Streit nach Totalverlusten mit Investitionen in Wirecard und Co.: Wie sorglos dürfen Kleinanleger sein?

Gewisse Arten von fehlgeleiteten Geldgeschäften hatten im Pandemiejahr Hochkonjunktur. Nicht selten waren sorglose oder gewinnsüchtige Opfer an den Verlusten mitschuldig.

Beschäftigen auch den Bankenombudsmann: Die betrügerischen Machenschaften beim ehemaligen Finanzdienstleister Wirecard.

Beschäftigen auch den Bankenombudsmann: Die betrügerischen Machenschaften beim ehemaligen Finanzdienstleister Wirecard.

Keystone

Während die Pandemie vielen Menschen die Stelle gekostet hat, bescherte sie dem Bankenombudsmann mehr Arbeit. 2175 Beschwerden haben der oberste Streitschlichter Marco Franchetti und sein Team 2020 entgegengenommen – acht Prozent mehr als im Vorjahr. Das Konfliktfeld mit der stärksten Zunahme (+80 Prozent) waren Fälle mit betrügerischem Hintergrund. Diesen starken Anstieg führte der Ombudsmann auf der Jahresmedienkonferenz vom Donnerstag «zumindest teilweise» auf die Corona-Pandemie zurück.

In den Schlichtungsverfahren zeigt sich aber, dass die Kunden ihre eigene Verantwortung gern auf die leichte Schulter nehmen und umso mehr Sorgfalt und Kontrolle von ihrer Bank erwarten.

Zu holen gibt es nur noch etwas bei der Bank

Ein typisches Betrugsmuster wird im Jahresbericht dargestellt: Ein Kunde lässt sich per Telefon von lukrativen Anlageversprechen locken und leistet via E-Banking und Kreditkarte Zahlungen von insgesamt 100’000 Franken an die ihm unbekannten Personen. Diese gaukeln dem Anleger zunächst schöne Gewinne vor und verschwinden plötzlich im Nichts.

Der Betrug liegt Monate zurück, die Täter sitzen irgendwo im Ausland und zu holen gibt es höchsten noch etwas bei der Bank. Es kommt zum Streit über die Sorgfaltspflicht. «Im Gegensatz zu den Erwartungen gewisser Kunden ist es keineswegs so, dass eine Bank automatisch für Schäden haftet, welche Opfer von kriminellen Handlungen widerfahren», stellt der Ombudsmann klar. Das schweizerische Recht gehe vielmehr davon aus, dass in erster Linie derjenige einen Schaden tragen muss, welcher ihn erleidet.

Was ist leichtgläubig, was grobfahrlässig?

Eine solche standardmässige Rechtsbelehrung mag für Betrogene unbefriedigend sein. Doch auch die Beschwerden vieler ähnlich gelagerter Parallelfälle seien nach den Beobachtungen des Ombudsmanns sehr unspezifisch und sich im Wortlaut auffallend ähnlich. Die Beschwerden enthielten «ein wildes Potpourri» an rechtlichen Argumenten, welche oft nur sehr indirekt mit den Fällen der Kunden in Verbindung gebracht werden könnten. «Es ist zu befürchten, dass die Kunden für diese Dienstleistung bezahlen und dabei neben dem durch den Betrug erlittenen Verlust noch weiteres Geld verlieren.»

Banken-Ombudsmann Marco Franchetti.

Banken-Ombudsmann Marco Franchetti.

Key

Die Grenze zwischen Leichtgläubigkeit und grobfahrlässiger Gewinnsucht ist fliessend. Auch mit dem letzteren Phänomen war der Ombudsmann 2020 häufig konfrontiert. So haben Streitfälle aus dem Sachgebiet «Börse und Depot» im Berichtsjahr um 49 Prozent zugenommen.

Ein wiederkehrender Tatbestand bildeten kreditfinanzierte Wertschriftengeschäfte, die nach dem Börseneinbruch im März 2020 für viele Spekulanten ein böses Ende nahmen. Als die Kurse der als Sicherheit hinterlegten Aktien im Keller waren und die Bank zur Deckung ihres Kredites zur Veräusserung der hinterlegten Aktien schritt, mussten die Kunden ihre Hoffnungen auf den grossen Börsengewinn definitiv begraben und stattdessen einen schmerzlichen Verlust hinnehmen. Hätte die Bank mit dem Verkauf der Aktien zuwarten müssen, zumal sich die Kurse ab Ende März ja schnell zu erholen begannen?

Muss die Bank warnen?

In einem Fall verlangte ein Kunde mittels Anwalt Schadenersatz von der Bank, weil ihn diese vor der Liquidierung der Aktien nicht gewarnt und keinen sofortigen Ausgleich des ungedeckten Kredites durch eine Geldzahlung (Margin Call) verlangte. Doch auch diese juristische Spitzfindigkeit konnte den offensichtlich allzu gewinnsüchtigen Investor nicht vor dem Verlust bewahren.

Gleich erging es jenem Anleger, der sich die Chance auf einen hohen Gewinn nicht entgehen lassen wollte und einen sogenannten «Barrier Reverse Convertible» auf diverse Aktien kaufte, darunter auch jene des insolventen deutschen Zahlungsdienstleister Wirecard. Solche Barrier-Papiere wurden noch Anfang Juni 2020 ausgegeben, nur wenige Tage bevor die Firma ihren längst überfälligen Jahresabschluss offenlegen musste. Die happigen Betrugsvorwürfe gegen das Wirecard-Management standen lange davor schon im Raum entsprechend attraktiv mussten die Bedingungen der Barrier-Papiere sein, damit sie überhaupt noch Käufer finden konnten.

Keine Beratung, aber 20 Prozent Zins

So sah anfänglich auch das Papier jenes Kunden aus, der später beim Ombudsmann vorstellig wurde. 20 Prozent Zins bei vollständiger Rückzahlung des Anlagebetrages – vorausgesetzt, dass keine Aktien aus dem Barrier-Korb eine bestimmte Untergrenze beim Kurs unterschreitet. In diesem Fall erhält der Anleger kein Geld zurück, sondern muss in Zahlungsstatt eine vorbestimmte Zahl der schlechten Aktie aus dem Korb übernehmen.

Der Anleger erlitt einen Totalverlust und machte dafür die Emittentin des Barriers als «Komplizin» im Wirecard-Fall verantwortlich. Das selbst ernannte Opfer eines «Grundlagenirrtums», das seine Aktiengeschäfte nota bene ohne Beratung durch die Bank tätigte, hat die vielen öffentlichen Informationen, die lange vor dem Kollaps von Wirecard zirkulierten und jedem Anleger eine scharfe Warnung sein mussten, offensichtlich ignoriert.

Selbstredend gab es 2020 auch viele Fälle, in denen der Ombudsmann erfolgreich zu Gunsten des Bankkunden intervenieren konnte. Doch die Häufung der Fälle, in denen Kunden ihre Selbstverantwortung nicht übernehmen wollen, ist ein unrühmliches Zeichen unserer Zeit.

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