Myanmar-Kenner ruft Soldaten auf: «Schiesst in die Luft!»

Der Autor Jan-Philipp Sendker kennt viele burmesische Militärs. Mit seinem Aufruf will er den «Massenmord» im zerstrittenen Land stoppen.

Mindestens 107 Menschen wurden am Samstag erschossen.

Mindestens 107 Menschen wurden am Samstag erschossen.

Bild: EPA

Myanmars Bevölkerung hat das blutigste Wochenende seit dem Militärputsch vor zwei Monaten erlebt. Alleine am Samstag kamen bei Protesten gegen die Militärjunta mindestens 107 Menschen ums Leben. Offenbar attackierten die Militärs die Demonstranten mit gezielten Kopfschüssen und töteten auch mehrere Kinder. Der UNO-Sondergesandte für Menschenrechte warf den Generälen «Massenmord» vor. Der amerikanische Aussenminister Antony Blinken bezichtige die Putschisten, im Land eine «Schreckensherrschaft» aufzuziehen.

Jan-Philipp Sendker.

Jan-Philipp Sendker.

HO

Der deutsche Schriftsteller Jan-Philipp Sendker, 61, bereist das südostasiatische Land seit 25 Jahren regelmässig. Seine Romantrilogie über Myanmar wurde in 35 Sprachen übersetzt und weltweit millionenfach verkauft. Jetzt richtet Sendker einen verzweifelten Aufruf an die Soldaten, die seine literarische Heimat zugrunde richten.

Herr Sendker, wie schildern Ihnen Ihre Freunde die aktuelle Lage in Myanmar?

Als das Militär am 1. Februar putschte, war das ein Schock. Dann kam die Euphorie über den breiten Widerstand. Viele hatten das Gefühl, da bricht ein neues Zeitalter an. Aber trotz der Proteste gibt es kein Anzeichen des Einlenkens von Seiten der Junta. Das Militär wird immer brutaler und herrscht wie eine Besatzungsarmee. In der Millionenstadt Yangon sieht es aus wie in einem Kriegsgebiet.

Sie haben einen Aufruf an die burmesischen Soldaten ins Netz gestellt. Was wollen Sie erreichen?

Ich selbst kenne einige burme­sische Soldaten. Das sind nicht alles blutrünstigen Monster. Zu desertieren, braucht viel Mut. Deshalb verfasste ich einen offenen Brief an die Soldaten, in dem ich sie dazu auffordere: «Hört nicht auf die Befehle eurer Vorgesetzten. Schiesst in die Luft!» In die Luft zu schiessen statt auf die Menschen, das geht eher. Mein Aufruf wurde ins Burmesische übersetzt und über 150000-mal geteilt. Viele fanden das naiv. Sie halten alle Militärs für Mörder. Ich kann diese Haltung nachvollziehen. Ich habe Bilder gesehen von Scharfschützen, die auf den Dächern liegen. Aber wer weiss, vielleicht feuern ja manche daneben.

Die Strassenszenen in der Millionenmetropole Yangon erinnern an Bürgerkriegsländer.

Die Strassenszenen in der Millionenmetropole Yangon erinnern an Bürgerkriegsländer.

AP

Wieso schafft es die Armee seit Jahrzehnten, das Land unter ihrer Kontrolle zu halten?

Der Vater der gestürzten Regierungschefin Aung San Suu Kyi, Aung San, ist der Gründer der Armee. Er war eine zentrale ­Figur der Unabhängigkeitsbewegung von Grossbritannien. Nachdem Birma unabhängig wurde, forderten die Minderheiten ihre Rechte ein, manche wollen bis heute einen eigenen Staat. Die Armee gab und gibt sich als Garant für die Einheit das Landes aus. 2017 flohen eine Million muslimische Rohingya vor dem Militär nach Bangladesch. Die meisten Burmesen glaubten die Version der Armee, dass sie selbst ihre Hütten angezündet hätten. Auch Aung San Suu Kyi war ja im Konflikt mit den Rohingya auf der Seite der Armee. Aber die Generäle haben sich in den vergangenen Wochen sämtliche Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung verspielt.

Was will das Militär mit dem Putsch eigentlich erreichen?

Ich denke, sie streben eine Art gelenkte Demokratie an ohne Aung San Suu Kyi. Sie haben nicht damit gerechnet, dass Suu Kyis Partei bei den Wahlen im November so viel Zuspruch erhalten würde. Wahrscheinlich fürchteten sie, dass Suu Kyi in ihrer zweiten Amtszeit versuchen würde, den Einfluss der Armee zu beschneiden.

Westliche Firmen wie Benetton oder H&M ziehen sich aus Myanmar zurück. Ist wirtschaftlicher Druck eine geeignete Strategie?

Eine schwere Frage. Ich habe Freunde, die fürchten, dass dadurch das Elend der Burmesen noch schlimmer wird. Andere sagen, je schlimmer es wird, desto mehr Menschen gehen auf die Strasse. Ich glaube, nur ein Land hat wirklich Einfluss auf Myanmar, und das ist China. Eine freie, demokratische Gesellschaft wollen die Chinesen in Myanmar nicht. Die könnte sich zu sehr nach Westen orientieren.

Bleiben Sie zuversichtlich, dass es eine friedliche ­Lösung geben wird?

Meine einzige Hoffnung ist, dass eine Fraktion im Militär den Kurs des Putschführers Min Aung Hlaing nicht mehr mittragen will. Ich bin sicher, dass die Armee nicht mehr einfach zum Zustand vor dem Putsch zurückkehren kann. Die Bevölkerung hat jedes Vertrauen verloren und wird sich mit einer halben Demokratie nicht mehr abfinden. Wichtig ist, dass die internationale Gemeinschaft den Putschisten die Anerkennung verweigert. Im Untergrund haben die gewählten Abgeordneten eine Zivilregierung gebildet, mit der müssen wir zusammenarbeiten.

Lässt sich an Militärparaden feiern, statt das Land zu befrieden: General Min Aung Hlaing.

Lässt sich an Militärparaden feiern, statt das Land zu befrieden: General Min Aung Hlaing.

EPA

Die Protestbewegung in Hongkong hat eine sogenannte Milchtee-Allianz mit den Gegnern der Militärregime in Thailand und Myanmar ausgerufen. Müssen sich die Diktaturen in Asien jetzt warm anziehen?

In allen drei Bewegungen spielen junge Menschen und Frauen eine grosse Rolle. Es sind horizontale Bewegungen ohne besondere Führerfiguren. China hat aber in Hongkong die Lage im Griff. Ein demokratisches Myanmar würde China Kopfzerbrechen bereiten, so wie alles, was in der Region in diese Richtung geht.

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