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Nachbarländer greifen wegen steigender Covid-Zahlen zu Massnahmen. Auch die Schweiz müsse handeln, warnt ein Infektiologe. Politikerinnen und Politiker fordern Booster-Impfungen für alle.

von

Bettina Zanni

Seline Bietenhard

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Die Corona-Situation spitzt sich in den Nachbarländern wieder zu. In den Niederlanden warnen die Krankenhäuser vor einer drohenden Überlastung.

Die Corona-Situation spitzt sich in den Nachbarländern wieder zu. In den Niederlanden warnen die Krankenhäuser vor einer drohenden Überlastung.

20 Minuten / Jacqueline Straub

Auch die Schweiz steuert auf 4000 neue Corona-Fälle pro Tag zu.

Auch die Schweiz steuert auf 4000 neue Corona-Fälle pro Tag zu.

20min/Jacqueline Straub

Infektiologe Andreas Widmer fordert, dass die Schweiz handelt.  «Es kann nicht sein, dass die Schweiz erneut einen Sonderweg fährt», sagt Widmer.

Infektiologe Andreas Widmer fordert, dass die Schweiz handelt. «Es kann nicht sein, dass die Schweiz erneut einen Sonderweg fährt», sagt Widmer.

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  • In den Nachbarländern spitzt sich die Corona-Situation wieder zu.

  • Auch in der Schweiz gehen die Fallzahlen wieder nach oben.

  • Laut Infektiologe Andreas Widmer ist es zu spät, wenn die Schweiz in drei Wochen Massnahmen ergreift.

  • Politikerinnen und Politiker wollen bei den Booster-Impfungen ansetzen.

Die Corona-Situation spitzt sich in den Nachbarländern wieder zu. In den Niederlanden warnen die Krankenhäuser vor einer drohenden Überlastung. Mit über 16’300 gemeldeten Fällen in den letzten 24 Stunden übertraf das Land den bisherigen Rekord von 13’000 Fällen im letzten Dezember. Zur Debatte steht ein erneuter Lockdown.

Auch Österreich kämpft mit steigenden Zahlen von Covid-Patientinnen und -Patienten auf den Intensivstationen. Ab Sonntag will die Regierung Ungeimpfte in den Lockdown schicken. Bereits seit Montag gilt dort eine 2G-Regel. Verschärft hat sich die Lage auch in Deutschland, wo in einigen Bundesländern Operationen verschoben werden müssen und Intensivstationen voll sind. Am Freitag forderte der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) eine 2G-Plus-Regel.

«Wir dürfen nicht warten, bis uns das Wasser am Hals steht»

Die Schweiz steuert auf 4000 neue Corona-Fälle pro Tag zu. Am Freitag wurden zudem mit rund 70 Hospitalisationen so viele Corona-Patientinnen und -Patienten wie seit Wochen nicht mehr ins Spital eingeliefert. Nach wie vor zu tief ist die Impfquote. Infektiologe Andreas Widmer fordert, dass die Schweiz handelt. «Es kann nicht sein, dass die Schweiz erneut einen Sonderweg fährt. Die Nachbarländer sind nicht dümmer als wir.» Die Fall- und Hospitalisationszahlen hinkten jeweils drei Wochen hinterher. «Die Epidemie ist wie ein Öltanker. Wenn wir bremsen, geht es nochmals 30 Kilometer, bis er stehen bleibt.»

Laut Widmer ist es zu spät, wenn die Schweiz in drei Wochen Massnahmen ergreift. «Wir dürfen nicht warten, bis uns das Wasser am Hals steht. Dann ist es zu spät, um zu reagieren.»

Ungeimpfte sollten anderen Platz nicht wegnehmen

Es habe sich gezeigt, dass die Grundimmunisierung bei älteren Personen drei Impfungen brauche. «Die Booster-Impfung muss für alle Erwachsenen, die eine solche wollen, ab sofort verfügbar sein.» Dies, auch wenn sich diese später als nicht zwingend nötig erweisen sollte. Als Beispiel erwähnt er Israel, wo die Fallzahlen nach der Booster-Impfung zusammengebrochen seien.

Auch brauche es scharfe Massnahmen, um die Impfquote zu erhöhen, so Widmer. «Wer ungeimpft wegen Covid im Spital landet, soll den Platz nicht einem anderen dringenden Patienten wegnehmen, der einen gesundheitlichen Schaden dadurch erfährt.»

Politiker fordern Booster-Impfung für Gefährdete

Auch Politikerinnen und Politiker sehen Handlungsbedarf. «Mir wäre Antizipieren statt Beobachten und immer eher zu spät reagieren seit mehr als anderthalb Jahren ein Anliegen», sagt GLP-Nationalrat Martin Bäumle. Zudem sollten breit Booster-Impfungen nach sechs Monaten für alle zugelassen werden. «Nun ist eine hohe Rate der Booster-Impfungen für über 65-Jährige, das Gesundheitspersonal und für alle, die es wollen, zuzulassen», sagt Bäumle.

Von einer 2G-Regelung rate er hingegen eher ab, solange es noch andere Möglichkeiten wie CO2-Richtwerte zur Reduktion der Aerosolübertragung gebe, die nicht ausgeschöpft seien. «Faktisch gibt 2G nicht viel mehr Sicherheiten, wäre aber natürlich ein massiver Druck zum Impfen. Ob dies in der aktuell aufgeheizten Stimmung hilfreiche wäre, wage ich zu bezweifeln.» Es sei jetzt besonders wichtig, dass die getroffenen Massnahmen von möglichst allen eingehalten würden.

2G-Regel wird kritisch angesehen

Auch FDP-Nationalrat Marcel Dobler sagt, es sei jetzt die Priorität, den vulnerablen Personen eine freiwillige Booster-Impfung anzubieten. «Die gefährdeten Personen müssen sich eigenverantwortlich schützen können.» Der FDP-Nationalrat findet den Entscheid des BAG, mit weiteren Massnahmen noch zuzuwarten, «völlig richtig». «In der Schweiz sind wir aktuell weit von einer Entwicklung wie beispielsweise in Dänemark bei den schweren Verläufen entfernt», so Dobler. Laut dem FDP-Nationalrat müsse eine 2G-Regel wie in Österreich oder ein Lockdown für Ungeimpfte die absolut letzte Massnahme sein, die zur Diskussion steht. «In der aktuellen Situation gibt es keinen Grund, vorauseilende Massnahmen zu ergreifen.»

SVP-Nationalrätin Therese Schläpfer findet 2G in der Schweiz fehl am Platz. «Wir müssen dem Ausland nicht alles nachmachen», so Schläpfer. Umliegende Länder hätten damals strengere Massnahmen als die Schweiz ergriffen, der Schweiz sei es aber immer besser gegangen. «Das Wichtigste für die nahe Zukunft ist jetzt, dass die über 70-Jährigen die Booster-Impfung erhalten und dass sich der Bundesrat um eine Zulassung der neuen vielversprechenden Medikamente zur Behandlung von Covid-19 bemüht.»

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Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Safezone.ch, anonyme Onlineberatung bei Suchtfragen

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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«Es kann nicht sein, dass die Schweiz erneut einen Sonderweg fährt»
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