Die negativen Ereignisse bei der Credit Suisse häufen sich – die Grossbank steht an der Wegscheide

Die Bank läuft seit vielen Jahren einem Rückstand auf die Konkurrenz hinterher. Ohne grundlegend neuem Plan werden ihr die Aktionäre kein frisches Geld mehr geben.

Eine Nummer zu klein für grosse Wall-Street-Deals: Credit Suisse wird aus der Archegos-Pleite einige schmerzliche Lehren ziehen müssen.

Eine Nummer zu klein für grosse Wall-Street-Deals: Credit Suisse wird aus der Archegos-Pleite einige schmerzliche Lehren ziehen müssen.

Alba Vigaray / EPA

Zuerst die Greensill-Pleite, dann die Archegos-Pleite. Die Credit Suisse hat innerhalb von vier Wochen Verluste eingefahren, die den grössten Teil des diesjährigen Gewinns oder sogar noch mehr aufzehren könnten. Der Aktienkurs ist innerhalb von vier Wochen um ein Viertel eingebrochen und inzwischen deuten die fallenden Notierungen der Credit-Suisse-Obligationen auf dem Kapitalmarkt an, dass auch Gläubiger damit begonnen haben, Schuldpapiere der Bank abzustossen. Dies ist mit Blick auf die kritische Lagebeurteilung einflussreicher Kreditanalysten auch nicht weiter verwunderlich.

Standard & Poor’s, eine der weltweit führenden Agenturen zur Bewertung von Kreditrisiken von Firmen und Staaten, schreibt am Mittwoch in einem Rating-Update: Die Vorfälle bei Credit Suisse legten Mängel im Risiko-Management offen und zeigten einen Risikoappetit der Bank, der mit deren aktuellen Bonitätsbenotung nicht mehr im Einklang stehe.

Schon kurz vor Jahresende hatte die Bank ihre Kapitalgeber mit unerwartet schlechten Nachrichten geweckt. Wertberichtigungen aus Altlasten, die teilweise 15 Jahre in die Vergangenheit zurückreichen, kosteten das Institut die Kleinigkeit von 1,2 Milliarden Franken.

Vier scheinbar unabhängige Unfälle stehen in einem Zusammenhang

Zwischen diesen vier Ereignissen ist auf den ersten Blick kein direkter Zusammenhang zu erkennen. Ein solcher tritt bei näherer Betrachtung der Leistungswerte aber eindeutig zu Tage.

Die Credit Suisse bemüht sich seit Jahren, ihre wirtschaftliche Situation besser darzustellen als sie ist, und sie unternimmt alles, um den Rückstand auf die Konkurrenz aufzuholen. Dieser ist irgendwann nach der Finanzkrise entstanden und zu einem veritablen Graben herangewachsen. So erwirtschaftete die UBS im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre eine mehr als doppelt so hohe Eigenkapitalrendite als Credit Suisse.

Grund dafür sind nicht nur die verlustreichen Restrukturierungsjahre unter dem vormaligen Credit-Suisse-Chef Tidjane Thiam. Die Leistungsdifferenz ist vielmehr konstant und auch in unfallarmen Jahren zu beobachten.

Der eklatante Leistungsunterschied hat verschiedene Ursachen. Einen erheblichen Vorteil geniesst die UBS aufgrund ihres im Konkurrenzvergleich sehr grossen Vermögensverwaltungsgeschäftes. Dieses absorbiert wenig Eigenkapital und bringt im Prinzip stabile Gewinne – wenn nicht gerade Strafzahlungen in Milliardenhöhe fällig werden, wie dies bei UBS demnächst in Frankreich der Fall werden könnte.

Die deutlich grössere Investment Bank der Credit Suisse erweist sich dagegen zunehmend als Nachteil. Die Aufsichtsbehörden haben nach der Finanzkrise höhere Eigenkapitalauflagen gemacht, um den Banken den Appetit auf allzu grosse Risiken zu verderben. Es gibt auch das Argument, dass Investment Banken den hoch bezahlten Managern und Tradern primär als Selbstbedienungsvehikel dienen.

Die Credit Suisse hat in den vergangenen Jahren krampfhaft versucht, ihren Rückstand aufzuholen. Dabei hat sie offensichtlich Möglichkeiten gefunden, trotz verschärfter Kapitalvorschriften sehr hohe Risiken einzugehen. Das zeigt sich beispielhaft am Fall Archegos. Von den vier hauptbeteiligten Banken Goldman Sachs, Morgan Stanley, Nomura und Credit Suisse sind die beiden Letzteren mit grossem Abstand die Kleinsten. Dementsprechend setzen ihnen die erwarteten Milliardenverluste viel stärker zu als den beiden US-Grossbanken.

Auch die Greensill-Pleite weckt den Verdacht, dass die Credit Suisse die eigene Risikovorsorge und ihre treuhänderischen Pflichten im Umgang mit Investorengeldern lange Zeit sträflich vernachlässigt hat, um ein Geschäft mit kleinen Margen so aufzublasen, dass es hohe Gewinne abwirft.

Weitermachen wie bisher ist keine Option mehr

Jetzt ist die Credit Suisse an einem Punkt angelangt, an dem sie den Rückstand auf die Konkurrenz nicht mehr verbergen kann. Gut möglich, dass die Bank fünf Jahre nach der letzten Kapitalerhöhung ihre Aktionäre erneut um frisches Geld angehen muss. Bei der Gelegenheit könnten diese die Frage aufwerfen, ob die Bank als eigenständiges Institut überhaupt noch eine Zukunft hat. Sicher ist, dass die Credit Suisse jetzt an einer Wegscheide steht. Weitermachen wie bisher ist keine Option mehr.

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