Der Weltpolizist USA dankt ab

US-Präsident Joe Biden hat sich verkalkuliert: Innerhalb von wenigen Tagen übernahmen die Taliban die Macht in Afghanistan, 20 Jahre Militäreinsatz sind umsonst. Trotzdem gibt es gute Gründe für den Rückzug der US-Truppen.

US-Rückzug aus Afghanistan: Szene vom Flughafen in Kabul.

US-Rückzug aus Afghanistan: Szene vom Flughafen in Kabul.

AP

An Amerikas Wesen soll die Welt genesen. So könnte man eine Rede interpretieren, die Hillary Clinton im Mai 2018 hielt. Sie sprach an der Harvard-Universität über Aussenpolitik, ich sass im entzückten Publikum. Es unterbrach Clinton mit Applaus, wenn sie die «America First»-Politik von Donald Trump kritisierte. Nur wenn Amerika auch für die Welt schaue, schaue es für sich selber und handle im eigenen Interesse. Trumps Strategie, nach und nach Truppen aus Konfliktgebieten wie Afghanistan zurückzuholen, sei ein Fehler. Ich notierte mir einen Satz, den ein Uni-Vertreter danach zu Clinton sagte: «Sie sind eine Inspiration für Menschen auf der ganzen Welt.»

Das war, ob bei Demokraten und Republikanern, lange das amerikanische Selbstverständnis: Wir sind die wirtschaftlichen, kulturellen und eben auch sicherheitspolitischen Anführer der Welt. Wir sind etwas ganz Besonderes. Amerikanischer Exzeptionalismus nennt sich diese Ideologie.

Biden machts wie Trump – nicht wie Hillary Clinton

Clinton glaubte damals, die USA würden wieder zum alten aussenpolitischen Führungsverständnis zurückkehren, sobald Trump, gegen den sie 2016 verloren hatte, abgewählt würde. Welch ein Irrtum! Der Demokrat Joe Biden versprach im Wahlkampf 2020 nichts anderes als Trump: Er werde die Soldaten heimholen.

Der neue US-Präsident hielt Wort. Im April 2021 kündigte er an, die Truppen würden Afghanistan bis zum 11. September verlassen, genau 20 Jahre nach den Anschlägen von New York 2001. Polit-Profi Biden erkannte, dass das kriegsmüde amerikanische Volk eine Dauerpräsenz in Afghanistan nicht unterstützen würde. Auch aus wahltaktischen Gründen brach er mit der Philosophie, die nicht nur Hillary Clinton, sondern auch die Republi­kaner George Bush senior (Irak-Krieg 1991) und George W. Bush junior (Befreiung Afghanistans von den Taliban nach 9/11) verfolgten, nämlich überall dort einzugreifen, wo es aus ihrer Sicht im Interesse Amerikas und der dortigen Bevölkerung war.

Die fatale Fehleinschätzung der Amerikaner

Der Rückzug als solcher konnte also niemanden überraschen. Wohl aber die Tatsache, wie Biden, der als Senator über Jahrzehnte Aussenpolitik machte, sich bei dessen Umsetzung verkalkulierte. Biden sagte noch vor kurzem, die Armee der afghanischen Regierung sei eine der «bestgerüsteten» überhaupt. Abermilliarden von Dollar hatten die Amerikaner in die dortigen Streitkräfte investiert. Das erwies sich als fatale Fehleinschätzung. Die US-Soldaten hatten Afghanistan noch nicht einmal komplett verlassen, da kollabierte die Regierungsarmee, die Taliban ­überrollten das Land innerhalb von wenigen Tagen. Das einzig Positive daran war, dass es nicht zu Schlachten und Blutvergiessen kam. Die afghanischen Truppen kapitulierten ­kampflos.

Die Bilder vom Flughafen in Kabul, der noch unter US-Kontrolle stand, gehen in die Geschichte ein: Menschen versuchen dem Steinzeit-Regime der Taliban zu entkommen, indem sie sich an ein amerikanisches Flugzeug klammern. Es war eine Demütigung für das stolze Amerika, dass das eigene diplomatische Personal unter chaotischen Umständen ausgeflogen werden musste.

Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende

Joe Biden wird für diese Fehleinschätzung von politischen Gegnern und vielen Medien mit Häme übergossen. Wie konnte das nur passieren? Und wofür eigentlich haben amerikanische Soldaten in den letzten 20 Jahren in Afghanistan gekämpft, wenn man jetzt wieder gleich weit ist wie damals: Bei der Herrschaft der Islamisten?

Berechtigte Fragen. Doch Biden hat nicht unrecht, wenn er sagt, dass es bei einem US-Abzug in einem, in fünf oder in zwanzig Jahren vielleicht auch nicht anders herausgekommen wäre. Und dass Amerika nicht Generationen von Soldaten nach Afghanistan schicken könne. Biden zieht ein Ende mit Schrecken einem Schrecken ohne Ende vor. Für die afghanische Bevölkerung aber, vor allem für die Frauen, geht der Schrecken erst jetzt los. Der Paradigmawechsel der US-Politik bedeutet letztlich auch: Der Welt­polizist dankt ab und überlässt jeden seinem eigenen Schicksal.

Der Weltpolizist USA dankt ab
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