Tausende Opfer befürchtet: Schweres Erdbeben erschüttert Haiti

Offiziell melden die Behörden mindestens 700 Tote nach einem Beben im Südwesten des Landes. Experten rechnen mit deutlich mehr Opfern.

Zerstörte Häuser im Südwesten Haitis - und Erinnerungen an das Jahrhundertbeben von 2010.

Zerstörte Häuser im Südwesten Haitis – und Erinnerungen an das Jahrhundertbeben von 2010.

Joseph Odelyn/AP

(Les Cayes, 14. August 2021)

Jean Ronald Jocelyn wurde am Samstagmorgen sehr unsanft geweckt. Es war 8.29 Uhr, als in der Stadt Les Cayes im Südwesten Haitis die Erde anfing zu wackeln. «Ich habe gar nicht verstanden, was passierte. Ich hörte Menschen draussen schreien und mein Haus begann, sich hin und her zu bewegen», sagt der Mann, der für die Nichtregierungsorganisation «Hope for Haiti» arbeitet.

Jocelyn sprang aus dem Bett und rannte dann auf die Strasse und ihm kamen die fürchterlichen Bilder in den Kopf vom verheerenden Erdbeben vor elf Jahren, das in dem Karibikstaat vor allem die Hauptstadt Port-au-Prince traf und dem 200’000 Menschen zum Opfer fielen.

Häuser, Hütten und Kirchen fallen in sich zusammen

An diesem Samstag traf es besonders die Städte Les Cayes, Jérémie und viele kleinere Ortschaften im extremen Südwesten Haitis, rund 250 Kilometer von Port-au-Prince entfernt. Auch hier fielen Häuser, Hütten und Kirchen wie Kartenhäuser zusammen, begruben Hunderte von Menschen unter den Trümmern. Die ganze Region lag unter einer Staubwolke.

Nach einer vorläufigen Bilanz des «Nationalen System für Katastrophenschutz» vom Samstagnachmittag (Ortszeit) wurden über 700 Menschen getötet, 1800 verletzt. Die Erschütterungen zerstörten demnach 899 Häuser und beschädigten 729, darunter Kirchen, Krankenhäuser, Schulen und Hotels.

Die Erdstösse lösten im ganzen Land Panik und Erinnerungen an das Jahrhundertbeben von 2010 aus. Betroffen waren dieses Mal aber die Départements Nippes, Grande’ Anse und Sud. Hier leben zwei bis drei Millionen Menschen, allerdings nicht so dicht aufeinander wie in der Hauptstadt.

Tausende Opfer durch das Beben befürchtet

Das Epizentrum wurde rund zwölf Kilometer von der Ortschaft Saint-Louis du Sud in zehn Kilometer Tiefe lokalisiert. Die Erschütterungen waren auch noch in der benachbarten Dominikanischen Republik und in Kuba zu spüren.

Die Hauptstadt blieb dieses Mal glücklicherweise von Schlimmerem verschont. «Die Gebäude wackelten, die Menschen liefen in Panik auf die Strassen, aber soweit zunächst ersichtlich, stürzten keine Gebäude ein», sagte Annalisa Lombardo, Landesdirektorin von der deutschen Organisation «Welthungerhilfe».

Experten rechneten für die kommenden Tage mit zahlreichen weiteren Opfern. Die US-Erdbebenwarte USGS warnte, dass die Todesopfer in die Tausenden gehen könnten. «Hohe Opferzahlen und grosse Schäden sind wahrscheinlich», erklärte die USGS. Vermutlich sei breite internationale Hilfe notwendig.

US-Präsident Joe Biden drückte der haitianischen Regierung und den Menschen sein Beileid aus und genehmigte Soforthilfe seines Landes für die betroffene Region. Haitis neuer Premierminister Ariel Henry überflog den Südwesten am Samstagnachmittag und beschrieb die Lage als «dramatisch». Er verhängte für einen Monat den Ausnahmezustand über Haiti. «Wir werden alles tun, um den betroffenen Menschen in der Region zu helfen», schrieb er anschliessend auf Twitter.

Je viens de survoler, à basse altitude, la ville des #Cayes pour prendre connaissance de l’étendue des dégâts en vue de mieux canaliser les interventions d’urgence.#Haïti pic.twitter.com/QmYAgRhkQz

— Dr Ariel Henry (@DrArielHenry) August 14, 2021

Haiti, das sich mit der Dominikanischen Republik die Insel Hispaniola teilt, wird seit vielen Jahren von Naturkatastrophen heimgesucht. Erdbeben wie das von 2010 und schwere Wirbelstürme haben das Land wiederholt schwer getroffen.

Auch für die kommenden Tage ist wieder ein Tropensturm für die vom Unglück betroffene Region vorhergesagt, der die Hilfs- und Aufräumarbeiten zu gefährden droht. Zudem wird der Inselstaat, der zu den ärmsten der Welt gehört, immer wieder von politischer Gewalt erschüttert. Erst vor einem guten Monat war der umstrittene Präsident Jovenel Moïse nachts in seiner Residenz vermutlich von Söldnern erschossen worden. Die Tat ist bis heute ungeklärt.

Spitäler sind mit dem Ansturm überfordert

Kurz nach dem Beben stellten Haitianer Fotos und Videos mit ersten Impressionen in die sozialen Netzwerke. Darauf sieht man Männer und Frauen, die unter Trümmern graben, um Verschüttete zu bergen. Man sieht teilweise oder völlig eingestürzte mehrstöckige Gebäude, halb zerstörte Kirchen. Und man sieht und hört die Menschen panisch kreischend über staubige Strassen rennen.

Die wenigen Spitäler in der Region waren schon kurze Zeit nach dem Unglück mit dem Ansturm der Verletzten überfordert. «Das Gesundheitssystem unseres Landes ist in keiner Weise auf ein so dramatisches Ereignis vorbereitet», sagt Rosy Auguste von der Menschenrechtsorganisation RNDDH gegenüber dieser Zeitung. Ganz Haiti und vor allem die Infrastruktur des Landes habe sich noch nicht vom Beben im Jahre 2010 völlig erholt.

Tausende Opfer befürchtet: Schweres Erdbeben erschüttert Haiti
Source:
Source 1

LEAVE A REPLY

Please enter your comment!
Please enter your name here