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Nach der Geburt entsprachen Mirjams Geschlechtsteile keiner Norm – doch darüber reden konnte sie mit niemandem. Nach einer Operation setzt sie sich heute für die Rechte von intergeschlechtlichen Menschen ein.

von

Alexander Wenger

Zora Schaad

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Mirjam ist intergeschlechtlich. Sie wurde mit einem Mikropenis – oder einer grossen Klitoris – geboren.

Mirjam ist intergeschlechtlich. Sie wurde mit einem Mikropenis – oder einer grossen Klitoris – geboren.

Privat

Als Kind wurde Mirjam im Inselspital Bern behandelt. Was dort gemacht wurde, entzieht sich ihrer Kenntnis. Einsicht in die Krankenakte hat sie nie erhalten. (Symbolbild)

Als Kind wurde Mirjam im Inselspital Bern behandelt. Was dort gemacht wurde, entzieht sich ihrer Kenntnis. Einsicht in die Krankenakte hat sie nie erhalten. (Symbolbild)

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Als ihre Mitschüler*innen in die Pubertät kamen, wurde Mirjams Situation nicht besser. (Symbolbild)

Als ihre Mitschüler*innen in die Pubertät kamen, wurde Mirjams Situation nicht besser. (Symbolbild)

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  • Mirjam wurde mit einem Mikropenis – oder einer grossen Klitoris – geboren.

  • Sie hat XY-Chromosomen, hat sich aber immer als Mädchen gefühlt.

  • Im Spektrum der Intergeschlechtlichkeit gibt es rund 40 Variationen.

  • Mirjam wurde an den Geschlechtsorganen operiert – ohne Wissen um ihre Intergeschlechtlichkeit. Heute engagiert sie sich öffentlich: Intergeschlechtliche Kinder sollen selbstbestimmt entscheiden können.

«Ich habe schon mein ganzes Leben lang gespürt, dass mein Körper anders ist. Zum ersten Mal deutlich gemerkt habe ich das nach dem Sport beim Duschen in der Schule», erzählt Mirjam aus Bern. Mirjam ist mit einem Mikropenis – oder, je nach Perspektive: einer grossen Klitoris – zur Welt gekommen. Als Baby ist sie im Inselspital Bern behandelt worden. Was dort gemacht wurde, entzieht sich ihrer Kenntnis: Einblick in die Krankenakte hat sie nie erhalten.

Die Tabuisierung zieht sich wie ein roter Faden durch ihre Biographie. Im Dorf, in dem sie aufgewachsen ist, habe niemand mit ihr über ihren Körper oder ihr Geschlecht gesprochen. «Alles, was mit Sexualität oder Geschlechtsorganen zu tun hatte, war ein riesiges Tabu. Ich war allein mit meinen Fragen und Gefühlen.»

«Ich habe mich sehr für meinen Körper geschämt»

Als ihre Mitschüler*innen in die Pubertät kamen, wurde Mirjams Situation nicht besser. «Mein Körper entwickelte sich nicht wie erwartet. Erst später erfuhr ich, dass ich XY-Chromosomen habe. Ich habe mich sehr für meinen Körper geschämt!»

Als junge Erwachsene wurde Mirjam operiert, ihr «Mikropenis» entfernt, ebenso die Hoden, von denen der eine im Bauchraum lag. Aus dem «Mikropenis» und den Hoden wurden Vulva und Vagina geformt. Mit dem neuen Äusseren wuchs Mirjams Selbstvertrauen als Frau. Endlich traute sie sich, romantische und sexuelle Erfahrungen zu sammeln.

«Ich empfinde den Eingriff rückblickend als Verstümmelung»

Dennoch ist Mirjam mit dem Vorgehen rund um die Operation nicht zufrieden: «Niemand hatte mir damals gesagt, dass ich eine intergeschlechtliche Variation habe, aber eigentlich kerngesund bin. Deshalb habe ich zur Operation Ja gesagt. Heute habe ich als intergeschlechtliche Frau ein gutes Selbstwertgefühl und empfinde den Eingriff rückblickend als Verstümmelung. Meine Geschlechtsorgane waren zwar anders, aber krank war ich nicht.»

Mirjam ist es wichtig, dass intergeschlechtliche Kinder nicht mehr mit diesem Mantel aus Schweigen und Scham aufwachsen, wie sie es musste. Mit dem Verein InterAction setzt sie sich für die Anliegen intergeschlechtlicher Menschen ein. «Mir hätte es geholfen, wenn ich als Kind Vorbilder gehabt hätte. Es hätte mir geholfen, wenn wir zum Beispiel in der Schule darüber aufgeklärt worden wären», so Mirjam zum Zurich Pride Podcast (auf 20 Minuten Radio und Spotify).

«Kinder sollen nicht mehr grundlos operiert werden»

Wichtig ist ihr auch, dass intergeschlechtliche Kinder nicht mehr operiert werden, wenn keine lebensnotwendigen Gründe vorliegen oder die Gesundheit nicht schwerwiegend gefährdet ist. «Mit solchen Eingriffen werden gesunde Kinder ins Schema männlich/weiblich eingepasst, häufig mit dem Einverständnis der Eltern, die oft nicht vollständig aufgeklärt worden sind», so Mirjam. «Variationen von Geschlecht gehören genau gleich zu den Menschen wie Unterschiede in der Körpergrösse.»

Alexander Wenger ist Moderator des Zurich Pride Podcasts. 

Alexander Wenger ist Moderator des Zurich Pride Podcasts.

Zurich Pride Podcast

Mehrmals im Monat interviewen Zurich-Pride-Moderator und -Host Alexander Wenger und Moderatorin Jeannine Borer aussergewöhnliche Menschen, die ihre Lebensgeschichte erzählen. Schwule, Lesben, Bisexuelle sowie trans, inter und asexuelle Menschen – oder einfach gesagt: «Queers» – erzählen am Mikrofon ihre ganz persönliche Geschichte. Ob neue Lebensformen oder ungewöhnliche Schicksale – der Zurich Pride Podcast stellt sie vor. Zu finden ist er auf der 20 Minuten App im Bereich Radio/Podcast oder auf Spotify.

Hier findest du Hilfe:

Lilli.ch, Information und Verzeichnis von Beratungsstellen

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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«Ich bin intergeschlechtlich»
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