Sie öffnen verbotene Türen: Wie weissrussische Schriftsteller gegen das Regime kämpfen

Belarus ist ein tief gespaltenes Land, seine Menschen protestieren gegen Regierungschef Lukaschenko. Wie geht die Literatur damit um?

Ein Land, das nicht zur Ruhe kommt: Demonstranten tragen während einer Kundgebung der Opposition eine riesige alte belarussische Nationalflagge, um gegen die offiziellen Ergebnisse der Präsidentschaftswahlen zu protestieren.

Ein Land, das nicht zur Ruhe kommt: Demonstranten tragen während einer Kundgebung der Opposition eine riesige alte belarussische Nationalflagge, um gegen die offiziellen Ergebnisse der Präsidentschaftswahlen zu protestieren.

Bild: AP/Keystone (Minsk, 13.September 2020)

Alle Jahre wieder. Wenn zum Tag des Notenabschlusses im Lyzeum immer derselbe traditionelle Kriegsveteran des Zweiten Weltkriegs eingeladen wird, der «Helden- und Ruhmesgeschichten» präsentiert, mit Orden behängt und am Gehstock laufend, schlafen die Schüler reihenweise ein. Hatte es in ganz Belarus womöglich nur einen einzigen Partisanen gegeben? Und dann betritt doch, an diesem heissen Maitag 1999, ein anderer die Bühne, der keine weissrussischen Heldentaten beschwört, keine «verstaubten Gedichte über soldatische Ehre» zitiert, der stattdessen schlicht sagt:

«Wir haben keinen heiligen Befreiungskrieg geführt… uns nicht für den kommunistischen Führer geopfert, nein, Kinder, das war alles ganz anders.»

Entsetzt die Schulverantwortlichen, plötzlich hellwach die Schüler. «Unser Krieg war schmutzig, eklig und versaut, weil unser Krieg eigentlich ein Bürgerkrieg war», sagt der Veteran, der keine Auszeichnungen vorweisen kann, sondern im drei Jahre von der deutschen Wehrmacht besetzten Land gegen alle gekämpft und geschaut hat, wie er überleben konnte. Er erzählt, wovon «niemand je erzählt hatte. Er hatte eine verbotene Tür einen Spaltbreit aufgestossen – und die Kinder drängten ihm unaufhaltsam hinterher.»

Schon diese Anfangsszene von Sa­sha Filipenkos Roman «Der ehemalige Sohn» zeigt: Hier ist von einem Land die Rede, in dem Literatur, egal von was sie spricht, immer politisch ist. Als Filipenkos Roman 2014 im russischen Original erschien, war der Autor noch keine dreissig – und damit aufgewachsen, dass drei Viertel der Bevölkerung seines Landes auf nichts so stolz waren wie auf den Sieg über die Deutschen 1945.

Sasha FilipenkoDer ehemalige SohnRomanAus dem Russischen von Ruth AltenhoferDiogenes.

Sasha Filipenko

Der ehemalige Sohn

Roman

Aus dem Russischen von Ruth Altenhofer

Diogenes.

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Aber was hatte dieser nationalistische Mythos mit der Realität seiner Generation über fünfzig Jahre später zu tun? Und wieso wurde er so autoritär vermittelt? Hatte ihr Land, Weissrussland, nicht 1991 nach Ende des Kalten Krieges als Republik Belarus seine Unabhängigkeit erklärt?

In jenem Belarus, in dem junge Schreibende wie Sasha Filipenko, 37, oder Volha Hapeyeva, 39, aufgewachsen sind, war das sowjetische Regime relativ nahtlos in die Realität der «letzten Diktatur Europas» übergegangen; die des seit 1994 an der Macht festhaltenden Präsidenten Aljaksandr Lukaschenka.

«Als Erstes schreibst du die Wörter, die uns allen am liebsten und teuersten sind: Mutter, Heimat, Lenin», so hatte es in der Fibel gestanden, mit der Volha Hapeyeva in den späten 1980er-Jahren lesen lernte. Die Fibel definierte Werte und Prioritäten für die Schüler ähnlich autoritär, wie es der im Zeichen von Kriegs- und Heldenmythos stehende Unterricht in Filipenkos Buch noch 1999 tat.

Sa­sha Filipenko

Sa­sha Filipenko

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Belarussisch nur für eine kurze Zeit Amtssprache

Nach dem Abtreten des «falschen» Veteranen waren die Schüler aufgeregt zu ihrem Geheimplatz, der versifften Toilette im dritten Stock, gestürmt. War es nicht reiner «Selbstmord», was dieser unerschrockene alte Herr von sich gegeben hatte? Aber auch das Gespräch der 16-Jährigen gerät schnell in politischen Streit. Wieso sich die Freunde schon wieder auf Belarussisch unterhalten, fragt einer von ihnen genervt die anderen. «Dürfen wir uns denn im eigenen Land nicht in unserer Muttersprache unterhalten?», fragt Franzisk zurück.

