Taliban drohen mit «Reaktion»: Dem Westen bleibt noch eine Woche, um die eigenen Leute herauszuholen

Viel Zeit bleibt nicht mehr: Die USA und andere fliegen ihre Leute im Eiltempo aus Kabul aus. Ende August ist Deadline. Derweil bereitet sich Europa mit Stacheldraht auf Flüchtlinge vor.

Ein Militärtransporter vom Typ C-17 Globemaster III vor dem Abflug aus Kabul: Die USA haben am Sonntag binnen 24 Stunden 10'000 Menschen aus Afghanistan geholt.

Ein Militärtransporter vom Typ C-17 Globemaster III vor dem Abflug aus Kabul: Die USA haben am Sonntag binnen 24 Stunden 10’000 Menschen aus Afghanistan geholt.

Senior Airman Taylor Crul / AP

Der letzte Weg in die Freiheit – er führt über den Flughafen von Kabul. Tausende Menschen drängen derzeit vor seine Tore. Sie hoffen, einen der Evakuierungsflieger zu erwischen. Nach Deutschland, England, Usbekistan – egal, Hauptsache raus. Die letzte Rettung vor den Taliban.

Die Sicherheitslage um den Airport herum verschlechtert sich allerdings zusehends. Am Montagmorgen kam es zu einem Feuergefecht, in das auch Nato-Soldaten verwickelt waren. Ein afghanischer Sicherheitsmann wurde dabei von Unbekannten getötet. Am Wochenende starben im Gedränge vor dem Flughafen bereits mindestens sieben Menschen. Und die US-Regierung warnt vor Anschlägen durch die Terrormiliz IS: «Die Bedrohung ist real, sie ist akut, sie ist anhaltend», sagte Präsident Joe Bidens Sicherheitsberater Jake Sullivan dem Sender CNN.

Die meisten Afghanen, die sich unter Lebensgefahr in Richtung Flughafen aufmachen, tun dies vergebens. Auf das Flughafengelände gelangt nur, wer einen ausländischen Pass oder ein Visum vorzeigen kann. Diese Menschen werden eiligst ausser Landes geflogen.

USA holen 10’000 Personen in 24 Stunden raus

Menschen stehen Schlange, um aus Afghanistan ausgeflogen zu werden.

Menschen stehen Schlange, um aus Afghanistan ausgeflogen zu werden.

Keystone

Von Sonntagfrüh bis in die Morgenstunden des Montags haben US-Militärmaschinen mehr als 10’000 Personen in Sicherheit gebracht. Weitere knapp 6000 seien von den internationalen Partnern ausgeflogen worden, teilte die US-Regierung mit. 37000 hätten bislang insgesamt evakuiert werden können. Weitere harren noch aus. Darunter auch noch eine Vielzahl jener, die besonders gefährdet sind, weil sie dem US-Militär, der deutschen Bundeswehr oder anderen Nato-Staaten geholfen hatten – und jetzt die Rache der Taliban fürchten.

Die Zeit drängt. Noch gestatten die Islamisten die Starts der internationalen Rettungsflüge für ihre Staatsangehörigen und Ortskräfte. Amerikanische Soldaten überwachen die Mission. Allerdings nur noch bis Ende dieses Monats. Eine Verlängerung soll es nicht geben. Das stellten die Taliban an diesem Montag klar. Die Frist bis 31. August sei eine «rote Linie», sagte ein Sprecher der neuen Machthaber in Kabul dem britischen Sender Sky News. «Wenn sie vorhaben, die Besatzung zu verlängern, wird das eine Reaktion hervorrufen.»

Auch US-Präsident Joe Biden will nicht länger bleiben. Deutschland und Grossbritannien drängen zwar darauf, den Einsatz zu verlängern. Doch Biden ist fest entschlossen, seine Truppen ohne weitere Verzögerung heimzuholen. Die Staats- und Regierungschefs der grossen westlichen Wirtschaftsmächte beraten an diesem Dienstag im Rahmen der G7 darüber, wie es in Kabul weitergehen soll.

