Freund des verhafteten Bloggers: «Ich erkenne Spuren von Schlägen auf diesen Bildern»

Franak Viačorka kennt den entführten Roman Protasewitsch seit zehn Jahren. Er kritisiert die mangelnde Härte Europas gegenüber Lukaschenko – und erklärt, warum ihm die Verhaftung Angst macht.

Der inhaftierte Blogger Roman Protasewitsch.

Der inhaftierte Blogger Roman Protasewitsch.

Bild: Getty

(24. Mai 2021)

Der weissrussische Journalist Franak Viačorka (33) kennt den in Minsk verhafteten Blogger und Dissidenten Roman Protasewitsch von gemeinsamen Protestaktionen für freie Wahlen in Weissrussland. Sie arbeiteten zusammen für regierungskritische Medien und organisierten Demonstrationen. Viačorka wurde deshalb mehrmals inhaftiert, bis er wie Protasewitsch im vergangenen Jahr ins Exil ging. Von dort aus arbeitet er derzeit als Berater der nach Litauen geflohenen weissrussischen Präsidentschaftskandidatin Swetlana Tichanowskaja.

Sie kennen den verhafteten Blogger Roman Protasewitsch persönlich. Was für ein Mensch und Journalist ist er?

Franak Viačorka: Roman war ein Paradebeispiel für alle politischen Revolutionäre im digitalen Zeitalter. Er nutzte alle Möglichkeiten der neuen Medien für seine Arbeit. Ich lernte Roman bereits vor zehn Jahren bei Demonstrationen kennen.

Welche Rolle spielte er bei den Protesten gegen das weissrussische Regime?

Er marschierte immer ganz weit vorne mit bei den Demonstrationen, die er mitorganisiert hatte. Schliesslich fing er an, Fotos von den Protesten zu schiessen, und kommentierte sie auf seinem Blog. Wir arbeiteten später als Journalisten für die gleichen regierungskritischen Medien. Egal, was er tat, Roman war immer mutig und voller Ideen. Damit hat er besonders andere junge Menschen inspiriert.

Roman Protasewitsch mit einer Nachricht aus dem weissrussischen Gefängnis.

Youtube

Haben Sie nähere Informationen, wie es Roman Protasewitsch geht? Laut einem am Montag aufgetauchten Video, das ihn zeigt, sitzt er derzeit in einem Gefängnis irgendwo in Weissrussland.

Wir wissen nicht genau, was mit Roman passiert ist. Es scheint klar, dass er verhört wurde. Weissrussische Gefängnisse sind schreckliche Orte. Roman sah schlecht aus auf dem Video, das von ihm im Staatsfernsehen von Belarus gezeigt wurde. Es lassen sich Spuren von Schlägen erkennen auf diesen Bildern. Seine Freundin Sofia Sapega war mit ihm in der Ryanair-Maschine, die zum Landen gezwungen wurde. Sie wurde in das berüchtigte Okrestina-Gefängnis gebracht. Wir versuchen nun, mit beiden über Anwälte Kontakt aufzunehmen.

War die erzwungene Landung in Minsk für Sie eine Überraschung?

Für alle in der Exil-Opposition ist das ein furchtbarer Schock. Wir haben daran gedacht, dass so etwas mal passieren könnte, es aber immer für unmöglich gehalten. Es erschien uns zu unrealistisch und zu verrückt, alle Normen zu brechen, nur um einen von uns zu verhaften. Lukaschenko verhält sich nun wie ein unberechenbarer General aus dem Kalten Krieg. Ich glaube, es gibt bei der Aktion zwei Adressaten. Zum einen sollten die Europäer erkennen, wie egal es Lukaschenko ist, was sie denken. Zum anderen wollte er Russland zeigen, dass er als starker Mann sogar den Himmel über Belarus unter Kontrolle hat. Dennoch sehe ich keine Strategie hinter seinem Handeln. Es erscheint mir als weiterer Beweis, dass Lukaschenko aus dem Bauch he­raus entscheidet, ohne die Folgen einzukalkulieren. Dafür wird er jetzt einen hohen Preis bezahlen.

Die EU hat nun ihren Luftraum für belarussische Flugzeuge gesperrt. Reicht das aus?

Brüssel sollte nicht länger warten, sondern endlich entschieden handeln. Die EU muss Strafen verhängen für alle in Lukaschenkos Apparat, die hinter dieser Operation stecken und für alle, die nicht nur Roman entführt, sondern auch andere Journalisten oder Dissidenten unterdrückt haben. Das muss auch für Richter und Staatsanwälte gelten, die sich an der Repression beteiligen. Ein Aktivist starb vor einigen Tagen angeblich an einem Herzinfarkt hinter Gittern. Auch da muss es Druck geben, damit der Vorfall untersucht wird. Ich glaube, dass eine mangelnde Reaktion der EU in den vergangenen Jahren in Belarus ein Gefühl der Straflosigkeit für alle möglichen Vergehen befördert hat. Das führt uns jetzt in diese Lage, in der Lukaschenko zu wirklich wahnsinnigen Mitteln greift.

Werden Sie selbst noch ein Flugzeug besteigen, dass belarussischen Luftraum durchquert?

Sicherlich nicht. Wir werden in Zukunft sehr vorsichtig sein müssen und unsere Sicherheitsvorkehrungen verstärken. Ich denke dabei nicht nur an Swetlana Tichanowskaja selbst, sondern an alle, die wie ich in ihrem Stab arbeiten. Wir wissen, dass Lukaschenkos Regierung und sein ganzer Sicherheitsapparat in diesem Moment gegen uns arbeiten.

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