Die Nationalbank lässt den Franken in Richtung Parität mit dem Euro steigen –weil gleichzeitig die Inflationsdifferenz zum Ausland grösser wird

Der Euro-Wechselkurs nähert sich immer weiter der Parität zum Franken an. Die Hoffnung liegt im Dollar.

Lassen den Franken an der längeren Leine: Das SNB-Direktorium mit Fritz Zurbrügg, Thomas Jordan und Andréa Maechler (von links).

Lassen den Franken an der längeren Leine: Das SNB-Direktorium mit Fritz Zurbrügg, Thomas Jordan und Andréa Maechler (von links).

Michele Limina

1.10 Franken pro Euro – das ist in etwa der mittlere Wechselkurs, der das Verhältnis der beiden Währungen seit fast sieben Jahren definiert. Anfang 2015 hatte die Nationalbank den Euro-Mindestkurs von 1.20 Franken aufgehoben und dem Devisenmarkt wieder mehr Einfluss auf die Bestimmung des Wechselkurses gewährt.

Natürlich war die Marke von 1.10 Franken nie in Stein gemeisselt. Im Frühjahr 2018 zum Beispiel, hatte es in der Eurozone einen konjunkturellen Lichtblick gegeben, der Hoffnungen auf einen baldigen Beginn der geldpolitischen Normalisierung weckte und dem Euro eine Aufwertung auf über 1.15 Franken erlaubte.

Spätestens ab Beginn der Pandemie Anfang 2020 wurden die Hoffnungen in der Eurozone auf einen baldigen Ausstieg aus der Welt der Negativzinsen aber definitiv zur Makulatur. Somit musste auch die Schweizerische Nationalbank (SNB) das ungeliebte Negativzinsregime weiterführen. «Wir wissen inzwischen alle hinlänglich, dass Unsicherheit immer wieder zu erhöhter Nachfrage nach Franken führen und verstärkten Aufwertungsdruck auslösen kann», erklärte SNB-Chef Thomas Jordan am Donnerstag wieder, bei der letzten geldpolitischen Lagebeurteilung im ausklingenden Jahr.

Zurück ins Jahr 2015, als der Mindestkurs eingeführt wurde

Am negativen Leitzins von -0,75 Prozent hat die Nationalbank deshalb erwartungsgemäss nichts verändert. Verändert hat sich aber der Euro-Frankenkurs. Dieser kam der Marke von 1.04 Franken am Donnerstag sehr nahe. Der Kurs bewegt sich wieder etwa dort, wo er vor bald sieben Jahren nach der Aufhebung des Euro-Mindestkurses in einer ersten Panikreaktion des Devisenmarktes gelandet, aber nicht lange geblieben war.

Diesmal aber dürfte es kein zurück zu der alten 1.10er-Marke mehr geben. Dies gab Jordan seinen Zuhörern am Donnerstag in der verschlüsselten Sprache eines Notenbankers ausreichend deutlich zu verstehen. Zwar räumte Jordan ein, dass sich der Franken im Zug der Pandemie gegenüber den Währungen der wichtigsten Handelspartner der Schweiz im Zug der Pandemie um weitere sechs Prozent aufgewertet habe.

Im gleichen Atemzug betonte er aber auch, dass die Inflationsdifferenz zwischen der Schweiz und diesen Handelspartnern in der jüngeren Zeit stark zugenommen hat. Während die SNB 2022 für die Schweiz mit einer durchschnittlichen Teuerung von immer noch nur einem Prozent rechnet, geht man in der Eurozone von einer Inflation im 2022 von rund drei Prozent und in den USA sogar von rund vier Prozent aus.

Die nominale Aufwertung des Frankens bedeutet deshalb nicht eine reale Aufwertung im gleichen Mass, erklärte Jordan. Tatsächlich besagt die ökonomische Theorie, dass Preisunterschiede zwischen Ländern mit einem regen Handel längerfristig durch Wechselkursanpassungen ausgeglichen werden. Steigen die Preise im Land A schneller als im Land B muss sich die Währung im Land A abwerten oder im Land B aufwerten, bis die Preisdifferenz ausgeglichen ist. Dahinter steht die Idee, dass der Markt keine dauerhaften Preisunterschiede für leicht handelbare Güter zulässt.

Zeitpunkt für Parität noch nicht gekommen

Natürlich liess sich Jordan nicht tiefer in die Karten seiner Wechselkurspolitik schauen. Doch für Alexander Koch, Ökonom bei Raiffeisen Schweiz, sendet die SNB seit einiger Zeit doch relativ deutliche Signale aus. Sie habe die Aufwertung des Euro von knapp 1.10 Franken im Sommer 2021 auf das Niveau von 1.05 Franken ohne grossen Widerstand zugelassen, stellt er fest. Doch in der vergangenen Woche habe sie markant stärker interveniert. «Dies zeigt mir, dass der Zeitpunkt für einen paritätischen Wechselkurs zwischen Euro und Franken für die Nationalbank noch nicht gekommen ist», sagt Koch.

Hoffen können die SNB und die Schweizer Exporteure, dass der Dollar für die Investoren in nächster Zeit eine attraktivere Anlagewährung und Alternative zum Franken wird. Dem alten Euro-Franken-Kurs sollten sie aber besser nicht länger nachtrauern.

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