Publiziert

Weil immer weniger Intensivplätze frei sind, müssen Spitäler improvisierte Betten aufbauen. Damit könnten mehr Patienten sterben, heisst es beim Berner Inselspital.

von

Noah Knüsel

Daniel Graf

Martin Tramèr ist Chefarzt auf der Anästhesie im Unispital Genf. Im Interview erzählt er, wie die fünfte Welle den Spitalalltag bestimmt.

Video: A. Zingg

  • Die Schwelle von 150 freien IPS-Betten wurde am Donnerstag unterschritten.

  • Die vielen Covid-Patienten und -Patientinnen auf den Intensivstationen zwingen schweizweit Spitäler zum Handeln: Sie verschieben Operationen und ziehen Personal von anderen Abteilungen ab.

  • So können improvisierte «Ad-hoc-Betten» geschaffen werden. Die Chancen, das Spital lebend zu verlassen, sinkt für die Patienten und Patientinnen aber.

  • Auf Dauer kann das keine Lösung sein, sagen Experten und Expertinnen sowie die Gesundheitsdirektorenkonferenz.

Auf Schweizer Intensivstationen wird der Platz knapp: Am Donnerstag gab es weniger als 150 freie IPS-Betten. Wie Andreas Stettbacher vom Koordinierten Sanitätsdienst (KSD) der Armee sagte, müsse beim Unterschreiten dieser Schwelle immer mehr auf improvisierte Ad-hoc-Betten (siehe Box) ausgewichen werden.

Schweizweit werden deshalb Ad-hoc-Kapazitäten aufgebaut. So gibt es etwa im Wallis vier improvisierte Betten. Und Marc Kohler, der CEO der Thurgauer Spitäler, sagt: «Wir haben sechs zusätzliche Ad-hoc-Plätze.» Das sei aber nur für kurze Zeit bewältigbar: «Auf Dauer geht das nicht – und mehr solcher Betten können wir schon gar nicht betreiben.»

Schweizweit verschobene OPs

Auch das Inselspital Bern läuft am Anschlag. Ab nächster Woche müssen laut Sprecherin Petra Ming viele nicht-dringliche Operationen verschoben werden: «Mit dem Personal aus der Anästhesie können wir einzelne zusätzliche zertifizierte IPS-Betten betreiben.» Für den Aufbau von Ad-hoc-Betten fehle das Personal gar ganz, sagt Ming. Bei diesen wäre zudem die Qualität der Betreuung tiefer: «Das würde letztendlich auch die Sterblichkeitsrate beeinflussen.»

Bei der Gesundheitsdirektorenkonferenz bestätigt man, dass vielerorts Operationen verschoben werden müssen. So könnten die IPS-Kapazitäten zwar erhöht werden, sagt Sprecher Tobias Bär: «Ein so starker und kurzfristiger Ausbau wie im Frühling 2020 ist aber nicht mehr möglich.» Das liege etwa daran, dass das Gesundheitspersonal schon lange am Limit laufe.

«Auch Erstimpfungen helfen nicht»

Epidemiologe Andreas Cerny ist sehr besorgt über die aktuelle Lage. Zwar könne ein Teil des zusätzlichen Bedarfs durch Ad-hoc-Betten aufgefangen werden: «Die Möglichkeiten sind aber sehr begrenzt.»

Zudem gehe das auf Kosten der Patienten. So nehme einerseits die Betreuungsqualität ab: «Wenn überarbeitete Pflegende ohne spezialisierte Ausbildung auf einer IPS arbeiten, schleichen sich mehr Fehler ein.» Andererseits müssten nicht dringende Eingriffe verschoben werden: «Darunter fallen zum Beispiel auch Krebs-Operationen.»

Derzeit würden auch Erstimpfungen nicht mehr viel helfen, so Cerny: «Wer sich jetzt impfen lässt, hat erst nach sechs Wochen den vollen Schutz.» Darum brauche es jetzt Booster-Impfungen und Massnahmen zur Kontaktbeschränkung.

Die Schweizerische Gesellschaft für Intensivmedizin (SGI) gibt verschiedene Richtlinien für Intensivbetten vor. Erfüllt ein IPS-Platz diese, gilt er als SGI-zertifiziert. Dabei geht es etwa um die Ausstattung des Bettes, die Anzahl Pflegenden oder deren Ausbildung. Improvisierte IPS-Plätze, die diese Kriterien nicht erfüllen, werden als «Ad-Hoc-Betten» bezeichnet. Dort ist die Betreuungsqualität oft schlechter. Trotzdem soll die höchstmögliche Behandlungsqualität geboten werden.

Als Mitglied wirst du Teil der 20-Minuten-Community und profitierst täglich von tollen Benefits und exklusiven Wettbewerben!

Spitäler bauen wegen drohendem Kollaps improvisierte IPS-Betten auf
Source:
Source 1

LEAVE A REPLY

Please enter your comment!
Please enter your name here