«Projekt Pegasus» deckt neuen weltweiten Überwachungsskandal auf – die fünf wichtigsten Fragen und Antworten

Acht Jahre nach der NSA-Enthüllung durch Edward Snowden haben mehrere Zeitungen einen neuen, gross angelegten Spionage-Fall aufgedeckt. Die Software der «NSO Group» kann sogar auf die Kamera und das Mikrofon von Smartphones zugreifen. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Das «Pegasus Projekt» hat einen neuen weltweiten Überwachungsskandal aufgedeckt.

Das «Pegasus Projekt» hat einen neuen weltweiten Überwachungsskandal aufgedeckt.

Bild: Andrew Guan/unsplash

Eine Gruppe von Journalisten – darunter Reporter der «Süddeutschen Zeitung», des britischen «Guardian», der französischen «Le Monde» und der «Washington Post» – hat einen weltweiten Spionage-Skandal aufgedeckt. In mindestens zehn Ländern haben Regierungsvertreter und Geheimdienste mit der Software Pegasus des israelischen Tech-Unternehmens NSO Group unliebsame Medienvertreter und politische Gegner überwacht und teilweise verfolgt.

Manche Beobachter vergleichen die Enthüllung, die unter dem Namen «Projekt Pegasus» läuft, mit der Aufdeckung der Massenüberwachung des amerikanischen Geheimdienst NSA durch den Whistleblower Edward Snowden 2013. Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Was haben die Journalisten genau aufgedeckt?

Die Pariser Organisation «Forbidden Stories» und die Menschenrechtsorganisation «Amnesty International» haben 17 Redaktionen eine Liste mit rund 50000 Telefonnummern zur Verfügung gestellt, die mit der Überwachungssoftware Pegasus des israelischen Unternehmens NSO Group belauscht worden sein sollen. Die Software des Unternehmens soll eigentlich dazu dienen, Regierungen und Geheimdiensten im Kampf gegen Terroristen und Verbrecher zu unterstützen. Laut den neuen Recherchen, die diese Woche stückweise unter dem Titel «Projekt Pegasus» veröffentlicht werden, haben mehrere Staaten das Programm aber dazu missbraucht, unliebsame Journalisten, Menschenrechtsaktivistinnen oder politische Kontrahenten auszuspionieren.

Wie genau funktioniert die Überwachungssoftware Pegasus?

Die Software kann aus der Distanz auf Telefone zugreifen und im Hintergrund – ohne, dass der Betroffene etwas davon merkt – wichtige Funktionen wie etwa die Kamera oder das Mikrofon fernsteuern. Das Programm ermöglicht das Mitlesen von E-Mails und Textnachrichten und das Abhören von Telefongesprächen. Es kann Passwörter mitlesen und die Einträge in die Kalender-Apps einsehen. Pegasus gelangt teilweise auf die betroffenen Handys, ohne dass die Handy-Besitzer auf einen Link klicken oder sonst etwas tun müssen. 2019 hat Facebook herausgefunden, dass die Software eine Sicherheitslücke bei der Whatsapp-Anruffunktion ausnutzt, um Handys zu infizieren.

Wer ist von der Überwachungskampagne betroffen?

Laut den aktuellen Recherchen sind 13 amtierende oder ehemalige Präsidenten, Regierungschefs und Premierminister betroffen. Dazu kommen rund 180 Journalisten, etwa die Chefredaktorin der «Financial Times» in London, Reporter der «New York Times», des «Economist», von «CNN» oder der unabhängigen ungarischen Rechercheplattform «Direkt 36». Welche der aufgetauchten Telefonnummern genau gehackt worden sind, ist noch unklar. Bei einer Stichprobe von 67 Nummern haben die beteiligten Journalisten und Forscher in 23 Fällen einen Angriff bestätigen können. In 14 Fällen gilt er als wahrscheinlich. Es ist davon auszugehen, dass also mindestens die Hälfte der 50000 Nummern in irgendeiner Weise überwacht worden sind.