Nur für eine kurze Zeit nach der Unabhängigkeit war das Belarussische als einzige Amtssprache festgelegt worden. Schon bald dominierte Russisch wieder den Diskurs und ist seit 1995 wieder offiziell gleichberechtigt. Auch punkto Sprache also konnten die Kinder der 1980er-Jahre, die in die Unabhängigkeit ihres Landes hinein gross wurden, keine Freiheitserfahrung, keinen Durchbruch des Eigenständigen erleben.

In ihrem aus sprechenden Geschichten und Anekdoten zusammengesetzten Roman erzählt Volha Hapeyeva von jenem Schlüsselmoment, den sie im Kindergarten erlebt hatte.

Volha Hapeyeva

Volha Hapeyeva

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Ein Junge, dem sie half, hatte, statt sich höflich zu bedanken, «Djiakuj» gesagt, Danke auf Belarussisch. Das verstand Volha damals aber noch nicht. Es war «eine Sprache, von der ich noch weit entfernt war, die aber bereits in mir steckte wie eine Partisanin, die nur auf den rechten Moment wartet, sich Bahn zu brechen.»

Volha HapeyevaCamel TravelRomanDroschl.

Volha Hapeyeva

Camel Travel

Roman

Droschl.

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Ein Bild für den lethargischen Schlaf des Landes

Während Hapeyevas Buch über zwar kluge, aber keineswegs sich zu einem Roman fügende Geschichten nicht hinaus­reicht, geht Filipenkos «Der ehemalige Sohn» hinein ins Drama seines Landes. Franzisk, der junge Held, fällt bei der Massenpanik in einer Unterführung in ein Koma, aus dem er zehn Jahre später erwacht – zwar muss er 2009 lernen, was ein Handy und was WLAN ist, ansonsten ist ihm ­bestens bekannt, was er in bedrückender Zuspitzung vorfindet: Journalisten hinter Gittern, Buchzensur, Zwang zum Parteieintritt…

Rasch genesend, bringt er für eine Weile noch die Sprachen durcheinander: «…die allgemein übliche und die Lieblingssprache vermischten sich ständig in Zisks Kopf. Wie der erste und bisher einzige Präsident des Landes sprach er jetzt beide Amtssprachen gleichzeitig. Allerdings waren sich die Ärzte beim Grasrauchen im Ärztezimmer darüber einig, dass Franzisk im Gegensatz zum Präsidenten alle Chancen hatte, eines Tages wieder grammatikalisch richtig zu sprechen.»

Sein Witz und sein Sarkasmus ­verdecken nicht die tiefe Traurigkeit dieses Buches, dessen Katastrophen, gehäufte Selbstmorde und dessen Gewaltdemonstrationen der Staatsmacht allesamt reale Vorbilder in der belarussischen Geschichte haben. Von der Resignation und sozialen Kälte in der Gesellschaft zu schweigen.

Für seinen scharfsinnigen, spannend und lebhaft erzählten Roman hatte Filipenko direkt nach Erscheinen 2014 den «Russkaja Premija» erhalten, einen der «renommiertesten russischen Literaturpreise», wie er im aktuellen Vorwort der deutschen Ausgabe berichtet. Der Erfolg, die vielen Auflagen, all das hätte ihn zwar als Autor gefreut, als «Staatsbürger aber traurig» gemacht. Denn das Koma des jungen Franzisk sei ja ein Bild für «den lethargischen Schlaf seines Landes» angesichts einer unerträglichen Wirklichkeit. Er hege die «inständige Hoffnung, dass dieses Buch in meinem Land eines Tages nicht mehr aktuell sein wird…»

Fiktion trifft Wirklichkeit

Danach sieht es leider gar nicht aus. So ahnungsvoll, wie sein Roman 2014 auf die kommenden Massen­proteste – und damit auf das grosse Aufbe­gehren im vergangenen Sommer 2020 anlässlich der offenbar gefälschten Wahlen – vorauswies, so sehr passt das Land, in das Filipenkos Held Franzisk erwacht, zu den aktuellen finsteren Bildern aus diesen Tagen. Die Gefangenentransporte auf den Strassen von Minsk zeigen hochgerüstete Sicherheitskräfte in schwarz, die das brutale Vorgehen gegen offenen Widerstand, im Internet dokumentiert, zu bestätigen scheinen.

Filipenkos Roman steht geradezu symbolisch für die Wunde, die auch sechs Jahre nach ihrem ersten Auftreten weiter heftig blutet: Belarus, jenes langjährig von Kriegen und Diktatur zermürbte Land, an dem sich ja seit Jahrzehnten eine grosse Autorin älterer Generation abarbeitet: Swetlana Alexijewitsch, 73, die 2015 für ihr mutiges Werk und das von ihr entwickelte Genre des «Romans in Stimmen», den Literaturnobelpreis erhielt. Ein Werk, mit dem sie, so die Begründung, «Leiden und Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt».

Swetlana Alexijewitsch, (u. v. a.)Der Krieg hat kein weibliches GesichtHanser Berlin/Suhrkamp.

Swetlana Alexijewitsch, (u. v. a.)

Der Krieg hat kein weibliches Gesicht

Hanser Berlin/Suhrkamp.

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