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Jede Woche überlebt eine Frau einen Tötungsversuch, einen sogenannten versuchten Femizid. 20 Minuten gibt diesen Frauen eine Stimme. Eine von ihnen ist Serena (46). Nach einem Streit stach ihr Freund mehrmals mit einem Messer auf sie ein. Nur dank grossem Glück überlebte sie.

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«Eine Beziehung zu führen oder eine Familie bekommen: All das hat er mir in jener Nacht genommen», sagt Serena (46).

«Eine Beziehung zu führen oder eine Familie bekommen: All das hat er mir in jener Nacht genommen», sagt Serena (46).

Privat

  • Laut eidgenössischem Gleichstellungsbüro erfolgt jede Woche ein Tötungsversuch an einer Frau.

  • Angst und Scham halten die Frauen ab, ihre Geschichte zu erzählen.

  • Fünf von ihnen wollen ihr Schweigen brechen und erzählen bei 20 Minuten, was sie erlebt haben.

  • Eine davon ist Serena (46).

  • Ihr Partner stach mit einem Messer auf sie ein. Noch heute beeinflusst diese Tat ihr Leben.

Serena arbeitete jahrelang bei einer Bank. Seit einer schweren Krebserkrankung ist sie IV-Bezügerin. Sie ist eine Frau, die kein Blatt vor den Mund nimmt. Und zwischendurch wird sie ungehalten, wenn sie von Mike spricht: Ein Parasit sei ihr Ex gewesen. Serena ist heute Single und kinderlos. Eine Beziehung zu führen oder eine Familie bekommen: All das habe Mike ihr in jener Nacht genommen.

«Als ich Mike kennenlernte, arbeitete ich als Brokerin in Deutschland. Der Job war super, aber ich fühlte mich einsam. Da begannen Mike und ich online zu chatten. Er war lieb, humorvoll, intelligent – und unglaublich dreist. Das realisierte ich aber erst später.

Mike war nie gewalttätig, aber er beklaute mich. Und er gab es immer erst zu, wenn er erwischt wurde. Wenn er es abstritt, glaubte ich ihm. Ich war jung und dumm. Heute könnte ich mich ohrfeigen, dass ich ihn so sehr geliebt habe.

Jede Woche überlebt eine Frau in der Schweiz einen Femizidversuch. Ein Femizid bezeichnet die Tötung aufgrund des Geschlechts. 20 Minuten hat mit fünf Frauen gesprochen, die dem Tod nach einem solchen Angriff knapp entronnen sind. Das sind ihre Geschichten:

Es war ein Freitag Abend, wir hatten gestritten. Zu diesem Zeitpunkt lebten wir zusammen in der Schweiz. Den Grund für den Streit weiss ich nicht mehr. Ich war wütend und wollte ins Bett. Wir hatten ab und zu Streit, aber Gewalt kam in unserer Beziehung bis zu jenem Abend nie vor. Als ich das Wohnzimmer betrat, stürzte Mike völlig unvermittelt mit einem Messer auf mich. Das Messer war 20 Zentimeter lang, immer wieder stach er auf mich ein, bis die Klinge brach. Ich sah das Blut und mein Hirn schaltete auf Überlebensmodus. Ich flüchtete aus der Wohnung.

Mit letzter Kraft schleppte ich mich ins Treppenhaus und brach zusammen. Aber ich hatte unglaubliches Glück: Genau in jenem Moment kam eine Notfallkrankenschwester vorbei. Sie leistete erste Hilfe und teilte dem Chirurgenteam mit, wo ich welche Verletzungen hatte. Wäre sie nicht gewesen, ich hätte es wohl nicht geschafft. Im Spital erhielt ich 27 Blutkonserven und lag eine Woche im künstlichen Koma.

Während sie um ihr Leben kämpfte, klaute er ihr Geld

Während ich im Treppenhaus um mein Leben kämpfte, hat Mike seine blutverschmierte Hose gewechselt, mir Bargeld und Kreditkarten gestohlen und sich aus dem Staub gemacht. Vier Tage später fand die Polizei ihn in Paris. Anscheinend wollte er mit meiner Kreditkarte ein Flugticket in die USA kaufen. All das erfuhr ich später durch die Polizei und im Prozess.

Mike war ein Parasit, er nahm mich komplett aus. Ich glaube, er versuchte mich zu töten, weil er sich in die Enge gedrängt fühlte. Er hatte lange keinen Job und ich stellte ihm ein Ultimatum: Findet er nichts, muss er aus der Wohnung und zurück nach Deutschland. Da tauchte er mit einem Arbeitsvertrag auf. Einem gefälschten, wie ich später erfuhr. Aber vor der Tat verliess er täglich mit mir die Wohnung. Ich dachte, er ging arbeiten, dabei ging er nur raus, bis ich weg war und dann zurück und schlief weiter.

Elf Jahre Haft

Ich glaube, er hatte Angst, dass seine Lüge auffällt und sah den Mord an mir als einfachste Lösung. Nach der Gerichtsverhandlung erfuhr ich, dass er just am Tag der Tat jemandem von seinem tollen Leben und der super Wohnung in Zürich erzählte. Dass dies meine Wohnung war und er mit mir darin lebte, erwähnte er nicht. Im Nachhinein kommt es mir wie ein versuchter Eliminationsmord vor. Mike wurde zu elf Jahren Haft verurteilt und nach Deutschland ausgeschafft.

Seit der Tat sind fast zwei Jahrzehnte vergangen. Doch die Nacht prägt mich bis heute. Abgesehen davon, dass ich noch Folgeschäden habe – mein Darm wurde damals massiv verletzt – fällt es mir sehr schwer, Männern zu vertrauen. Auch in späteren Beziehungen begleitete mich die extreme Angst vor Gewalt. Heute bin ich seit Längerem Single und das ist für mich auch in Ordnung.

«Er hat keine Macht mehr über mich»

Vor meinem Ex fürchte ich mich nicht mehr. Lange war eine Angst da, doch eines Tages konnte ich sie loslassen. Ich sah einen Film über eine junge Frau, die Kampfsport trainierte, um sich gegen ihren gewalttätigen Exmann zu wehren. Da machte es klick. Ich will nicht, dass Mike eine Macht über mich hat, ich bin stärker als das. Wenn ich ihn heute sehen würde, weiss ich nicht, wie ich reagieren würde. Vielleicht würde ich auf ihn losgehen.»

Um die Frauen zu schützen wurden einige Punkte in ihrer Biografie geändert.

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

«Mein Freund stach mit dem Messer auf mich ein, bis die Klinge brach»
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