Hatten alle Impfwilligen eine Chance? – Noch hat kein Kanton dem Bund geantwortet

Wenn alle Impfwilligen die Chance zum Piks hatten, will der Bundesrat die «Normalisierungsphase» einläuten. Noch hat dies aber kein Kanton dem Bund gemeldet. Derweil drängen Epidemiologen auf weitere Öffnungen.

Massnahmen lockern, weil alle die Chance auf eine Impfung hatten? – Die Kantone müssen dem Bund das erreichen des Ziels melden.

Massnahmen lockern, weil alle die Chance auf eine Impfung hatten? – Die Kantone müssen dem Bund das erreichen des Ziels melden.

Keystone

Der Ruf nach weiteren Lockerungen der Coronamassnahmen wird lauter. Nach Politikern und Wirtschaftsführern stimmen nun auch Epidemiologen darin ein. «Jeder und jede hat nun die Gelegenheit gehabt, sich impfen zu lassen», sagt Marcel Tanner, Epidemiologe und ehemaliges Mitglied der wissenschaftlichen Taskforce des Bundes. Deshalb sei nun «der Zeitpunkt gekommen, dass der Staat die Vorschriften lockert und nach und nach fallen lassen kann.» Wie Tanner der «SonntagsZeitung» (SoZ) weiter sagte, gestattet es die aktuelle Coronasituation darum, dass der Bundesrat «im Verlauf des Augusts» die nächste und letzte Phase ausruft. Denkbar seien dabei Lockerungen der Maskenpflicht beim Einkaufen oder der Zertifikatspflicht für Restaurants und Veranstaltungen.

Ähnlich argumentierte bereits am Samstag Epidemiologe Marcel Salathé im Interview mit den Tamedia-Zeitungen. Er stellt sich damit ebenfalls gegen eine vom Bund und von Kantonen derzeit diskutierte Ausweitung der staatlichen Zertifikatspflicht. Denn wie Tanner befürchtet auch Salathé, dass sich wegen des Konflikts zwischen Geimpften und Ungeimpften das politische Klima in der Schweiz weiter vergiftet. Einen etwas vorsichtigeren Weg schlägt in der «SoZ» derweil Epidemiologe Andreas Cerny vor: Verschlechtere sich die Entwicklung nicht weiter, und gebe es bei der Impfung nach den Ferien einen Schub, seien «im September Lockerungen und ein Schritt Richtung Normalisierung möglich».

Der Bund will Antwort auf eine Frage

Konnten sich alle Interessierten impfen lassen? – Anders als für Epidemiologen und Politiker ist dies für den Bund derzeit die alles entscheidende Frage, wenn es darum geht, ob die Coronamassnahmen weiter gelockert respektive die Normalisierungsphase ausgerufen werden kann. Fragt man dazu beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) nach, gibt es am Sonntag ein deutliches Nein: «Insgesamt ist festzustellen, dass noch nicht alle Menschen, die sich impfen lassen wollen, dies auch getan haben.» Das schreibt ein BAG-Sprecher auf Anfrage von CH Media und bestätigt damit einen Bericht der «NZZ am Sonntag». Zur Begründung verweist er auf Rückmeldungen der Kantone, Umfragen und das eigene Monitoring der laufenden Impfkampagne.

Das Ziel vorgegeben hat zwar der Bund, allen voran Gesundheitsminister Alain Berset bei zahlreichen Auftritten. Doch entscheiden, ob alle Willigen bereits die Gelegenheit zur Impfung hatten, müssen am Ende die Kantone. Und bis Sonntag hat das BAG laut dem Sprecher noch keine entsprechende Meldung erhalten. Einer der Kantone, die mit der Impfung am weitesten fortgeschritten sind, ist Bern. «Eine Rückmeldung an den Bund ist in Vorbereitung», bestätigt der Sprecher der Gesundheitsdirektion. Allerdings kritisiert er auch, dass sich der vom BAG vorgegebene Zeitplan zunehmend nach hinten verschiebe, je mehr Massnahmen unternommen werden müssten, um noch mehr Willige zum Gang in die Impfzentren zu bewegen.

Ländliche Kantone kritisieren Ziel

Laut einer Umfrage der «NZZaS» ebenfalls weit fortgeschritten sind die Kantone AG, AR, GE, GL, SG und ZG. Wie Bern will laut dem Bericht auch der Kanton Zürich «Mitte/Ende August» Bilanz ziehen und sein Fazit dem Bund melden. Das Bundes-Ziel noch deutlich verfehlen derweil die Kantone BL, BS, LU, OW, SZ.

Die drei Kriterien, die der Bund in seinem Phasenmodell zur Lockerung aufgestellt haben, haben es allerdings in sich. So müssen Impfwillige erstens innerhalb zweier Werktage einen Termin bekommen. Zweitens soll dieser in der Wohngegend wahrgenommen werden können. Und drittens muss das Angebot die Nachfrage mindestens eine Woche deutlich übertreffen. Kantone, die das Ziel laut «NZZaS» deutlich verpassen, kritisieren denn auch, dass gerade in ländlichen Regionen das Angebot noch nicht gegeben sei. Zudem rechnen einige Kantone damit, dass das Impfen nach den Sommerferien nochmals ein Schub erfahren wird.

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