High Noon in Sarnen OW: Ex-Weltfussballer Platini sagt zur «Schweizerhof»-Affäre um Fifa-Boss Infantino aus

Der ehemalige Fussballer Michel Platini sagte in Sarnen OW vor Sonderermittler Stefan Keller zur Fifa-Affäre aus – und war beeindruckt.

Abstieg vom Rathaus Sarnen: Michel Platini (rechts) mit Anwälten.

Abstieg vom Rathaus Sarnen: Michel Platini (rechts) mit Anwälten.

Bild: Henry Habegger (Sarnen, 17. März 2021)

Um zehn Uhr am Mittwoch hatte der ehemalige Weltklassefussballer, die «Nummer 10» der Franzosen, im Rathaus zu Sarnen OW anzutreten. Zwei Anwälte hatte Michel Platini (65) dabei, als er als «Auskunftsperson» die steile Rathaustreppe hinaufstieg und vor den ausserordentlichen Bundesanwalt Stefan Keller trat.

Michel Platini.

Michel Platini.

Tatyana Zenkovich / EPA

Dreieinhalb Stunden später erschien das Trio wieder auf der Rathaus-Treppe, Platini voran. «Ich bin sehr froh, vor einem wirklich unabhängigen Schweizer Staatsanwalt aussagen zu können», sagte der Franzose zu CH Media. Auf den Inhalt der Befragung wollte er nicht eingehen. Auf die lange Dauer der Anhörung angesprochen, stöhnte Platini, das Kontrollieren des Protokolls, das auf Deutsch abgefasst sei, habe viel Zeit in Anspruch genommen.

Ominöse «Schweizerhof»-Treffen als Auslöser

Warum Sonderermittler Stefan Keller, gleichzeitig Obergerichtspräsident in Obwalden, den Franzosen nach Sarnen vorlud: Er ermittelt gegen Fifa-Chef Gianni Infantino und alt Bundesanwalt Michael Lauber im Zusammenhang mit deren heimlichen Treffen, die sie vorzugsweise im Berner «Schweizerhof» abhielten und von denen die Bundesanwaltschaft entgegen den einschlägigen Vorschriften keine Protokolle anfertigte.

Stefan Keller.

Stefan Keller.

Keystone

Kellers Auftrag ist es, abzuklären, ob an den Treffen strafbare Handlungen begangen wurden. Auslöser war ein Interview von Markus Mohler, ehemaliger Staatsanwalt und Polizeikommandant, bei CH Media. Mohler gab an, es bestehe der Verdacht, dass Infantino den Bundesanwalt bei den Treffen zu Delikten angestiftet haben könnte: Er nannte Begünstigung, Amtsmissbrauch oder Amtsgeheimnisverletzung. «Infantino hatte offensichtlich ein eminentes Interesse, die von der Bundesanwaltschaft bis dahin geführten Verfahren im Fussballzusammenhang in eine bestimmte Richtung zu lenken», sagte Mohler im Mai 2020.

Verdacht: Arnold ist im Auftrag Infantinos bei Lauber vorstellig geworden

Eine Frage, der Keller nachgeht: Waren Geheimtreffen dazu da, Platini als Fifa-Präsident zu verhindern und die Bahn für Infantino frei zu machen?

Im Fokus steht ein Treffen vom Juli 2015, das Infantinos Kumpel Rinaldo Arnold, Walliser Staatsanwalt, mit Bundesanwalt Lauber zusammenführte. Lauber und Arnold lieferten später unterschiedliche Versionen darüber, worum es bei dem Treffen gegangen sein soll. Es steht der Verdacht im Raum, den schon die Aufsichtsbehörde über die Bundesanwaltschaft (AB-BA) in ihrer Disziplinarverfügung gegen Lauber äusserte: Dass Arnold im Auftrag für Infantino bei Lauber vorstellig wurde. Dass Infantino herausfinden wollte, ob die Bundesanwaltschaft gegen Platini sowie den damaligen Fifa-Präsidenten Joseph Blatter ermittelte.

Michael Lauber.

Michael Lauber.

Keystone

Es besteht auch der Verdacht, dass es am Treffen bereits um das Strafverfahren ging, das die Bundesanwaltschaft zwei Monate später, im September 2015, gegen Blatter und Platini eröffnete. Das war das Verfahren um die zwei Millionen Franken, die die Fifa 2011 an Platini zahlte. Für Beraterdienste, wie Blatter und Platini sagen. Die Bundesanwaltschaft sieht darin aber Delikte wie ungetreue Geschäftsbesorgung und neuerdings Betrug. Sicher ist: Nach Einleitung des Strafverfahrens 2015 wurde Platini von der Fifa gesperrt. An seiner Stelle wurde 2016 Infantino zum Fifa-Boss.

Gianni Infantino, FIFA-Präsident, am Hauptsitz der FIFA in Zürich, 20. Oktober 2020.

Gianni Infantino, FIFA-Präsident, am Hauptsitz der FIFA in Zürich, 20. Oktober 2020.

Severin Bigler

Gestern in Sarnen dürfte es auch darum gegangen sein, was Platini über die Vorgänge im Jahr 2015 weiss. Sein Berner Anwalt Dominic Nellen sagte nach der Anhörung in Sarnen: «Herr Platini konnte heute endlich vor einem unabhängigen Staatsanwalt aussagen, der das Dossier kennt, sich für die Zusammenhänge interessiert und der die richtigen Fragen stellte. Das hat Herrn Platini positiv überrascht, denn die Bundesanwaltschaft führt umgekehrt seit fünf Jahren ein Verfahren, das ihn vorverurteilt und das ihm grossen Schaden zufügt.»

Zollinger und Arnold hörten in Sarnen mit

An der Befragung dabei waren als Zuhörer David Zollinger, Anwalt von Infantino, und Infantinos Kumpel Arnold. Als Beschuldigte in Keller-Verfahren haben sie das Recht, Befragungen zu verfolgen.

Platini war bereits am Montag einvernommen worden, diesmal von Thomas Hildbrand, Staatsanwalt des Bundes. «Am Montag führte die Bundesanwaltschaft mit meinem Mandanten die Schlusseinvernahme im Verfahren um die Zahlung von zwei Millionen durch», sagt sein Anwalt Nellen. «Ich bin nach wie vor sehr zuversichtlich, was den Ausgang des Verfahrens betrifft.» Es wird damit gerechnet, dass die Bundesanwaltschaft Anklage erheben will.

Auch mit Blatter (85) war die Schlusseinvernahme angesagt, aber er ist nach mehreren Herzoperationen nicht vernehmungsfähig.

Für alle Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.

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