euro aus der eigenen Tasche als Entschädigung für den im Zuge der Affäre entstandenen Schaden an den Konzern bezahlen. Auch andere ehemalige Top-Manager wie Ex-Audi-Chef Rupert Stadler (4,1 Millionen Euro) und weitere müssen Millionen an den Konzern zurückgeben.

Allerdings sind die Millionen der ehemaligen Top-Manager für den Konzern bloss ein Tropfen auf den heissen Stein. Die im Herbst 2015 aufgeflogene Diesel-Affäre kostete den Wolfsburger Konzern – zu dem neben Volkswagen Marken wie Skoda, Audi, Porsche oder Seat gehören – bis heute mehr als 30 Milliarden Euro an Schadenersatz. Winterkorn, Stadler und die anderen ehemaligen Manager steuern mit ihrem Privatvermögen zudem nur einen Teil an die nun ausgehandelte Rekord-Entschädigung von insgesamt 288 Millionen Euro bei. Der Grossteil der in jahrelanger Verhandlung vereinbarten Entschädigungssumme kommt von einem Konsortium für Managerhaftpflichtversicherer, darunter die Zurich und die Allianz. Winterkorn wird unter anderem wegen Verletzung aktienrechtlicher Sorgfaltspflichten zur Kasse gebeten.

Anklage wegen bandenmässigen Betrugs

Ungemach droht Winterkorn auch juristisch – in doppelter Hinsicht. Im Herbst muss sich der einstige Vorzeige-Manager vor dem Landgericht in Braunschweig wegen gewerbs- und bandenmässigen Betrugs im Zusammenhang mit den Abgas-Manipulationen an Millionen Autos verantworten – zusammen mit vier weiteren Managern. Aus dem Verfahren drohen harte Konsequenzen, im Raum steht eine Gefängnisstrafe von bis zu zehn Jahren. Gestern nun hat auch die Staatsanwaltschaft Berlin Anklage gegen Winterkorn wegen Falschaussagen erhoben. Winterkorn soll vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestages falsche Angaben über seinen Kenntnisstand in der Diesel-Affäre gemacht haben.

Der Ex-Manager bestritt im Januar 2017 vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss, vor September 2015 von den Dieselmanipulationen in seinem Konzern gewusst zu haben. Die Berliner Staatsanwaltschaft will nun Beweise vorlegen, dass Winterkorn spätestens seit Mai 2015 von den Manipulationen gewusst haben soll. Die Ankläger in Braunschweig gehen sogar davon aus, dass Winterkorn, der seit 1981 im Konzern in verschiedenen Funktionen tätig war, schon im Mai 2014 von den Schummeleien wusste. Die Abgasaffäre ist im Herbst 2015 in den USA aufgeflogen. Der Konzern hatte in mehreren seiner Modelle eine Software eingebaut, die dafür sorgte, dass im Prüfstand die Diesel-Motoren die in den USA besonders strengen Abgas-Grenzwerte einhielten. Im Normalbetrieb wurden die Grenzwerte hingegen deutlich überschritten.

«Winterkorn steht für das dunkelste Kapitel im VW-Konzern.»

Ferdinand Dudenhöffer vom CAR-Center Automotive Research

Ferdinand Dudenhöffer vom CAR-Center Automotive Research

Mike Auerbach (2016)

Ob Winterkorn tatsächlich ins Gefängnis muss, ist schwer abzuschätzen. Der Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer vom CAR-Center Automotive Research in Duisburg ist überzeugt, dass die Schummelsoftware in den VW-Dieselmodellen im Wissen des damaligen Managers eingebaut worden waren. «Er kannte jede Schraube von jedem VW-Modell. Er kannte die strengen Vorgaben in den USA. Von daher ist es schwer vorstellbar, dass er völlig ahnungslos war. Der Nachweis scheint allerdings nicht gelungen zu sein», sagt Dudenhöffer. «Winterkorn steht für das dunkelste Kapitel im VW-Konzern».

Doch die Diesel-Affäre habe auch den Erneuerungsprozess bei VW – generell bei deutschen Autobauern – eingeleitet.

«Dank der Diesel-Affäre ist Winterkorn weg und mit ihm all die Hardliner, die an der Diesel-Technologie festhalten wollten.»

Der Konzern habe spätestens 2016 «das Lenkrad um 180 Grad gedreht und ist auf den Elektroantrieb umgeschwenkt». Ohne die Affäre hätte VW diesen Umschwung kaum so rasch eingeleitet, Winterkorn wäre möglicherweise bis heute in einer führenden Position im Konzern tätig. Dudenhöffer sieht VW auf dem Weg zum «Weltmarktführer» in der Elektromobilität. «Die Dieselaffäre war der Super-GAU für VW. Zugleich steht die Affäre für einen erfolgreichen Neuanfang des Konzerns».

Der Ex-VW-Chef soll das Parlament belogen haben – jetzt droht ihm eine lange Gefängnisstrafe
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