Inselparadies will nicht unabhängig werden: Weshalb die Neukaledonier Macron die Treue halten

Das Pazifikarchipel bleibt vorläufig bei Frankreich. Ein Referendum über die Unabhängigkeit endete mit einem Fiasko.

Das Bild trügt: Die meisten Ureinwohner gingen nicht zur Urne

Das Bild trügt: Die meisten Ureinwohner gingen nicht zur Urne

Bild: keystone

Das Resultat war klar und eindeutig – weil die eine Seite gar nicht an der Abstimmung teilnahm. 96 Prozent der 180’000 Abstimmungsberechtigten legten am Wochenende ein «Nein» zur Frage ein, ob Neukaledonien seine volle Souveränität erhalten und unabhängig werden solle. Damit bleibt die Insel beim Mutterland Frankreich.

Das Resultat kam allerdings ohne die kanakischen Ureinwohner zustande. Ihre Befreiungsfront FLNKS hatte in Paris wegen der Covidkrise vergeblich um eine Verschiebung des Abstimmungstermins ersucht. Die Pandemie hat unter den Kanaken hunderte von Todesopfern gefordert, die für die Ureinwohner sakrosankten Trauerfeiern aber zugleich verhindert. Viele Kanaken weigerten sich deshalb, abstimmen zu gehen. Die FLNKS rief schliesslich zum Boykott des Urnengangs auf.

In Wahrheit blieben die Kanaken de Abstimmung fern.

In Wahrheit blieben die Kanaken de Abstimmung fern.

Bild: keystone

Dieser Schritt war umso spektakulärer, als ein «Ja» zur Unabhängigkeit in letzter Zeit durchaus möglich schien. Nach einer blutigen Gewaltphase – eine Geiselnahme endete 1988 mit 25 Toten – und einem jahrelangen Befriedungsprozess stimmten die Neukaledonier 2018 ein erstes mal ab. 43,3 Prozent votierten für die Unabhängigkeit; in einer zweiten Abstimmung 2020 waren es 46,7 Prozent.

China auf der Lauer

Bei der dritten und entscheidenden Abstimmung von diesem Wochenende befürchtete die französischstämmige Bevölkerungshälfte, von den Kanaken in die Minderheit versetzt zu werden. Die Ex-Kolonialisten und die Pariser Behörden waren deshalb gar nicht so unglücklich über den Boykott-Aufruf der FLNKS. Auch Präsident Emmanuel Macron verhehlte nicht, dass die Inselgruppe für die westliche Welt eine «geopolitische» Bedeutung habe. Er liess durchblicken, dass China versuchen könnte, das östlich von Australien gelegene Neukaledonien im Fall der Unabhängigkeit wirtschaftlich zu subventionieren und auf seine Seite zu ziehen.

Nun steht der Ablösungs- oder zumindest Autonomie-Prozess der pazifischen Insel vor einem Scherbenhaufen. Niemand weiss so recht, wie weiter. An sich war im Fall eines «Neins» zur Unabhängigkeit ein weiteres Referendum im Jahr 2023 über ein Spezialstatut der Insel vorgesehen. Die Kanaken werden das nun aber kaum schlucken. Viele trauen dem Frieden im Südseeparadies nicht. Die Regierung hatte am Sonntag zur Sicherheit 2000 Gendarmen mit Helikoptern und 30 Panzerfahrzeugen auf der Insel mobilisiert, um Ausschreitungen zu verhindern.

Die Abstimmung fand unter starker Polizeikontrolle statt.

Die Abstimmung fand unter starker Polizeikontrolle statt.

Bild: keystone

Macron, der das Dossier Neukaledonien noch gerne vor den Präsidentschaftswahlen im April 2022 geschlossen hätte, sagte am Sonntag, Neukaledonien habe entschieden, bei Frankreich zu bleiben. «Es gibt nun eine Übergangsphase», erklärte er feierlich. «Sie muss uns zu einem gemeinsamen Projekt führen.» Die Kanaken werden allerdings zweifellos eine neue Abstimmung fordern. Und so paradoxal es angesichts des klaren «Neins» zur Unabhängigkeit scheint: Wegen der Bevölkerungsentwicklung und der politischen Reifung der FLNKS gewinnen die Ureinwohner langsam, aber sicher die Mehrheit.

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