Kein grosser Bilanzskandal ohne Klagen gegen den Rechnungsprüfer

Wie «Enron» vor 20 Jahren die Welt der Wirtschaftsprüfer verändert hat und weshalb sie mit «Wirecard» oder «Greensill» doch ähnlich weiterdreht wie damals.

Der Prüfgesellschaft EY fliegt derzeit gerade der deutsche Wirecard-Skandal um die Ohren.

Der Prüfgesellschaft EY fliegt derzeit gerade der deutsche Wirecard-Skandal um die Ohren.

Hannelore Foerster / www.imago-images.de

«Die Revisoren haben die beste Versicherung und sind am besten zu packen, weil sie Dokumente, Arbeitspapiere und einen Geschäftssitz haben. Sie können nicht einfach den Wohnsitz auf die Bahamas verlegen oder das Vermögen der Frau überschreiben.»

Das sind die Worte von Jakob Baer, des ehemaligen Chefs von Kpmg Schweiz. Nicht zufällig sprach er sie im Sommer 2003 just zu einem Zeitpunkt, als sich die Schweizer Wirtschaft langsam von den Folgen des grossen Börsenkrachs zu erholen begann.

Milliardenforderung aus dem Affekt

Was Jakob Baer in dem damaligen Interview antönt ist zum Beispiel die Pleite des Börsenhasardeurs Werner K. Rey. Die Gläubiger seiner konkursiten Omni Holding hatten in ihrer ersten Wut einen Schadenersatz in Milliardenhöhe von der Prüfgesellschaft Deloitte verlangt. Am Ende gaben sie sich mit 16 Millionen Franken zufrieden. Die Wirtschaftsprüfer mögen sich aufs Wehklagen verstehen, aber ebenso gut, wenn nicht besser, wissen sie ihre Interessen auf dem Rechtsweg zu vertreten.

Nach jeder Wirtschaftskrise sind die Revisoren oft noch lange mit der Bewältigung der trüben Vergangenheit beschäftigt. Nach der Rezession in den 1990er Jahren wurden bei Schweizer Gerichten Hunderte von Schadenersatzklagen gegen grosse Revisionsfirmen deponiert. Verschwunden ist deshalb keine.

Das änderte sich vor 20 Jahren mit der Pleite des betrügerischen US-Energieunternehmens Enron. Die Revisiongesellschaft Arthur Andersen hatte die Rechnung von Enron während Jahren trotz vieler alarmierender Signale für gut befunden. Gleichzeitig strichen die Prüfer viel Geld für allerlei Beratungsdienstleistungen ein.

2002 hätte sich Arthur Andersen vor einem US-Gericht der Frage stellen müssen, ob ihre Rechnungsprüfer mit Blick auf die lukrativen Beratungshonorare womöglich an kritischen Stellen ein Auge zugedrückt haben. Zu diesem Examen wollte Arthur Andersen aber nicht mehr antreten. Die Firma gab 2002 ihre Geschäftstätigkeit auf.

Seither gibt es in der Welt nur noch vier grosse Wirtschaftsprüfer – die «Big Four». Danach gingen diese sorgfältiger zu Werk, wenn es um die Trennung von Interessenskonflikten ging. Doch in der Finanzkrise wurden die Probleme erneut offenkundig, was die EU zu schärferen Gesetzen bewog. Prüfmandate von einer Laufzeit von mehr als zehn Jahren sind seither auch bei uns tabu. Um die Unabhängigkeit der Prüfer zu erhalten gibt es seither auch ein Umsatzmaximum pro Kunde sowie neue Restriktionen bei der Annahme von Beratungsmandaten.

Der nächste Kandidat heisst Greensill

Trotzdem werden grosse Bilanzskandale wie einst – FlowTex (Deutschland), WorldCom, Enron (USA), Parmalat (Italien) – auch in Zukunft immer auch Prüfskandale bleiben. Ein solcher ist im Moment bei der deutschen Wirecard gerade im Gang. Ein anderer Fall könnte auch die Greensill-Pleite werden.

Wohlweislich warnte die Eidgenössische Revisionsaufsicht 2019 im Jahresbericht vor den Folgen der Tiefzinspolitik: «Insbesondere werden im aktuellen Umfeld für Akquisitionen von Unternehmen sehr hohe Summen investiert, was bilanztechnisch zu überhöhtem Goodwill führen kann. In diesem Umfeld ist die kritische Prüfung durch die Revisionsstelle von zentraler Bedeutung für die Glaubwürdigkeit der Finanzberichterstattung.»

Kein grosser Bilanzskandal ohne Klagen gegen den Rechnungsprüfer
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