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Ende 2019 wurde in Kirchberg SG eine in Abfallsäcke verpackte Leiche eines Drogenkuriers gefunden. Am Donnerstag steht deshalb ein Mann (36) wegen Störung des Totenfriedens vor Gericht.

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Ein Fussgänger entdeckte am Sonntag (29.12.2019) eine Leiche in Kirchberg SG. 

Ein Fussgänger entdeckte am Sonntag (29.12.2019) eine Leiche in Kirchberg SG.

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Beim toten Mann handelt es sich um einen Drogenkurier.

Beim toten Mann handelt es sich um einen Drogenkurier.

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Es wurden mehrere Fingerlinge mit Kokain in seinem Körper gefunden. 

Es wurden mehrere Fingerlinge mit Kokain in seinem Körper gefunden.

Symbolbild Kapo SG

  • Ende Dezember 2019 wurde in Kirchberg SG ein Toter in einem Plastiksack gefunden.

  • Es handelte sich um einen 44-jährigen Guatemalteken.

  • Die Polizei sprach damals von einem Drogenkurier.

  • In der Leiche fand man mehrere 100 Gramm Drogen.

  • Ein 36-jähriger Mann aus Zürich steht am Donnerstag (3. Juni 2021) vor dem Kreisgericht Toggenburg.

  • Ihm wird Störung des Totenfriedens vorgeworfen.

  • Dafür soll er eine bedingte Freiheitsstrafe von zehn Monaten bekommen.

Am Sonntag vor Silvester 2019 fand ein Spaziergänger in einem Wiesenbord am Waldrand von Kirchberg einen Abfallsack, der ihm nicht ganz geheuer vorkam. Er alarmierte die Polizei, welche beim Öffnen des Plastiksacks feststellte, dass sich darin ein unbekleideter Leichnam befand. Daraufhin wurde gerätselt, was es mit der Leiche auf sich hat. An Silvester war klar: Der Tote war Drogenkurier – in seinem Körper wurden mehrere hundert Gramm sogenannter Fingerlinge gefunden. Diese waren mehrere tausend Franken wert. Der Mann hatte laut Polizei eine grössere Anzahl Drogen-Kokons im Darm und starb vermutlich an einem Darmdurchbruch. Die Identität des Mannes blieb jedoch bis Frühling 2020 unklar, denn vorerst hatte ihn niemand als vermisst gemeldet und die Identifizierung war schwierig. Später konnte der Mann dank biometrischen Daten identifiziert werden.

Als Tourist eingereist

Wie und weshalb der Guatemalteke nach Kirchberg kam, war bislang nicht bekannt. Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft St. Gallen bringt ein wenig Licht ins Dunkel. Der Mann kam Mitte 2019 als Tourist in die Schweiz und checkte zuerst in einem Hotel beim Goldbrunnenplatz in Zürich ein. Später kam er bei einer Kollegin unter, mit welcher er jedoch laut Anklageschrift nach rund einer Woche «Stress» hatte. Deshalb nahm er Kontakt mit dem Beschuldigten Zürcher mit dominikanischen Wurzeln auf, den er von einem früheren Schweiz-Aufenthalt her kannte, und bekniete ihn, dass er bei diesem unterkommen könne. Der Beschuldigte gab klar zu verstehen, dass ihm das gar nicht passe, weil «er habe selber viel um die Ohren und könne keine Probleme brauchen», willigte schliesslich doch ein. So quartierte sich der Guatemalteke beim Zürcher ein.

Statt Ambulanz zu rufen wurde Halbbruder informiert

Als der Briefträger am frühen Morgen des 27. Dezembers zur Arbeit gehen wollte, sah er seinen unwillkommenen Gast bleich vor einer Plastikschüssel sitzend, in die er erbrochen hatte. Er erkundigte sich, ob er zu einem Arzt gehen wolle. Der Guatemalteke sagte zum Züricher, er solle sich keine Sorgen machen und zur Arbeit gehen, was dieser auch tat.

