Siegen ganz ohne Trump: Die Gouverneurswahlen in Virginia zeigten den Republikanern einen neuen Weg ans Ziel

In Virginia gewinnt der ehemalige Geschäftsmann Glenn Youngkin den Urnengang alleine mit lokalen Themen und gänzlich ohne Verweise auf den Ex-Präsidenten. Haben die Konservativen damit ein Rezept gefunden, wie sie auch ohne Trump’sche Schützenhilfe an der Urne Erfolg haben können?

Glenn Youngkin, der neu gewählte Gouverneur von Virgina, freut sich in der Wahlnacht über seinen Sieg.

Glenn Youngkin, der neu gewählte Gouverneur von Virgina, freut sich in der Wahlnacht über seinen Sieg.

Andrew Harnik / AP

An Selbstbewusstsein mangelt es ihm nicht. In der Schlussphase seines erfolgreichen Wahlkampfes um den Gouverneursposten im Bundesstaat Virginia forderte der Republikaner Glenn Youngkin den ehemaligen Präsidenten Barack Obama zum Duell auf dem Basketball-Spielfeld auf.

«Ich bin bereit», sagte Youngkin an die Adresse des 44. US-Präsidenten, einem angefressenen «Hoops»-Fan. Schliesslich hatte der grossgewachsene 54-Jährige in seinen Jugendjahren auf eine Karriere als professioneller Basketball-Spieler aspiriert.

Hey @BarackObama, I hear you’re in town trying to bail out @TerryMcAuliffe‘s campaign. If you’re up for a game, I’m ready! pic.twitter.com/sBcmObowZ1

— Glenn Youngkin (@GlennYoungkin) October 23, 2021

Im Wahlkampf bewies Youngkin immer wieder, dass er noch ein gutes Ballgefühl und ein Gespür für Timing besitzt. Es sind aber nicht seine Fähigkeiten als Sportler, die am Tag nach dem knappen Wahlsieg die Herzen der republikanischen Strategen und Funktionäre erwärmen.

Vielmehr gilt der ehemalige Unternehmer — er amtierte bis im Sommer 2020 als Co-Konzernchef der Beteiligungsgesellschaft The Carlyle Group und wurde dabei schwerreich — in Washington bereits als Prototyp für den idealen Kandidaten, der seine Partei zurück auf die Siegesstrasse bringen kann.

Er machte es allen recht, den Ideologen und den Wechselwählern

Und so sieht diese besondere Mischung aus, mit der Youngkin einen Bundesstaat gewann, in dem Präsident Joe Biden noch vor einem Jahr mehr als 54 Prozent der Stimmen erzielt hatte. Er gab sich während seinen Auftritten pragmatisch, ein Familienvater eben, der sich für die Probleme seiner Nachbarinnen und Nachbarn interessiert und ihnen helfen will. Damit eroberte er die Herzen der Wechselwähler, die sich noch im vorigen November dazu entschieden hatten, Donald Trump abzuwählen.

Zum andern aber signalisierte Youngkin den immer noch wütenden Anhängerinnen und Anhängern von Trump, dass er auf ihrer Seite stehe — obwohl er es doch erfolgreich vermied, gemeinsam mit dem unbeliebten Ex-Präsidenten aufzutreten. Den grössten Applaus erhielt der Republikaner jeweils, wenn er während seinen Wahlkampfauftritten versprach, die angebliche ideologische Unterwanderung von Schulkindern durch linke Aktivistengruppierungen zu stoppen.

Dabei spielte keine Rolle, dass das Beispiel, auf das er dabei zurückgriff, mit der Realität wenig gemein hatte. Wichtiger war, dass der mit seinem Hinweis auf die «Critical Race Theory» bewies, dass er sein Ohr am Puls der Zeit hat und weiss, welche Themen im rechten Amerika gerade in Mode sind.

Huge Cheers From The Crowd As @GlennYoungkin Vows To Ban Critical Race Theory On Day One pic.twitter.com/pjSkqD0Fg9

— The Columbia Bugle 🇺🇸 (@ColumbiaBugle) November 2, 2021

Youngkin also machte es allen recht, den harten Ideologen und verkappten Rassisten, den verunsicherten Vorstadt-Eltern und den Wählerinnen und Wählern, die Biden und seiner Partei bloss eins auswischen wollten. (Das Wahlresultat — Youngkin gewann nach Auszählung fast aller Stimmen etwas weniger als 51 Prozent — zeigt, wie ernst auch das demokratische Fussvolk diese Wahl nahm.)

Auf dem flachen Land, in dem «Fuck Joe Biden»-Fahnen oder «Trump 2024»-Plakate zu sehen sind, schnitt der Harvard-Absolvent besser ab als der nominelle Anführer der Republikanischen Partei. Und in den Vorstädten hatte er zwar das Nachsehen, sein Rückstand auf den demokratischen Kontrahenten Terry McAuliffe hielt sich aber in Grenzen — weil er gerade am äusseren Rand der Ballungszentren punktete und nicht nur weisse Wähler ansprach.

Wut über Biden und die Demokraten war wohl matchentscheidend

Interessant ist, dass bei der parallel stattfindenden Gouverneurswahl in New Jersey der republikanische Kandidat ebenfalls ausserordentlich gut abschnitt — obwohl es ihm wohl knapp nicht für den Sieg reichte. Wie Virginia auch ist der Ostküsten-Bundesstaat eine Hochburg der Demokraten, und Biden gewann dort vor einem Jahr 57 Prozent der Stimmen.

Nun liefern sich der Amtsinhaber Philip Murphy und sein republikanischer Herausforderer Jack Ciattarelli ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Dieses Resultat deutet darauf hin, dass die Wut und Enttäuschung der Wähler über Biden und seine Demokratische Partei am Dienstag der treibende Faktor war.

Aber natürlich schadet es nie, einen Kandidaten wie Youngkin zu haben, der irgendwie harmlos wirkt und nötigenfalls auch einen ehemaligen Präsidenten zum Duell auf dem Basketball-Feld herausfordern kann. Wie sagte Youngkin doch so schön, an seiner letzten Wahlkampfveranstaltung am Montagabend: «Morgen geht es nicht darum, ob Sie Demokrat oder Republikaner sind. Morgen geht es um die Zukunft.»

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