Klimakonferenz in Glasgow in der heissesten Phase: Der Streit um Wörter und Milliarden

Die Klimakonferenz in Glasgow steht auf der Kippe – die Industriestaaten sollen mehr bezahlen. Die Schweiz leistete dagegen Pionierarbeit. Geht es nun in die Verlängerung?

Aktivisten sind mit den Verhandlungen in Glasgow unzufrieden: Demonstrationen begleiten die Klimakonferenz in der schottischen Metropole bis zuletzt.

Aktivisten sind mit den Verhandlungen in Glasgow unzufrieden: Demonstrationen begleiten die Klimakonferenz in der schottischen Metropole bis zuletzt.

Robert Perry / EPA

Wichtiger Schritt zur Bewältigung der Klimakrise oder katastrophale Verantwortungslosigkeit der Weltgemeinschaft? Vor der beinahe unausweichlichen Verlängerung der UNO-Klimakonferenz, die eigentlich am Freitagabend enden sollte, hing der Ausgang des Massentreffens im schottischen Glasgow in der Schwebe.

«Vereinbaren Sie etwas Historisches!», forderte Greenpeace die längst komplett übermüdeten Delegierten auf. Natürlich habe man «nicht genug» erreicht, räumte der US-Klimabeauftragte John Kerry in der BBC ein. Die 5 wichtigsten Fragen und Antworten zur heissesten Phase des Klimagipfels.

Worum wurde bis zuletzt gestritten?

Um sprachliche Nuancen, könnte man salopp sagen. Aber im Zusammenhang internationaler Verhandlungen können einzelne Wörter viel bedeuten. Die britischen Gastgeber wollen die knapp 200 Staaten darauf festlegen, bis Ende nächsten Jahres neue, ehrgeizigere Pläne vorzulegen, wie sie bis zum Ende des Jahrzehnts Treibhausgase reduzieren wollen.

Dem Cop-Rhythmus entsprechend würden neue nationale Verpflichtungen erst 2025 fällig. Im Entwurf der Abschluss-Erklärung war zunächst von «dringender Bitte» die Rede, später von einer «Aufforderung».

Der Klimabeauftragte der USA, Ex-Aussenminister John Kerry, räumte ein, dass man in Glasgow nicht genug erreicht habe.

Der Klimabeauftragte der USA, Ex-Aussenminister John Kerry, räumte ein, dass man in Glasgow nicht genug erreicht habe.

Alberto Pezzali / AP

Ob Bitte oder Aufforderung – das sei alles leichter gesagt als getan, argumentierten vor allem kleinere und ärmere Länder: Der bürokratische und statistische Aufwand würde für sie viel zu hoch werden. Deshalb enthielt der Entwurf am Freitagmorgen den Hinweis auf «unterschiedliche nationale Gegebenheiten». Moment mal, wandten Kritiker ein – was passiert, wenn sich auch Giganten wie China und Indien auf ihre «nationalen Umstände» berufen und keine neuen Pläne vorlegen?

Gibt es ausser schönen Plänen auch konkrete Massnahmen?

Weltweit sollten Kohle-betriebene Kraftwerke so rasch wie möglich abgeschaltet werden und staatliche Subventionen für fossile Brennstoffe enden, hatten die britischen Gastgeber, angeführt von COP-Präsident Alok Sharma, ins Communiqué schreiben wollen.

Dagegen wehrten sich grosse Kohle-Länder wie China und Russland, aber auch Ölförderer wie Saudi-Arabien mit Händen und Füssen. Die nächste Version sprach deshalb kleinlaut davon, es gehe lediglich um «ineffiziente» Subventionen. Selbst dieser wackelige Kompromiss stand bis zuletzt auf dem Prüfstand.

Für die beteiligten Staaten und Unternehmen geht es um viel Geld: Britischen Schätzungen zufolge unterstützen nationale Regierungen die bisherige, auf Treibhausgasen beruhende Wirtschaft mit rund 371 Milliarden Franken durch direkte Mittel an Öl- und Kohleförderer oder Steuererleichterungen für Autofahrer und Flugreisende.

Wie ist es um das Ziel bestellt, die globale Erwärmung bei 1,5 Grad zu stoppen?

UNO-Generalsekretär António Guterres sprach am Freitag davon, dieses Ziel sei vergleichbar mit «einem Patienten auf der Intensivstation». Ähnlich pessimistisch äusserten sich, natürlich nur hinter vorgehaltener Hand, die britischen Verhandler: Es sei stets nur darum gegangen, diese Wegmarke wenigstens noch im Blick zu haben.