Die Staatsoberhäupter von Italien, den USA, Frankreich und die EU-Kommissionspräsidentin am letzten G7-Treffen. Kommenden Dienstag beraten sie über die Situation in Afghanistan.

Die Staatsoberhäupter von Italien, den USA, Frankreich und die EU-Kommissionspräsidentin am letzten G7-Treffen. Kommenden Dienstag beraten sie über die Situation in Afghanistan.

Keystone

Mit Wärmekameras und Drohnen gegen Migranten

Wenn die geregelte Evakuierung endet, fängt der wirkliche Exodus aus Afghanistan erst an. Davon jedenfalls ist die Regierung in Griechenland überzeugt. Seit der Machtübernahme der Taliban in Kabul wächst in Athen die Sorge vor einem neuen Ansturm auf die Grenze. Schon jetzt kommt jeder zweite Asylbewerber, der den EU-Staat Griechenland erreicht, aus Afghanistan. Nach Berichten von Nichtregierungsorganisationen gelangen jeden Tag ein- bis zweitausend afghanische Flüchtlinge über den Iran in die Türkei. Die wenigsten wollen dortbleiben. Ihr Ziel ist Westeuropa. Der Weg dorthin führt über die Ägäis oder den Evros. Deshalb macht Griechenland jetzt seine Grenzen dicht.

«Es kommt nicht in Frage, dass wir noch einmal die chaotischen Szenen des Jahres 2015 erleben», sagt der griechische Regierungssprecher Giannis Oikonomou. Damals, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, kamen an manchen Tagen mehr als 10000 Schutzsuchende zu den Ägäisinseln. Die Küstenwache wird nun massiv aufgestockt. Und auch an der 200 Kilometer langen Landgrenze zur Türkei rüstet Griechenland die Sperranlagen auf, seit der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan im März 2020 die Schlagbäume zu Griechenland öffnete und Zehntausende Migranten an die Grenze bringen liess. Mit Wasserwerfern, Blendgranaten und Tränengas verteidigten die Griechen ihre Grenze.

Österreichs Kanzler Kurz will niemanden aufnehmen

Mit Drohnen, Radaranlagen und Wärmebildkameras wollen die griechischen Grenzschützer jetzt Migranten schon auf türkischem Territorium aufspüren, bevor sie sich der Grenze nähern. Einen Grenzabschnitt von 40 Kilometern, der als besonders neuralgisch gilt, haben die Griechen mit einem bis zu fünf Meter hohen Stahlzaun und Wachtürmen gesichert.

Der österreichische Kanzler Sebastian Kurz möchte niemanden aufnehmen.

Der österreichische Kanzler Sebastian Kurz möchte niemanden aufnehmen.

Keystone

Der Weg von Afghanistan zur Ägäisküste ist weit, über 4000 Kilometer. Es wird Wochen, vielleicht Monate dauern, bis jene, die jetzt aus Afghanistan fliehen, die griechische Grenze erreichen. Wenn die Welle kommt, will Griechenland vorbereitet sein. Eines müsse «völlig klar» sein, sagt der griechische Migrationsminister Notis Mitarakis: «Unser Land wird definitiv nicht das Eingangstor für eine neue Flüchtlingswelle sein.»

Eine knallharte Absage an die Aufnahme von Flüchtlingen aus Afghanistan erteilte vorsorglich schon mal Österreichs Kanzler Sebastian Kurz. In einem TV-Interview sagte Kurz am Montag, er sei «nicht der Meinung, dass wir in Österreich mehr Menschen aufnehmen sollten». Das werde es unter seiner Kanzlerschaft nicht ­geben.

Ultimatum läuft ab: Dem Westen bleibt nur noch eine Woche, um die eigenen Leute aus Afghanistan herauszuholen
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