Sex-Appeal der Sprödigkeit

SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz kam wie Phönix aus der Asche – und hat plötzlich Chancen auf den Wahlsieg.

Olaf Scholz ist Bundesfinanzminister und SPD-Kanzlerkandidat.

Olaf Scholz ist Bundesfinanzminister und SPD-Kanzlerkandidat.

Philipp Von Ditfurth / DPA

Man darf nicht glauben, dass Olaf Scholz keine Ironie drauf hätte. Der Mann kann spotten, dass es funkelt und blitzt. Aber er hält es da wie die Frau, nach deren Job er lechzt. Vor dem Volk – das ja entscheidet, ob er der nächste Kanzler wird – tut Olaf Scholz, als wäre er die Ehrpusseligkeit auf zwei Beinen. Und zwar 24/7, wie man heute so sagt. Egal, ob er als deutscher Finanzminister die Republik so schnell verschuldet wie keiner zuvor. Oder ob er daheim in Hamburg über die Alster rudert.

Vergangenen Sonntagabend durfte TV-Deutschland ihm dabei zusehen. Also beim Rudern. Es sah, wie alles bei Scholz, nicht aufregend aus. Eher beherrscht. Zwei Mann in einem Boot, sie schienen nicht schnell. Aber ausdauernd. Es waren Bilder, die ziemlich gut passen zu dem, was Scholz gerade inszeniert. Den Sex der Sprödigkeit. Genau genommen schon seit einem Jahr und 17 Tagen.

So lange ist Scholz offiziell Kanzlerkandidat der SPD. Das war, bis vorgestern, weniger eine Auszeichnung als eine Art Himmelfahrtskommando. Aber seit Mittwoch ist alles anders. Da meldet das Meinungsforschungsinstitut Forsa, die SPD habe in ihrer Umfrage zur Bundestagswahl die Union überholt. 23 zu 22 Prozent.

Rot also vor Schwarz. Seit fünfzehn Jahren ist das nicht mehr vorgekommen. Anfang April kam die Union auf 31 Prozent – die SPD auf 14. Dazwischen lagen die Grünen mit 21. Dann beschloss die Union, sie wolle mit Armin Laschet ins Kanzleramt. Bei den Grünen bestand Annalena Baerbock auf ihrer Kandidatur. Seitdem ist es so: Scholz’ Konkurrenz macht die Fehler. Und er die Prozente.

Scholz profitiert von der Schwäche seiner Gegner

Man wüsste gern, ob Scholz vielleicht doch mitunter nachts auf der Bettkante sitzt und sich wundert. Wie das alles so läuft. Und funktioniert. Offiziell zwar sagt er vom ersten Tag an: «Ich will Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland werden.» Aber nicht einmal bei der SPD haben sie wirklich geglaubt, der hölzerne Satz wäre mehr als Selbstbeschwörung.

Der Mann, der die Partei nun in einen kleinen Glückstaumel versetzt hat, Forsa-Chef Manfred Güllner, warnt umgehend vor Übermut. «Scholz», sagt er, «profitiert von der Schwäche von Laschet und von Baerbock. Es ist nicht seine eigene Stärke.» Und auch das sagt Güllner: «Als Kanzler können ihn sich viele noch nicht vorstellen.» Immerhin «noch».

Scholz würde dieses Verdikt weglächeln. In seiner langen politischen Karriere hat er, wenn überhaupt, eher gegrinst. Seit er Kanzler werden will aber ist er zum Kampflächler mutiert. Egal worum es geht, egal wer vor ihm sitzt oder steht: Scholz lächelt. «Stocksteif» schimpfen ihn die Fotografen. Wer ihm wohler will, könnte sagen: Was auch immer er tut – Scholz wirkt bemüht. «Wer hat denn die meisten Tore geschossen?», fragt er leutselig den Fussballnachwuchs in seinem Wahlkreis. Aber wenn ihm gleich drei, vier, fünf Knirpse die Finger entgegenrecken und «Iiiich!» schreien – fällt ihm nichts ein zu so viel Begeisterung. Spontaneität ist nicht sein Ding.

SPD in einem «grottenschlechten Zustand»

Auch da gleicht Scholz Merkel. Er selbst hält das nicht für das Schlechteste. Und das Publikum, wie es scheint, scheut ohnehin die Veränderung. Stur wählt es Merkel zur beliebtesten Politikerin. Immerhin: Scholz schafft Rang drei. Direkt vor ihm: Markus Söder. Dem sich die Republik wohl mit Wucht an den Hals werfen würde – wenn sich die CDU nur auch hätte dazu überwinden können.

Forsa-Chef Güllner glaubt, bislang – also exakt einen Monat vor der Bundestagswahl – sei nichts entschieden. Aber er denkt, dass Scholz Merkel-Wähler gewinnen kann. Und Laschet nicht. Andererseits, sagt er, komme Scholz in der Kanzlerpräferenz nur auf dreissig Prozent. «Kein berauschender Wert. Gerhard Schröder hatte fünfzig, Merkel zum Teil sechzig.» Und dann: «Die SPD ist trotz allem in einem grottenschlechten Zustand.»

Aber sie reisst sich – anders als die Union, vorneweg Söder – zusammen wie nie. Keine Querschüsse nirgends, selbst das linke Chef-Duo schweigt nicht krachend, sondern dezent. Geht es so weiter, muss Scholz es sich möglicherweise schon selbst vermasseln. Sieht aber nicht so aus. Im Gegenteil. Vor acht Jahren reckte knapp vor der Wahl Peer Steinbrück – SPD-Kandidat 2013 – dem Publikum vom «SZ-Magazin» den Stinkefinger entgegen. Als Reaktion auf Spitznamen wie «Pannen-Peer». Die Wähler nahmen bitterlich übel. Steinbrück nannte es Ironie. Jetzt wird Scholz beim «Interview ohne Worte» gefragt, wie sehr er Merkel vermissen wird. Und landet mit zur Raute geformten Händen auf dem Cover.Lächelnd. Dass es funkelt und blitzt.

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