«Patient auf der Intensivstation»: UNO-Generalsekretär Antonio Guterres sorgt sich um das 1,5-Grad-Ziel.

«Patient auf der Intensivstation»: UNO-Generalsekretär Antonio Guterres sorgt sich um das 1,5-Grad-Ziel.

Alastair Grant / AP

Davon kann, wenn die Berechnungen renommierter Klima-Experten zutreffen, keine Rede sein. Die Prognose des Climate Action Tracker lautet auf 2,4 Grad, die Internationale Energieagentur IEA rechnet mit 1,8 Grad.

Beiden Vorhersagen liegt die Annahme zugrunde, die in Glasgow angekündigten neuen Massnahmen und Versprechungen würden auch wirklich umgesetzt. Dazu gehören beispielsweise eine neue Initiative zum Schutz der Regenwälder, die Verpflichtung von 80 Staaten auf die Reduzierung des Treibhausgases Methan um 30 Prozent bis 2030 sowie diverse Allianzen, die sich die baldige Abschaffung des besonders schadstoffhaltigen Energieträgers Kohle oder sogar aller fossiler Brennstoffe bis 2050 auf die Fahnen geschrieben haben.

Am Ende also doch alles nur heisse Luft?

So sahen es die vielen Tausend Demonstranten, die auch am Freitag wieder vor dem riesigen COP-Messegelände in Glasgow demonstrierten. Tags zuvor hatten Klima-Aktivisten ihrem Frust mit drastischen Mitteln Ausdruck verliehen: Sie liessen die Luft aus den Reifen von rund 60 wuchtigen Geländewagen im wohlhabenden Westen der schottischen Metropole, um auf die hohe Schadstoffbelastung durch solche Benzinschlucker hinzuweisen.

In den Treffen von COP-Präsident Sharma mit den wichtigsten Delegationen ging es am Freitag weiterhin vor allem um das liebe Geld: Bei den Entwicklungsländern besteht hohes Misstrauen gegen die Industrieländer, weil diese ihr Versprechen nicht eingelöst haben, von 2020 an jährlich mindestens 92 Milliarden Franken für Projekte im globalen Süden zur Verfügung zu stellen.

Damit sollen die schon heute katastrophalen Folgen des Klimawandels eingedämmt werden. Der indische Präsident Narendra Modi bezifferte den Finanzbedarf allein für sein Land dagegen auf umgerechnet rund 920 Milliarden Franken bis 2030.

Wie schlug sich die Schweizer Delegation in Glasgow?

Dass die Schweiz das CO2-Gesetz ablehnte, hatte Auswirkungen auf ihr Ranking beim Climate Action Tracker: Sie erhält dort nur die Note «ungenügend». In Glasgow war davon aber nichts zu spüren. Die Schweiz spielte eine wichtige Rolle. Einerseits mit hoher personeller Präsenz. Gleich drei von sieben Bundesräten waren da: Bundespräsident Guy Parmelin, Finanzminister Ueli Maurer und Umweltministerin Simonetta Sommaruga.

Leistete in Glasgow Pionierarbeit: Umweltministerin Simonetta Sommaruga zeigte einen Weg auf, wie die internationale Zusammenarbeit beim Klima gelingen könnte.

Leistete in Glasgow Pionierarbeit: Umweltministerin Simonetta Sommaruga zeigte einen Weg auf, wie die internationale Zusammenarbeit beim Klima gelingen könnte.

Alastair Grant / AP

Andererseits auch inhaltlich. Sommaruga erarbeitete im Auftrag von Cop26-Präsident Alok Sharma gemeinsam mit Ruandas Umweltministerin einen Zeitplan, wann die Staaten neue Klimaziele einreichen müssen. Gleichzeitig präsentierte Sommaruga in Glasgow die sechs bilateralen Klimaschutzabkommen der Schweiz als Pionierweg, wie der umstrittene Artikel 6 (internationale Kooperation) des Pariser Klimaabkommens umgesetzt werden kann.

Die Abkommen seien der Beweis, dass «Investitionen zur Verminderung von CO2-Emissionen im Ausland jeweils beiden Staaten dienen können, der Bevölkerung und dem Klima», sagt Sommaruga. Und wer weiss: Vielleicht verhilft Glasgow der Schweiz ja doch noch zum innenpolitischen Schritt für eine griffige neue CO2-Regelung.

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