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Weil sich eine junge Frau in ihrer Obhut tödliche Verletzungen zufügte, müssen sich vier Mitarbeitende des Basler Untersuchungsgefängnisses Waaghof vor Gericht verantworten. Sie sollen ihre Obhutspflicht verletzt haben. Am Dienstag wurden sie befragt.

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In einer Zelle des Untersuchungsgefängnisses Waaghof in Basel strangulierte sich am 12. Juni 2018 eine 29-jährige Frau.

In einer Zelle des Untersuchungsgefängnisses Waaghof in Basel strangulierte sich am 12. Juni 2018 eine 29-jährige Frau.

Lukas Hausendorf

Zwei Tage darauf erlag sie ihren Verletzungen im Universitätsspital Basel.

Zwei Tage darauf erlag sie ihren Verletzungen im Universitätsspital Basel.

Kanton BS/Juri Weiss

Weil vier Aufsehende nicht sofort erste Hilfe leisteten, wirft ihnen die Staatsanwaltschaft fahrlässige Tötung durch Unterlassen vor.

Weil vier Aufsehende nicht sofort erste Hilfe leisteten, wirft ihnen die Staatsanwaltschaft fahrlässige Tötung durch Unterlassen vor.

Lukas Hausendorf

  • Am 14. Juni 2018 starb eine 29-jährige Frau im Unispital Basel, nachdem sie sich im Untersuchungsgefängnis Waaghof durch Strangulation Verletzungen zugefügt hatte.

  • Am Dienstag begann der Prozess gegen vier Aufsichtspersonen des Gefängnisses. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, für den Tod der Frau mitverantwortlich zu sein.

  • Das Gericht befragte die Beschuldigten und zwei Ärzte zu den Ereignissen.

Am Dienstag äusserten sich die beschuldigten Aufsichtspersonen zum Tod einer 29-jährigen Frau vor dem Basler Strafgericht. Die Frau war am 14. Juni 2018 im Unispital Basel gestorben, nachdem sie sich zwei Tage zuvor in der Zelle stranguliert hatte. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen fahrlässige Tötung durch Unterlassen vor. Gemäss Anklageschrift verletzten sie ihre Pflichten gegenüber der Frau in ihrer Obhut.

Zentrales Beweisstück des Verfahrens sind die Aufnahmen der Überwachungskamera der Zelle, in welche die Frau vor dem Vorfall wegen ihres auffälligen Verhaltens verlegt worden war. Sie zeigen die Ereignisse etwa so, wie sie in der Anklageschrift wiedergegeben sind. Die 29-Jährige erhängt sich, dann kommen die Beschuldigten in die Zelle und schneiden sie los. Danach wird die Frau mit Brust und Gesicht gegen die Wand und den Beinen am Boden liegengelassen.

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Wieso haben sie nicht sofort geholfen?

«Das erste, das mir durch den Kopf ging, war ‹Schauspielerei›», sagte einer der Beschuldigten gestern aus. So komme es im Gefängnis immer wieder vor, dass Inhaftierte medizinische Notfälle vortäuschten. Zudem habe die Frau noch Atemgeräusche von sich gegeben und auf Wasserspritzer reagiert. «Ich war unter Schock und überfordert», sagte ein anderer, der sich damals noch in der Ausbildung befand. «Sie haben doch einen Nothelferkurs gemacht. Sie wissen schon, dass Bewusstlose auch atmen?» wollte der Gerichtspräsident von ihm wissen. «Zu lange her», antwortete der heute 33-Jährige.

Ausbildung – beziehungsweise der Mangel davon – und Überforderung dürften die Kernpunkte des Verfahrens sein. Laut der Staatsanwaltschaft hätten die Beschuldigten trotzdem erste Hilfe leisten müssen. Laut den Verteidigenden hätte man quereingestiegenen Aufsichtspersonen nicht auf ein Umfeld loslassen dürfen, in dem es um Leben und Tod gehen kann. Nie seien sie darauf vorbereitet worden, in so einer Situation professionelle Hilfe zu leisten. Und unter dem gegebenen Stress funktioniere auch Gelerntes nicht.

Der Gefängnisarzt betreute drei der Beschuldigten nach dem Todesfall. Er war zufällig in die Rolle geschlüpft, weil er langjährige Erfahrung bei der Ausbildung von Ersthelfenden hat, wie er am Dienstag sagte. Er beschrieb die Beschuldigten als «völlige Laien», die etwa so qualifiziert für die Situation gewesen seien «wie Menschen von der Strasse». Weil in einem Gefängnis das Risiko einer Strangulation erhöht ist, sei es Aufgabe des Arbeitgebers und der Arbeitgeberin, das Personal entsprechend zu schulen. Hier habe man inzwischen mit Kursen Nachholarbeit geleistet. Hunderprozentige Sicherheit herzustellen, sei aber unmöglich.

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Hätte die Frau noch gerettet werden können?

Für das Gericht dürfte die Frage, ob die Frau hätte gerettet werden können, entscheidend sein. Die 29-Jährige hatte sich schon rund fünf Minuten in der Strangulation befunden, als die Beschuldigten sie losschnitten. Hätten sie sie umgehend in die stabile Seitenlage gebracht, hätten sich ihre Überlebenschancen verbessert, sagte der Gutachter der Rechtsmedizin. Die Wahrscheinlichkeit konkret einzuschätzen vermochte er aber nicht.

Dass die Frau in einer Lage belassen wurde, die ihr bei Bewusstlosigkeit das Atmen erschwerte, komme hinzu. Sowohl die Strangulation wie auch die wegen der Körperlage behinderte Lungenfunktion wären genug, um bleibende Schäden am Gehirn zu verursachen, so der Gutachter. «Für eine Behinderung der Atmung ist das ein sehr langer Zeitraum. Lang genug, um daran zu sterben», sagte er. Vor allem, weil Sauerstoffmangel im Gehirn auch dann noch tödlich verlaufen kann, wenn die Person zunächst zu überleben scheint.

Das Gericht wird sich folglich auch damit befassen müssen, ob die Beschuldigten überhaupt hätten erkennen können, dass die Frau nicht bei Bewusstsein ist. Der Gutachter ist sich sicher, dass sie ohnmächtig war und deswegen «keine Chance hatte». So wäre sie wohl nicht in der unnatürlichen Körperlage an der Wand verblieben. «Probieren sie das aus, das tut weh», sagte er. Zudem hätte sie zwischendurch den Kopf drehen müssen, um Luft zu holen.

Am Mittwoch werden noch offene Fragen geklärt. Die Staatsanwaltschaft und die Verteidigenden werden ihre Sicht der Dinge darlegen und ihre Anträge zum Urteil stellen. Die Urteilsverkündung ist für Freitag, 10.30 Uhr angesetzt.

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«Sie wissen schon, dass Bewusstlose auch atmen?»
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