«Unverständliche Preisunterschiede» bei Herzeingriffen: Der gleiche Stent kostet mal 1200, mal 3500 Franken

Die Eidgenössische Finanzkontrolle deckt Anreize auf, die zu unnötigen Operationen führen. Gerade Materialkosten sind für die obersten Inspektoren des Bundes mitunter «völlig undurchsichtig».

Die Eidgenössische Finanzkontrolle durchleuchtete einmal mehr das Gesundheitswesen – und stiess auf fragwürdige Praktiken.

Die Eidgenössische Finanzkontrolle durchleuchtete einmal mehr das Gesundheitswesen – und stiess auf fragwürdige Praktiken.

Bild: Keystone

Was bereitet den Schweizerinnen und Schweizern die grössten Sorgen? Ein Thema steht in entsprechenden Erhebungen stets auf den Spitzenplätzen: die Angst, dass die Kosten für die Gesundheit weiter steigen. Klar ist: So einiges, was die Krankenkassen vergüten, lässt sich medizinisch nur schwer begründen. Klar ist auch: Die Politik versucht seit Jahren, unnötige Eingriffe einzudämmen.

Doch noch immer hapert es an manchen Stellen gewaltig. Zu dieser Diagnose kommt die Eidgenössische Finanzkontrolle nach einer mehrmonatigen Untersuchung, deren Resultate sie nun vorgelegt hat. Genauer befassten sich die obersten Inspektoren des Bundes mit Massnahmen, die helfen sollen, die Zahl der chirurgischen Eingriffe zu beschränken. Dabei prüften sie, ob es finanzielle Anreize gibt, medizinische Leistungen über das notwendige Mass hinaus zu erbringen.

In ihrem Prüfbericht nennt die Finanzkontrolle fragwürdige Praktiken – und legt einen Katalog mit Empfehlungen vor. Die Liste der Fehlanreize ist lang. Längst nicht alles ist wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich – so wie es das Gesetz eigentlich vorschreibt.

Konkret hat die Finanzkontrolle unter anderem herausgefunden, dass die Vergütung für eine Prostataentfernung bei einem Privatpatienten viermal höher ist. Das Spital verdient dank der Zusatzversicherung gut an Privatpatienten. Die Kontrolleure kritisieren gewisse Anreize, «grundversicherte Patienten ambulant und privatversicherte stationär zu behandeln». Sie berichten von «Mengenausweitungen», die nicht unbedingt dem Patientenwohl dienen. Und sie zeigen auf, wie indirekt wirtschaftlicher Druck auf die Ärzteschaft entsteht.

Dass die Kosten mitunter entgleiten, zeigt sich beispielhaft bei Implantaten. Die Finanzkontrolle bemängelt «unverständliche Preisunterschiede». Eindrücklich illustrieren lässt sich dies anhand einer populären Herzoperation: der elektiven Angioplastie. Bei diesem Wahleingriff öffnen Kardiologen verengte Herzkranzgefässe und implantieren einen Stent; diese netzartigen Röhrchen stellen den Blutfluss wieder her. So ist die Versorgung des Herzens im Notfall gesichert.

«Völlig undurchsichtig», finden die Inspektoren

Eine solche Angioplastie wird in der Regel nur dann in Betracht gezogen, wenn der Patient nicht auf Medikamente anspricht. Auf einen Missstand stiessen die Inspektoren bei den Materialkosten – und zwar allen voran im ambulanten Bereich. Diese machen hier oft mehr als einen Drittel des verrechneten Betrags aus. Bloss: Der gleiche Stent wird von den Spitälern bei ambulanten Eingriffen den Krankenkassen zu völlig unterschiedlichen Preisen verrechnet – die Spanne bewegt sich zwischen 1200 und 3500 Franken für das identische Modell.

In Herzkatheterlaboren wie diesem werden auch Stents implantiert.

In Herzkatheterlaboren wie diesem werden auch Stents implantiert.

Bild: Pius Amrein

Der Finanzkontrolle erscheint dies «völlig undurchsichtig». Die Spitäler hätten erst gar keinen Grund, gute Preise auszuhandeln, «da sie den Kaufpreis an die Krankenversicherung weitergeben können». Wohl auch deshalb setzten sie offenbar kaum auf günstigere Parallelimporte.

Zur Erklärung: Eine stationäre Angioplastie wird mittels Pauschale vergütet, eine ambulante jedoch eins zu eins über das Tarmed. Dabei legen die Krankenkassen für das Material keine Referenzpreise fest.

Die Finanzkontrolle konnte zwar bloss eine kleine Stichprobe überprüfen. Aber grundsätzlich steht für sie fest: Je nach Geschäftsmodell eines Spitals ist der Anstoss, günstige Einkaufspreise auszuhandeln, unterschiedlich gross. «Er ist hoch, wenn das Material pauschal vergütet wird», konstatieren die Inspektoren zum einen allgemein. Und zum anderen aber auch:

«Er ist im ambulanten und im stationären Bereich inexistent, wenn das Spital einen Teil dieser Kosten unrechtmässig einer Zusatzversicherung verrechnen kann.»

Kaum Druck, einen tieferen Materialpreis einzufordern

Der Preisunterschied bei den Stents verdeutlicht laut der Finanzkontrolle, wie wichtig die Einführung von Pauschalen im ambulanten Bereich ist. Nur so steige der Druck auf die Spitäler, bei ihren Lieferanten endlich Preissenkungen zu erwirken. Der Tarmed mit seinen Tausenden Einzelleistungen soll von Pauschalen abgelöst werden; das Vorhaben verzögert sich derzeit auf politischer Ebene.

Die Finanzkontrolleure empfehlen dem Bund ferner, in diesem Bereich ein neues Gesetz zu schaffen. Damit sollen die Spitäler verpflichtet werden, Medizinprodukte wie Implantate bei der ambulanten Verrechnung mit einer eindeutigen Identifikation zu versehen. Klar ist immerhin bereits: In der Schweiz müssen bald alle Medizinalprodukte eine eindeutige Identifizierungsnummer tragen.

Damit werde eine bessere Kontrolle der Abrechnungen möglich, lautet denn auch die Hoffnung der Eidgenössischen Finanzkontrolle. Ebenso könnten jene Spitäler herausgesiebt werden, die bei den Preisen für Implantate oder Einwegmaterial «nicht gut genug verhandelt haben».

«Unverständliche Preisunterschiede» bei Herzeingriffen: Der gleiche Stent kostet mal 1200, mal 3500 Franken
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