Der neue Finma-Chef kommt aus der Versicherungswelt: Er ist kein Bankenschreck – jedenfalls noch nicht

Urban Angehrn ist in der Kreditwirtschaft unbekannt. Das muss für die Aufsichtsbehörde kein Nachteil sein.

Neuer Finma-Chef: Urban Angehrn.

Neuer Finma-Chef: Urban Angehrn.

Bild: zvg

Die Finanzmarktaufsicht bekommt einen neuen Direktor. Vier Monate nachdem der langjährige Finma-Chef Mark Branson seinen Wechsel an die Spitze der deutschen Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) bekannt gegeben hatte, ist dessen Nachfolger gefunden: Es handelt sich um den 56-jährigen Schweizer Urban Angehrn, der seit 2015 als Anlagechef in der Konzernleitung des Zurich-Konzerns sitzt. Er wird die Stelle im November antreten. So lange bleibt Jan Blöchlinger als Ad-interim-Chef für die operative Führung der Finma verantwortlich.

Angehrn ist promovierter Mathematiker und Master der theoretischen Physik (Harvard/ETH) und ausserhalb der Versicherungswirtschaft ein weitgehend unbeschriebenes Blatt. Doch der Mann bekleidet eine durchaus machtvolle und verantwortungsreiche Position. Versicherungsunternehmen gehören zu den gewichtigsten Investoren auf den Finanzmärkten. Bei der Zurich ist Angehrn Herr über ein Portefeuille an Kapitalanlagen im Wert von über 200 Milliarden Dollar.

Die mit den Investitionsentscheidungen einhergehenden Risiken sind im seit Jahren bestehenden Ultratiefzinsumfeld schwer einzuschätzen. Hinzu kommen die Gefahren, denen alle langfristigen Kapitalanlagen vor dem Hintergrund der potenziell gravierenden wirtschaftlichen Folgen der Klimaveränderung ausgesetzt sind. Diese Aspekte dürften für die Wahl Angehrns gesprochen haben. Dass grobe Fehleinschätzungen in der Anlagepolitik auch Banken in Nöte bringen können, beweist derzeit gerade die CS.

Ein Finma-Kenner gibt allerdings zu bedenken, dass in der Aufsichtsbehörde viel praktisches Wissen über alle Arten von Risiken in der Kreditwirtschaft unverzichtbar ist. Immerhin sind es seit 20 Jahren fast nur die Banken, die mit ihren Investment-Aktivitäten, aber auch mit der Annahme dubioser Kundengelder übermässige Risiken eingehen und so die Sicherheit der bei ihnen liegenden Spargelder gefährden.

Good Cop, Bad Cop – oder umgekehrt

So gesehen, scheint Angehrn mit 14 Zurich-Jahren eher etwas unterdotiert zu sein. Obschon der Mann in früheren Jahren auch für Banken gearbeitet hatte, haben diese derzeit kaum viel Grund, ihren neuen Chefaufseher allzu sehr zu fürchten. Angehrns Job könnte noch schwieriger werden, wenn Blöchlinger, der die Bankenaufsicht bis zu seiner zwischenzeitlichen Beförderung zum Ad-interim-Direktor während sechs Jahren ausgeübt hatte, seine hierarchische Rückstufung mit der Kündigung quittieren sollte.

Doch wer so denkt, rechnet vielleicht zu wenig mit der neuen Finma-Präsidentin Marlene Amstad. Die 52-jährige Ökonomin gilt als gut vernetzt und als sehr zupackend. Ihr Gremium treffe «in allen Geschäften von grosser Tragweite» die Entscheidungen, betonte sie kurz nach Amtsantritt.

Die Aufgabenteilung zwischen Präsidium und Direktorium war in der erst elfjährigen Geschichte der Finma als politisch selbstständige Behörde immer wieder ein Thema. Während das Präsidium im Spannungsfeld zwischen Aufsicht und Beaufsichtigten bislang meist einen politisch-moderierenden Part übernahm und dem Direktor den Rücken für dessen Rolle als «Bad Cop» freihielt, könnte die neue Konstellation eine Veränderung dieses Drehbuches bringen.

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