«Nachts fühlt es sich an wie die Hölle»: Zwei Augenzeugen erzählen

Der Ruf nach einem Waffenstillstand wird lauter, die Angst der Menschen im Nahen Osten dauert an. Zwei Betroffene erzählen.

In Gaza sind seit vergangener Woche mehr als 200 Menschen ums Leben gekommen. Ganze Stadtquartiere sind zerstört.

In Gaza sind seit vergangener Woche mehr als 200 Menschen ums Leben gekommen. Ganze Stadtquartiere sind zerstört.

EPA

Mohammed Zaanoun, 35, Fotojournalist in Gaza-Stadt: «Das Schlimmste sind die Stimmen unter den Trümmern»

Mohammed Zaanoun.

Mohammed Zaanoun.

Instagram

Das Schlimmste sind die Stimmen unter den Trümmern. Es dauert immer eine Weile, bis die Bulldozer anrücken. Dann höre ich manchmal das Klagen eines Kindes oder eines alten Mannes unter dem Schutt. Dann plötzlich nichts mehr. Die Rettungsteams graben in der Regel nur Leichen aus. Ich halte dann meine Kamera auf die Schuttberge. Mein Laptop ist nach einigen Tagen Krieg schon voll mit Videos und Fotos von Toten und Trümmerbergen.

Meine Arbeit ist gefährlich. Ich weiss ja nie, wann und wo eine Rakete einschlägt. Jedes Gebäude, an dem ich tagsüber vorbeilaufe, kann im nächsten Moment über mir zusammenstürzen. Arbeit und Leben sind derzeit nicht zu trennen. So wollte ich vor einigen Tagen zum Haus meiner Grossmutter. Sie lebt in der Nähe vom Strand und liegt derzeit im Krankenhaus. Ich wollte etwas für sie besorgen. Als ich am Strand ankam, schlug eine Rakete in einem Café ein. Zwei Menschen starben. Ich habe das dann gefilmt.

Zurzeit lebe ich bei meinem Onkel in der Innenstadt. Meine Wohnung ist eigentlich im Norden von Gaza. Da ist es nicht weit bis nach Israel. Als die Bombardierung anfing, dachte jeder hier, dass es sicherer ist im Stadtzentrum und in weiterer Entfernung zur Grenze. Inzwischen glaube ich, dass es keinen Unterschied mehr macht, wo ich mich aufhalte. Es sind einfach zu viele Raketen, die einschlagen, besonders nachts. Es fühlt sich an wie die Hölle. Das Gebäude bebt, die Fenster zittern und die Kinder schreien. Ich mache kein Auge zu.

Bombensichere Bunker gibt es für die Menschen in Gaza keine. Jene, die einen Keller haben, flüchten dahin. Sie könnten jederzeit verschüttet werden. Oder sie stürzen mit ihren Wohnungen in die Tiefe. Herumfliegende Trümmer können sie auf der Strasse erwischen. Deshalb bleiben die Menschen in Gaza einfach dort, wo sie nachts eben sind, zuhause. Bei meiner Arbeit komme ich auch immer wieder am Al-Shifa-Hospital vorbei. Es ist das grösste Krankenhaus in Gaza. Viele Verwundete sind in den letzten Tagen dort hingebracht worden. Dabei ist die Klinik voll belegt mit Coronapatienten. Jetzt ist es schwierig, die Menschen irgendwo anders hin zu verlegen. Die Strassen um das Krankenhaus sind zerstört.

Schlimm hat es auch viele aus meiner Nachbarschaft getroffen. Wer keine Verwandte in der Innenstadt hat, ist häufig im Norden in die Schulen des UN-Hilfswerks UNRWA geflüchtet. Internationale Helfer kommen derzeit aber kaum hierhin. Es ist ihnen zu gefährlich. Die Einheimischen geben ihnen etwas von ihren Vorräten ab. Wir haben kein Wasser, kaum Strom oder Internet und nur noch einen Wunsch: dass dieser Krieg endlich aufhört.

Eine Rakete der Hamas hat ein Loch in eine Strasse in Tel Aviv gerissen. Mehr als 3000 Raketen hat die radikalislamische Palästinenserorganisation auf Israel abgefeuert.

Eine Rakete der Hamas hat ein Loch in eine Strasse in Tel Aviv gerissen. Mehr als 3000 Raketen hat die radikalislamische Palästinenserorganisation auf Israel abgefeuert.

AP

Katharina Höftmann, 36, Autorin in Tel Aviv: «Mein Sohn fragte mich: Mama, kannst du dich auf mich drauflegen?»

Katharina Höftmann.

Katharina Höftmann.

Kat Kaufmann

Wir waren mittendrin, meine Kinder (vier und sieben), mein Mann und ich. Raketenalarme erleben wir nicht zum ersten Mal. Schon als mein Sohn ein paar Monate alt war, sassen wir in einem Bunker, mein Mann eingezogen an der Front. Meine Söhne wissen, was sie tun müssen, wenn der Raketenalarm über Tel Aviv heult. Wir wissen, dass es irgendwie jederzeit losgehen kann.

Und doch: Was in der Nacht des 11. Mais passiert ist, hat uns erschüttert. In dieser Nacht attackiert die Hamas Tel Aviv zum ersten Mal seit Langem. Statt der «gewohnten» vier, fünf Raketen schickte sie hunderte. Alles wackelte und wankte. Wir hockten in unserem dunklen, stickigen Bunkerraum und wenn mir jemand gesagt hätte, dass das jetzt das Ende sei, ich hätte es geglaubt. Meine Kinder fragten mich: «Mama, ich habe Angst, kannst du dich bitte auf mich drauflegen?»

Nachdem wir die Corona-Krise einigermassen bewältigt hatten, hat uns der Krieg wieder in Lockdown-Zeiten zurückgeworfen. Aber ohne Kinder kann man einigermassen arbeiten (beste Ablenkung!), trifft sich immerhin ab und zu mit Freunden, macht einen kleinen Spaziergang – immer bereit, in das nächste Treppenhaus oder den nächsten Bunker zu sprinten. Mit Kindern hingegen überlegt man sich das sehr genau.

Es ist unheimlich genug, wenn ich sehe, wie meine Kinder bei jedem Geräusch zusammenzucken. Ich tue alles, damit sie diese entsetzliche Situation einigermassen unbeschadet überstehen. Und ja, ich erkläre ihnen während des Sirenenalarms, dass jetzt auch in Gaza Kinder im Dunklen sitzen und Angst haben. Kinder, die keine Bunker und keinen Iron Dome haben, der sie beschützt.

Ich will nicht, dass sie denken, dass uns unsere Nachbarn hassen. Ich will, dass sie weiterhin an das Gute im Menschen glauben können, auch wenn mir das gerade selber schwer fällt. Denn zu den Raketenangriffen kommen bürgerkriegsähnliche Zustände innerhalb Israels, die uns alle aus der Illusion reissen, dass wir wenigstens mit den 20 Prozent arabischen Israelis in unserem Land in friedlicher Koexistenz leben können.

«Nachts fühlt es sich an wie die Hölle»: Zwei Augenzeugen erzählen
Source:
Source 1

LEAVE A REPLY

Please enter your comment!
Please enter your name here