Die Swisscom will mit Geld von Salt das Internet schneller machen – doch darf sie das überhaupt?

Die Telekomfirma Salt überweist der Swisscom Geld für langjährige Nutzungsrechte für Glasfaserkabel. Die Konkurrenz tobt: Mit einem Trick versuche die Swisscom, Auflagen der Behörden zu umgehen.

Die Swisscom setzt auf die Glasfaser.

Die Swisscom setzt auf die Glasfaser.

Keystone

Um etwa 100 Millionen Franken wächst der Umsatz der Swisscom dieses Jahr, weil die Konkurrenz investiert. Denn die Telekomfirma Salt ist eine Partnerschaft mit der Swisscom eingegangen: Sie erwirbt sich langjährige Nutzungsrechte für die Glasfaserkabel, welche die Swisscom in den nächsten Jahren verlegt.

Glasfaserkabel sind die Voraussetzung für richtig schnelles Internet – und sind damit in Zeiten von Homeoffice, Streaming-Boom und Online-Gaming gefragter denn je. Die Swisscom erreicht mit ihren Glasfaserkabeln bereits etwa 30 Prozent der Bevölkerung vor allem in städtischen Gebieten. Bis 2025 will sie die Abdeckung von Geschäften und Wohnungen auf 60 Prozent verdoppeln.

Die Kapazität für einzelne sinkt

Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied zur ersten Ausbauetappe, der nun sogar das Bundesverwaltungsgericht beschäftigt. In Städten baute die Swisscom ihr Glasfasernetz nach der «Point-To-Point»-Methode (P2P) auf. Vereinfacht gesagt erhält damit jede Wohnung ihre eigene Glasfaserleitung bis zur Swisscom-Zentrale. Im jetzigen Ausbauschritt setzt die Swisscom auf «Point-To-Multipoint» (P2MP). Mehrere Kunden teilen sich eine Glasfaserleitung von der Zentrale bis zu einem sogenannten Splitter.

Damit sinkt die Kapazität, welche einzelnen Kunden zur Verfügung gestellt werden kann. Der Bau ist aber günstiger. Es handle sich um die «weltweit anerkannte Methode, wie Glasfasernetze in ländlichen Regionen gebaut werden», sagte Swisscom-Chef Urs Schaeppi am Donnerstag im Rahmen der Präsentation der Quartalszahlen.

Umgeht die Swisscom die Weko?

Doch Konkurrenten der Swisscom, welche sich bei dieser mangels eigener Netze einmieten müssen, können ihren Kunden mit der P2MP-Methode weniger Bandbreite anbieten – und sind abhängig von der Technologie, welche die Swisscom vorgibt. Fredy Künzler, Chef des Winterthurer Internetanbieters Init7, hat deshalb letztes Jahr die Swisscom bei der Eidgenössischen Wettbewerbskommission (Weko) angezeigt. Mit der neuen Architektur könne er Kunden nur noch zehnmal tiefere Internetgeschwindigkeiten anbieten und werde zum faktischen Wiederverkäufer der Swisscom, sagte er zu SRF.

Mitte Dezember hat die Weko der Swisscom mittels vorsorglicher Massnahmen verboten, P2MP-Netze zu bauen, wenn sie ihrer Konkurrenz keinen Layer-1-Zugang zur Verfügung stellt. Darunter wird eine eigene physische Leitung von der Zentrale zum Kunden verstanden, die frei wählbare Geschwindigkeiten und Preise ermöglicht. Nun erhält zwar Salt einen Layer-1-Zugang, aber die übrige Konkurrenz muss sich mit Layer-3-Zugängen zufrieden geben, wenn sie nicht selber in den Ausbau der Swisscom investiert. Dabei handelt es sich um virtuelle Zugänge ohne eigene physische Infrastruktur, bei denen die Swisscom die Rahmenbedingungen vorgibt.

Weko ermahnte die Swisscom

Dass die Swisscom trotzdem weitere P2MP-Netze mit finanzieller Hilfe von Salt bauen will, ruft nun die Weko auf den Plan. Die Details der Zusammenarbeit seien ihr zwar noch nicht bekannt, sagt Vizedirektorin Carole Söhner. Die Swisscom scheine zumindest Salt einen Layer 1-Zugang zu gewähren. «Die Weko wird prüfen, ob die nun angedachte Variante zielführend ist und mit den vorsorglichen Massnahmen dahingehend vereinbar ist, dass Swisscom ihr Glasfaser-Netz weiter ausbauen kann.»

Die Weko habe die Swisscom «mehrfach auf die Notwendigkeit zur Gewährung eines zielführenden Layer-1-Zugangs für Dritte aufmerksam gemacht», sagt Söhner. Die Swisscom fechtet die vorsorglichen Massnahmen der Weko derzeit vor dem Bundesverwaltungsgericht an. Das Verfahren ist hängig. Die Weko erwartet einen Entscheid «in nächster Zukunft».

Die Swisscom sieht kein Problem

Parallel dazu führt die Weko ihr Untersuchungsverfahren gegen die Swisscom weiter, das 2022 abgeschlossen werden soll. Es war Ende 2020 eröffnet worden. «Es besteht die Gefahr, dass Swisscom beim Bau des Glasfasernetzes Konkurrenten vom Markt ausschliesst», begründete die Weko damals.

Und wie kommentiert die Swisscom ihr Vorgehen? Sie weist darauf hin, dass Salt neu einen eigenen physischen Layer-1-Zugang erhalte, auf dem die Firma eigene Services anbieten und betreiben könne. Zudem habe die Swisscom kürzlich ein neues Layer-1-Angebot für weitere interessierte Firmen lanciert. «Der Vertrag mit Salt und das neue Angebot zeigen, dass der Wettbewerb zwischen den verschiedenen Anbietern sehr gut funktioniert und im Einklang mit den Zielen der Wettbewerbsbehörde steht», sagt eine Sprecherin. Die Swisscom sei offen für weitere Zusammenarbeiten mit interessierten Firmen.

Konkurrenz spricht von «Totgeburt»

Fredy Künzler von Init7 sieht das anders. Das neue Layer-1-Angebot der Swisscom basiere auf dem Standard NGPON2, der sich global nicht durchgesetzt habe. Das heisse, dass Equipment zu marktfähigen Preisen nicht beschafft werden könne. Vor dem Bundesverwaltungsgericht habe sich die Swisscom vor einem Monat selbst von diesem Standard distanziert. Eine Marktuntersuchung der Weko habe zudem gezeigt, dass alternative Internetanbieter den Standard als untauglich ablehnten.

Kein anderer Anbieter werde je konkurrenzfähige Produkte mit diesem Standard anbieten können. Künzler spricht von einer «Totgeburt ohne jegliche Marktchance». Vermutlich versuche die Swisscom damit, die Verfügung der Weko aufheben zu lassen. Künzler glaubt, dass demnächst auch Sunrise UPC ein Abkommen mit der Swisscom abschliesst, wie es Salt getan hat. Sonst werde Sunrise UPC im Nachteil sein gegenüber den anderen beiden grossen Playern. Künzler sagt:

«Alle anderen Provider haben mit diesem Alibiprodukt das Nachsehen, was den Kreis der wettbewerbsfähigen Provider auf maximal drei reduzieren wird.»

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