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Ein Bericht zeigt gravierende Führungsmängel bei RTS. Mitarbeitende und Gewerkschafter fordern, dass die Rolle von SRG-Chef Gilles Marchand untersucht wird.

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«Ich werde mich für Null-Toleranz einsetzen»: Gilles Marchand ist seit Anfang 2017 Generaldirektor der SRG. Vorher war er Direktor des Westschweizer Radio und Fernsehen RTS.

«Ich werde mich für Null-Toleranz einsetzen»: Gilles Marchand ist seit Anfang 2017 Generaldirektor der SRG. Vorher war er Direktor des Westschweizer Radio und Fernsehen RTS.

Urs Jaudas

Hier wird Radio gemacht: RTS-Sitz in Lausanne.

Hier wird Radio gemacht: RTS-Sitz in Lausanne.

20min/Vanessa Lam

Da war er noch RTS-Direktor, in diese Zeit fallen auch Vorwürfe betreffend Unternehmenskultur: Gilles Marchand 2016 in Lausanne.

Da war er noch RTS-Direktor, in diese Zeit fallen auch Vorwürfe betreffend Unternehmenskultur: Gilles Marchand 2016 in Lausanne.

VQH

  • Der dritte Untersuchungsbericht betreffend Sexismus-Vorwürfen bei RTS enthält deutliche Kritik an den Vorgesetzten.

  • Im Bericht des Genfer Anwaltsbüros Collectif de Défense werden 230 Fälle sowie eine despektierliche und herablassende Kultur geschildert.

  • Es stellt sich die Frage nach der Verantwortung des damaligen RTS-Direktors und heutigen SRG-Generaldirektors Gilles Marchand. Mitarbeiter und Gewerkschafter fordern eine Untersuchung seiner Rolle.

Als das Genfer Anwaltsbüro Collectif de Défense am Donnerstag bei der RTS in Lausanne seinen Untersuchungsbericht vorstellte, war die Stimmung emotional. Das erzählen Personen, die anwesend waren. Zwei RTS-Mitarbeiterinnen hätten geweint, als sie zum Mikrofon gegriffen haben. Insgesamt waren wenige Leute anwesend. Wegen Corona haben sich die meisten vom Home-Office aus zugeschaltet.

Im Bericht werden über 200 Fälle von sexuellen, rassistischen oder sonstigen diskriminierenden Übergriffen geschildert. Generell ist von einem despektierlichen und herablassenden Umgang mit Mitarbeitenden die Rede, wie der «Tages-Anzeiger» berichtete.

Die SRG hält den Bericht geheim, da er Namen von Zeugen und Beschuldigten enthält. Wenige Gewerkschaftsvertreter konnten ihn einsehen, mussten dafür aber eine Geheimhaltungsklausel unterschreiben.

Die Rolle von SRG-Chef Gilles Marchand

Mitarbeitende von RTS sowie Gewerkschaftsvertreter bezweifeln, dass SRG-Generaldirektor Gilles Marchand der Richtige sei, um beim Westschweizer Ableger einen Kulturwandel herbeizuführen. Denn Marchand ist als früherer RTS-Direktor (2011 bis 2017) mitverantwortlich für die Vorfälle.

Es sei fraglich, ob Marchand die richtige Person sei, um eine neue Kultur zu etablieren, sagt Valérie Perrin, Verantwortliche der Mediengewerkschaft SSM in Lausanne und Genf. «Marchands Glaubwürdigkeit ist aus der Sicht des Personals beschädigt.» Nicht nur, weil er während der betreffenden Zeit RTS-Direktor gewesen sei, sondern auch, weil er nach Bekanntwerden der Vorwürfe im Herbst 2020 kommunikativ ungeschickt reagiert habe. Valérie Perrin fordert zumindest eine lückenlose Aufklärung der «Verantwortungskette» bei RTS und eine Durchleuchtung der Rolle von Gilles Marchand.

Etwas verhaltener äusserten sich RTS-Mitarbeiter an der Informationsveranstaltung vom Donnerstag. Sie stellten offen Fragen zu Marchands Verantwortung und wie diese geklärt werde. In informellen Gesprächen bezweifeln einige, dass sich mit Gilles Marchand an der Unternehmensspitze wirklich tiefgreifend etwas verändern werde.

Der Bericht des Anwaltsbüros Collectif de Défense ist der dritte Bericht in dieser Angelegenheit. Nachdem «Le Temps» Ende Oktober 2020 erstmals über Vorwürfe von Mobbing und Sexismus bei RTS berichtet hatte, gab die SRG mehrere Untersuchungen in Auftrag. Auch beim Tessiner Radio und Fernsehen hat es Vorwürfe gegeben. Ein Mitte April 2021 publizierter Bericht beleuchtete den arbeitsrechtlichen Aspekt der geschilderten Vorfälle und entlastete die meisten Beschuldigten.

Im neusten Bericht geht es um die Vorfälle selber sowie um die Kultur bei RTS. Dieser Bericht ist deutlich kritischer gegenüber den RTS-Verantwortlichen, wie informierte Personen sagen. Zwei RTS-Mitarbeiter wurden suspendiert, da gegen sie eine Untersuchung eingeleitet wurde. Der Bericht wird aus Datenschutzgründen geheimgehalten. (blu)

Die SRG wiederum reagierte am Donnerstag mit einem Communiqué und informierte über 25 Massnahmen, die am Mittwoch beschlossen worden waren und teilweise schon in Umsetzung seien. Darunter die Einführung eines neuen Ethik-Kodex, die Einrichtung einer externen Untersuchungsstelle in jeder Sprachregion, eine Schulung für Kadermitarbeitende zum Schutz der persönlichen Integrität der Mitarbeitenden, regelmässige Mitarbeiter-Befragungen und zahlreiche mehr.

Generaldirektor Gilles Marchand entgegnet auf die Vorwürfe von Mitarbeitenden und Gewerkschaften auf Anfrage von «20 Minuten». Er werde sich persönlich dafür einsetzen, dass überall in der SRG «Null-Toleranz am Arbeitsplatz» sichergestellt werde. Er habe sich eingehend mit der «inakzeptablen Situation» befasst und sei betroffen über die Vorkommnisse. Gleichzeitig sei er überzeugt, dass die SRG gestärkt aus dieser Krise hervorgehen werde.

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«Die Glaubwürdigkeit von Gilles Marchand ist beschädigt»
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