Als er um 13 Uhr nach Hause kam, lag der Guatemalteke mit verdrehten Augen am Boden. Der damals 44-Jährige war nicht mehr ansprechbar. Statt eine Ambulanz oder die Polizei zu rufen, schrieb der Zürcher eine Whatsapp-Nachricht an seinen Halbbruder, der damals in Barcelona wohnte. Er habe eine Krise und bräuchte dringend seine Hilfe. Der Halbbruder flog noch am selben Abend von Barcelona nach Zürich. Nachdem er die Leiche in der Wohnung des Zürcher gesehen hatte, gingen die beiden nach draussen und irrten rund drei Stunden umher, ehe sie zurück zum Mehrfamilienhaus kamen. Dort verbrachen sie die Nacht im Treppenhaus und im Keller.

Erwachsenenwindel über Kopf gestülpt

Am Morgen mietete der Züricher einen Lieferwagen und fuhr damit zur Wohnung. Dort zog er zusammen mit seinem Halbbruder der Leiche die Kleider, bis auf eine Erwachsenenwindel, aus. Eine weitere Windel, die der Tote in seiner Jacke hatte, wurde dem Leichnam über den Kopf gestülpt. Danach zogen sie fünf schwarze 110-Liter-Abfallsäcke von oben und unten über den toten Körper und befestigten diese mit Klebeband. Die verpackte Leiche brachten sie in den gemieteten Lieferwagen. Handy, Kleider und Portemonnaie wurden in Abfalleimern an verschiedenen Zürcher Tramhaltestellen entsorgt.

Hier wurde die Leiche Ende Dezember 2019 gefunden.

jeb

Leichnam im Toggenburg entsorgt

Am Abend machten sich die Halbbrüder mit dem Lieferwagen scheinbar ziellos auf Richtung Ostschweiz und stoppten schliesslich an einem Waldrand, in Kirchberg SG im Toggenburg. Dort deponierten sie gegen 21 Uhr die Leiche an der Strasse und liessen diese einige Meter einen Abhang herunterrollen, bis diese auf der Wiese liegen blieb. Dort wurde sie am nächsten Tag von einem Spaziergänger entdeckt.

Damit hat sich der Beschuldigte laut Staatsanwaltschaft der Störung des Totenfriedens schuldig gemacht. Sie fordert deshalb für den Zürcher, der im Frühling 2020 rund zehn Wochen in Untersuchungshaft sass, eine bedingte Freiheitsstrafe von zehn Monaten, bei einer Probezeit von zwei Jahren.

Wessen Drogenkurier Guatemalteke war bleibt rätselhaft

Gegen den Halbbruder läuft ein separates Verfahren, das noch anhängig ist. Aufgrund des laufenden Verfahrens wird von der Staatsanwaltschaft nicht bekannt gegeben, ob gegen den Halbbruder auch wegen Drogendelikten ermittelt wird. Klar ist aber, dass man nach wie vor davon ausgeht, dass der verstorbene Guatemalteke ein Drogenkurier war. Von wem dieser die Drogen hatte und ob er in Auftrag von jemandem handelte, ist nach wie vor ein Rätsel. Ein Tatverdacht diesbezüglich konnte gegen den 36-jährigen Mann aus Zürich, der am Donnerstag vor Gericht steht, laut Staatsanwaltschaft nicht erhärtet werden.

Hast du oder hat jemand, den du kennst, ein Problem mit illegalen Drogen?

Hier findest du Hilfe:

Safezone.ch, anonyme Onlineberatung bei Suchtfragen

Feel-ok, Informationen für Jugendliche

Infodrog, Information und Substanzwarnungen

Trauerst du oder trauert jemand, den du kennst?

Hier findest du Hilfe:

Seelsorge.net, Angebot der reformierten und katholischen Kirchen

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Pro Senectute, Beratung älterer Menschen in schwierigen Lebenssituationen

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Sie zogen ihm eine Windel über den Kopf
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