Impf-Aufruf in der Arena: «Es geht weder um einen Zwang, noch um Prinzipien oder Parteienzugehörigkeit – es geht nur um Sie, Ihr Leben, Ihre Familie»

Bei der SRF-«Arena» gabs wiedermal einen runden Tisch, diesmal zur angeblichen Spaltung der Gesellschaft aufgrund von Corona.

Manuel Battegay, Infektiologe am Universitätsspital Basel.

Manuel Battegay, Infektiologe am Universitätsspital Basel.

Screenshot SRF

Jetzt sitzen wir an den runden Tisch! Das Motto der gestrigen SRF-«Arena» war bedeutungsschwanger angepriesen worden. Es ging um die Frage, die irgendwie im Zusammenhang mit der Pandemie wieder mal aufkam: Wie gespalten ist die Schweiz? Wie sehr nagt das Virus an zwischenmenschlichen Beziehungen? Und wie gross sind die Gräben?

Das Team um Moderator Sandro Brotz machte dabei eines richtig: Sie holten den runden Tisch aus dem Inventar und versuchten aus der konfrontativen, ausnahmsweise eine versöhnende «Arena» zu machen. Viele andere positiven Seiten hatte die Sendung aber nicht wirklich.

Die Gäste in der SRF-«Arena»

Das hatte einmal mehr mit der Gästeauswahl zu tun. Die bedeutendste Figur der Runde war Martin Balmer, den der regelmässige «Arena»-Zuschauende aus einer früheren Liveschaltung aus dem Kantonsspital Aarau kannte. Der Leiter der Pflege Intensivmedizin kam als Sprachrohr des leidenden Spitalpersonals, das körperlich, psychisch und auch mit der Geduld am Ende ist. Brotz gab richtigerweise ihm das erste Wort, um die aktuelle Situation im Spital schildern zu können.

Mit Manuel Battegay war ein weiterer bekannter Mann in der Runde zu sehen. Er trat in den vergangenen Monaten immer wieder als Chefarzt für Infektiologie und Spitalhygiene am Unispital Basel in Erscheinung und war lange Mitglied der wissenschaftlichen Taskforce des Bundes. Battegay war gewohnt ruhig, einordnend, ja fast schon beherrscht. Was am Freitagabend für ihn und Pflegeleiter Martin Balmer eine enorme Herausforderung gewesen sein dürfte.

Grund war die Gegenseite in der Runde. Da war einerseits Markus Somm, Chefredaktor des rechtsbürgerlichen Satireprojekts «Nebelspalter» und einer der oft eingeladenen Publizisten der Schweiz. Andererseits war einmal mehr Regina Göldi, Inhaberin einer Schreinerei, als kritische Stimme zu hören. Für den Anspruch einer Diskussion am «runden Tisch» waren Stimmen und Meinungen einer Gästin wie Göldi goldwert: Sie trat nicht mit Parteiheft in Erscheinung, wirkte authentisch und sprach von ihren alltäglichen Erfahrungen und Meinungen, wie sie nun mal in einer Pandemie entstehen.

«Gegenfakten» in trumpscher Manier

Nur waren dabei auch Sätze zu hören, die keinen Platz in einer Versöhnungsdiskussion haben sollten, wenn man von einem wissenschaftsorientierten Minimalkonsens ausgehen darf. Dieser lautet: Es gibt Fakten, Behauptungen und Meinungen. Göldi sprengte diesen Konsens, als sie im Zusammenhang von «Gegenfakten» sprach, geflankt wurde sie dabei vom Satireblatt-Mann Somm, der die Existenz von irgendwelchen Fakten in Frage stellte: Es sei alles nur eine Frage der Interpretation!

Somm, eigentlich ein eloquenter Redner und blitzgescheiter Liberaler, dürfte sich dabei selbst ein wenig geschämt haben. So nach dem Motto: Im Redefluss sagt man halt Dinge, die ein gewisses Argument stützen, aber genau genommen nur faktenlose und polemisierende Blendgranaten sind. Von der Moderation und der Gegenseite war da aber kein Widerspruch zu hören, was der Diskussionsqualität massiv schadete.