Zu den Überwachten gehörten neben den Politikern und Journalisten auch die Verlobte des ermordeten Journalisten Jamal Khashoggi, Hatice Cengiz, oder die saudische Frauenrechtlerin Loujain al-Hathoul, die sich in ihrer Heimat dafür einsetzte, dass Frauen Auto fahren dürfen. Al-Hathoul wurde kurz nach dem Angriff auf ihr Telefon in Dubai entführt und in Saudi-Arabien ins Gefängnis gesteckt.

Noch schlimmer traf es den mexikanischen Reporter Cecilio Pineda, der kurz nach der lancierten Pegasus-Überwachung seines Telefons von einem Auftragsmörder vor einer Autowaschanlage ermordet worden ist.

Im Frühling 2019 wurde auch die in die Schweiz geflohene Ex-Abgeordnete der separatistischen Partei CUP im katalanischen Parlament, Anna Gabriel, mit der Software überwacht. Im April und Mai 2019 wurden fast 1400 Whatsapp-Konten weltweit angegriffen. Whatsapp schloss danach die von Pegasus genutzte Sicherheitslücke und verklagte die «NSO Group».

Die Frau des in Istanbul ermordeten Journalisten Jamal Khashoggi soll zu den Betroffenen gehören.

Die Frau des in Istanbul ermordeten Journalisten Jamal Khashoggi soll zu den Betroffenen gehören.

AP

Wer sind die NSO-Kunden, die im Verdacht stehen, die Software missbraucht zu haben?

Ungarn, Indien, Bahrain, Kasachstan, Aserbaidschan, Mexiko, Marokko, Ruanda, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate. Die «NSO Group» betont, dass man bereits fünf Kunden abgelehnt habe, um potenziellen Missbrauch der Überwachungssoftware zu verhindern. Das habe die Firma um Aufträge in der Höhe von 300 Millionen Dollar gebracht. Ein sechster, Saudi-Arabien, soll jetzt ebenfalls von der Kundenliste gestrichen werden. Dazu unterhält «NSO Group» eine Liste mit 55 Ländern, mit denen die Firma grundsätzlich nicht zusammenarbeiten würde. Dazu gehören China,Russland, Nordkorea, Kuba und der Iran.

In ein besonders schlechtes Licht geriet die «NSO Group» im Zusammenhang mit der Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi auf der saudischen Botschaft in Istanbul. Laut den neuen Recherchen wurden die Telefone mehrerer Personen aus Khashoggis Umfeld mit Pegasus infiziert, darunter auch jenes seiner Verlobten Hatice.Cengiz. NSO-Chef Shalev Hulio hat das in einem Interview mit dem US-Fernsehsender CBS aber bestritten. Shalev sagt, in den vergangenen Jahren hätte es nur drei Fälle gegeben, in denen Kunden die Software missbraucht hätten, «und das sind jetzt keine Kunden mehr». Die jüngsten Recherchen deuten darauf hin, dass es deutlich mehr Missbrauchsfälle gab, als die «NSO Group» weiss oder zugibt.

So wirbt die israelische Firma «NSO Group» auf ihrer Homepage um Kunden.

So wirbt die israelische Firma «NSO Group» auf ihrer Homepage um Kunden.

Screenprint

Was passiert jetzt?

Die Recherchejournalisten wollen ihre Erkenntnisse gestückelt im Verlaufe dieser Woche veröffentlichen. Die «Süddeutsche Zeitung» schreibt:

«In der Hand eines autokratischen Regimes wird Pegasus zu einer Waffe, mit der sich Widerstand im Keim ersticken lässt – nämlich bereits dort, wo er organisiert wird.»

Wie die betroffenen Personen und Institutionen reagieren werden, ist unklar. Was die Enthüllung für die Zukunft des EU-Landes Ungarn bedeutet, wird sich zeigen. Die ungarische Regierung steht im Verdacht, kritische Journalisten überwacht zu haben. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sagte dazu: «Wenn dies der Fall ist, dann ist das völlig inakzeptabel und ein Verstoss gegen alle Werte und Regeln, die wir in der EU haben.»

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