Ein Putschversuch mit MeToo-Fällen und einer Medienkampagne: Über diesen Skandal stolperte Heinrich Christen

Der Autoimporteur Amag und der Industriekonzern Swiss Steel trennen sich von ihrem Verwaltungsrat Heinrich Christen. Er wurde als Beteiligter einer irren Kampagne beim Wirtschaftsprüfer EY geoutet.

Amag-Ex-Verwaltungsrat Heinrich Christen.

Amag-Ex-Verwaltungsrat Heinrich Christen.

Urs Bucher

Mancher Filmproduzent würde die Story als übertrieben ablehnen, welche die «Handelszeitung» Anfang April veröffentlichte. Die Recherche zeichnet Vorgänge beim Schweizer Ableger des Wirtschaftsprüfers Ernst Young (EY) nach. Es fehlt an nichts: Intrigen, MeToo-Anschuldigungen und manipulierte Medien spielen eine zentrale Rolle.

Nachdem die «Sonntagszeitung» am Wochenende Heinrich Christen als einen der Beteiligten geoutet hatte, teilten der Autoimporteur Amag und die Swiss Steel Group mit, dass sich Christen entschieden habe, von seinen Ämtern zurückzutreten. Beide Firmen stehen unter der Kontrolle von Martin Haefner. Doch worum geht es?

Der CEO als «Nazi-Spion»

Den Beginn nahm die Geschichte am 13. Juni 2018. Das Finanzportal «Inside Paradeplatz» (IP) vermeldete, dass EY gegen ihren Schweiz-CEO ermittle. Es gehe um Interessenkonflikte, Nichteinhaltung der Unabhängigkeit und illegale Themen. Eine Falschmeldung, so die «Handelszeitung».

In den nächsten Monaten sollten sich ähnliche Anschuldigungen häufen. Etwas später wirft das Portal dem Schweizer CEO mit Verweis auf eine anonyme Quelle Anmassung vor, weil er sich mit dem CEO-Titel schmücke – ein Titel, den er offiziell innehatte. In den Kommentarspalten der Publikation wird der CEO als «Nazi-Spion» und «Nullnummer» verhöhnt.

Rache als Motiv?

Nach weiteren negativen Artikeln setzte EY laut der Zeitung im Herbst 2018 ein sogenanntes Defense-Team ein, um die Quelle der Meldungen zu eruieren. Im Oktober 2018 folgte der nächste Paradeplatz-Artikel, in dem einer EY-Partnerin unterstellt wurde, sie sei nicht Partnerin geworden, «weil sie so gut war, sondern weil sie ihre Vorgesetzten mit ihrem Aussehen verzauberte».

Im Sommer 2019 habe sich der Verdacht bestätigt, dass Insider bei dieser Medienkampagne am Werk seien, und zwar aktive und ehemalige EY-Partner. Sie wollten den Schweiz-Chef und seine Führungscrew «verjagen», so die «Handelszeitung». Ein Kadermann soll davon gesprochen haben, diese sollten «abgeräumt» werden. Das mutmassliche Motiv: Rache für verweigerte Beförderungen, Macht, finanzieller Profit.

Fingierte Briefe gegen Kadermann

EY klagte erstmals gegen «Inside Paradeplatz» und gewann. Das Portal musste die Story zur Partnerin löschen. Wenig später erhielten EY-Kunden wie die UBS oder die ZKB anonyme Post. Dort wurde auf die Artikel verwiesen. Die Firmen wurden aufgefordert, die Geschäftsbeziehungen abzubrechen. An den Schweizer EY-Verwaltungsratspräsidenten ging ein Brief von drei anonymen Frauen, die die Entlassung eines Kadermanns forderten, der sie belästigt haben soll. Auch dieses Schreiben wird bei IP veröffentlicht. Es sei mit hoher Wahrscheinlichkeit fingiert, schreibt die «Handelszeitung».

Nun stieg auch der «Tages-Anzeiger» in die Berichterstattung ein. Er berichtete in mehreren Artikeln über «MeToo» bei EY. Es ging um einen Kadermann, der eine Mitarbeiterin sexuell belästigt haben soll. Auch dieser Fall präsentierte sich laut der Recherche anders: Beide hätten sich anzügliche Nachrichten geschickt. «Jetzt habe ich auch einen Partner, der ein Auge auf mich geworfen hat», schrieb die Frau in einem Chat. Nachdem ihr eine geforderte Lohnerhöhung von 35 Prozent verweigert worden war, liess sie sich krankschreiben und zeigte den Partner an.

EY legte eine Falle

Genau zum Publikationstag des Artikels habe die professionelle Campaining-Firma Campax beim EY-Sitz an der Zürcher Hardbrücke ein Plakat ausgerollt, auf dem der globale Chef von EY gezeigt wurde mit der Aufforderung, er solle bei EY Schweiz «aufräumen».

Etwas später tappt einer der Verschwörer allerdings in eine Falle. Die EY-Europachefin verschickte ein Mail in 15’000 leicht modifizierten Versionen. Als das Mail erneut bei IP landete, konnte EY einen Kadermann als Quelle identifizieren. Er wurde fristlos entlassen, gab aber weitere Details und Namen preis. Das EY-Team fand laut der Zeitung einen Operationsplan, der den Namen «Walküre» trug – wie das erfolglose Sprengstoffattentat auf Adolf Hitler im Jahr 1944. Im Plan seien drei Stufen beschrieben worden: Aufbau einer Oppositionsgruppe unter EY-Partnern, Manipulation von Medien und anonyme Briefkampagnen. In Dokumenten finden die EY-Forensiker den Nazigruss «Heil Hitler» und ein Hakenkreuz.

Welche Rolle spielte Christen?

Die TX Group als Herausgeberin des «Tages-Anzeiger» nahm gegenüber der «Handelszeitung» keine Stellung, weil eine Klage von EY hängig ist. IP lässt sich damit zitieren, das Portal führe keine Kampagnen, sondern «bleibe an den Themen dran».

Von Heinrich Christen soll laut der «Sonntagszeitung» das Mail stammen, in dem von der «Operation Walküre» die Rede ist. Mit Hitlergruss und Hakenkreuz habe er nichts zu tun. Die Zeitung identifiziert ihn als einen der Beteiligten der «Intrige». Christen lässt sich zitieren, er habe sich 2019 nach über 20 Jahren bei EY entschieden, das Unternehmen zu verlassen und sich künftig als Verwaltungsrat zu betätigen. Er sei «im besten Einvernehmen» ausgeschieden.

Obwohl sich eigentlich jeder Vergleich verbittet: Der EY-Version des «Unternehmen Walküre» war wie ihrem historischen Vorbild kein Erfolg vergönnt. «In der Wirtschaftswelt macht der Artikel der ‹Handelszeitung› die Runde», schreibt die «Sonntagszeitung». Die Frage ist wohl nicht ob, sondern wann der nächste Mitverschwörer auffliegt.

Ein Putschversuch mit MeToo-Fällen und einer Medienkampagne: Über diesen Skandal stolperte Heinrich Christen
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