Göldi, ebenfalls keine Schwurblerin, dürfte wohl auch nur gute Absichten gehabt haben, als sie die vielen offenen Fragen der Ungeimpften ansprechen wollte: «Ein Arzt sagt, das Impfen sei gut, der andere, es sei nicht gut.» An einer anderen Stelle erwähnte sie die grundsätzlich verständliche Behördenabneigung einiger Mitmenschen, die deshalb nun auch zu Impfskeptikern geworden seien.

Das waren alles wichtige Standpunkte für eine Versöhnungsdebatte. Göldis Rolle wurde aber von ihr selbst und von der passiven Sendungsführung geschwächt, weil die falsche Einordnung zu angeblichen «Gegenfakten» in trumpscher Manier im Raum stehen blieb und damit am wissenschaftlichen Grundkonsens ritzte.

Somm ging weiter als sie und schaukelte sich zunehmend zum altbekannten Provokateur hinauf: Er lobte spontane Demonstrationen und stellte die Gefahr von einigen gewaltbereiten Exponenten dieser Bewegung als unbedeutend dar: Es seien ja nur 13 Idioten, die Gewalt anwenden würden – darüber müsse man nicht diskutieren.

Und sowieso: Fehler gemacht hätten die autoritär auftretende Wissenschaft und die Politiker und die Medien, die bis heute nicht von den Vorteilen der Impfung überzeugen konnten. Dass er dabei selbst Fehler machte, etwa als er die Mär der «abgebauten Spitalbetten» weiterverbreitete, ignorierte der ehemalige Journalist.

Immerhin gabs im Studio einen, der Somm Nachhilfe in Faktensuche geben könnte: Der Thurgauer Kantischüler Samuel Blum wusste schon in seinen jungen Jahren, was der beste Rat in einer Pandemie ist: «Ich denke, man kann Virologen vertrauen. Und man sollte sich nicht zu schnell vom Internet beeinflussen lassen. Denn dort gibt es auch viele Falschinformationen.»

Balmer und Battegay hörten gespannt und geduldig zu, als Somm geübt Zweifel streute und Göldi den Skeptikern eine Stimme gab. Die beiden Herren der Medizin blieben beherrscht und liessen sich nicht von Voten aufstacheln, die eine allfällig unterdrückte Wut hätte explodieren lassen können. Drüben auf Twitter wurde gar spekuliert (oder gehofft), dass einer von ihnen vielleicht das Studio verlassen würde. Geschehen ist es nicht.

Battegay und Balmer blieben gefasst in der «Arena»

Wir hörten stattdessen, wie Balmer einmal mehr ruhig von seiner stressigen Arbeit erzählte: So würde gerade jetzt eine 23-jährige Schwangere im kritischen Zustand auf der Intensivstation liegen. Viele Covid-Leidende im Spital seien Ungeimfpte. Martin Balmers Worte waren authentisch, aber glücklicherweise weniger dramatisch als sein «Arena»-Auftritt im Dezember 2020.

Battegay lieferte im Verlauf der Sendung Hintergrundwissen zur Impfung, wohl als Versuch, ein paar Fernsehschauende oder den einen Impfskeptiker im Studio doch noch überzeugen zu können.

Im Spital selbst tue er es bereits, und zwar oft und in Einzelgesprächen: «Ich versuche dann zu erklären, dass es nicht um einen Zwang, nicht um Prinzipien und Parteien geht: ‹Es geht wirklich um Sie. Um Sie und Ihr Leben, Ihre Familie, um Risiken.› Dann bespreche ich das. Es ist ein eindrücklich, wie die Menschen dann zuhören und merken, dass es sie selbst und ihre Nächsten betrifft.»

Er überrede dabei niemanden, sondern überzeuge. Oft mit Erfolg: So hätte er schon mehrfach erlebt, dass Patientinnen und Patienten gleich am selben Tag einen Impftermin wünschten.

Impf-Aufruf in der Arena: «Es geht weder um einen Zwang, noch um Prinzipien oder Parteienzugehörigkeit – es geht nur um Sie, Ihr Leben, Ihre Familie»
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