Katastrophe in Deutschland

Unwetter tötet mindestens 80 Menschen, 1300 werden vermisst: Angela Merkel ist den Tränen nahe

Die Lage beim nördlichen Nachbarn ist um ein Vielfaches schlimmer als in der Schweiz. Ganze Dörfer wurden weggespült.

Komplett überschwemmt: die Ortschaft Kordel in Rheinland-Pfalz.

Komplett überschwemmt: die Ortschaft Kordel in Rheinland-Pfalz.

dpa

80 Tote, 1300 Vermisste: Das ist die traurige bisherige Bilanz der schweren Unwetter in Deutschland. Die deutschen Nachrichtensender zeigen in Endlosschleifen Aufnahmen von verwüsteten Häusern und von Wassermassen, die sich dreckig und mit mauerbrechender Kraft durch Städte und Dörfer wälzen, alles beiseite rammen oder mitreissen, was ihnen in die Quere kommt.

Schwerpunkt der Katastrophe ist der Kreis Ahrweiler in Rheinland-Pfalz. Allein im 700 Einwohner-Dorf Schuld an der Ahr wurden mehrere Häuser von den Wassermassen mitgerissen, zahlreiche weitere Gebäude teils schwer beschädigt.

In der Nacht zum Donnerstag ist Starkregen über dem Westen Deutschlands niedergerauscht. Mancherorts sind es binnen Stunden fast 200 Liter Wasser pro Quadratmeter gewesen. Der Boden hat die Massen nicht aufnehmen können; nicht nur Bäche und Flüsse haben sich in Rheinland-Pfalz und in Nordrhein-Westfalen tödliche Wellen verwandelt, auch Talsperren sind übergelaufen.

Im Ort Hagen versuchen Menschen, mit Kübeln die Katastrophe abzuwenden.

Im Ort Hagen versuchen Menschen, mit Kübeln die Katastrophe abzuwenden.

dpa

Niemand weiss, wie viele Bewohner überlebt haben

Am ärgsten getroffen ist das Dorf Schuld in der Eifel. Die Ahr zieht dort eine 360-Grad-Schleife, das Wasser hat sechs Häuser mitgerissen. Und auch Menschen. Wie viele der 660 Einwohner den Fluten zum Opfer fielen, ist noch nicht klar.

Im Ort Schuld riss der Fluss Ahr alles mit, was ihm in den Weg kam.

Im Ort Schuld riss der Fluss Ahr alles mit, was ihm in den Weg kam.

dpa

Die ganze Region ist insgesamt schwer getroffen. Durch die Fussgängerzone der Kreisstadt Ahrweiler hat sich die Welle mit mehr als zwei Metern Höhe gewuchtet. «Es ist eine Katastrophe», sagte am Vormittag Ministerpräsidentin Malu Dreyer. In Schuld erzählte ein Überlebender einem Fernsehreporter: «Dat kamman sich nit vorstellen.» Und zeigt auf einen Platz, auf dem am Mittwochabend ein Haus stand. Am Donnerstag früh ist es weg.

Ein Vater aus dem zerstörten Dorf Altenburg sagte der «Bild»-Redaktion, er wisse nicht, ob seine beiden Töchter, die nicht mehr rechtzeitig aus dem Haus gekommen sind, noch leben:

«Seit gestern Morgen um 9 Uhr kann ich sie nicht mehr erreichen.»

Als die Ausmasse der Katastrophe sichtbar wurden, begann die Politik zu reagieren. Kanzlerkandidat Armin Laschet (CDU) liess die CSU-Klausur im bayerischen Seeon sausen, zu der er von seinem einstigen Rivalen Markus Söder eingeladen worden war. Stattdessen reiste der Anwärter aufs Kanzleramt ins Sauerland. Dort haben in der Nacht zwei Feuerwehrleute ihre Hilfsbereitschaft mit dem Leben bezahlt. Ein 46 Jahre alter Mann, erzählt Laschet später, sei von den Fluten mitgerissen worden, nachdem er einen Menschen gerettet hatte.

Kanzlerkandidat Armin Laschet (rechts) reiste ins Krisengebiet statt zur CSU-Klausur.

Kanzlerkandidat Armin Laschet (rechts) reiste ins Krisengebiet statt zur CSU-Klausur.

dpa

Auf den Sozialen Medien kursieren haufenweise Bilder, die die Zerstörung live dokumentieren. Man sieht einen Wohnwagen an einer Brücke zerschellen und brackige Brühe aus einem Toilettenbecken quellen und eine Wohnung fluten. Auch erste Kritik wird laut. Ein Wuppertaler wirft den Staudammverwaltern fürs Bergische Land vor, sie hätten die seit Wochen übervollen Speicher längst leeren müssen. Andere beklagen fehlende Vorwarnungen. Kanzlerkandidat Laschet aber lobte «die sehr gut aufgestellte überörtliche Katastrophenhilfe» – und das darf durchaus als Selbstlob des NRW-Ministerpräsidenten verstanden werden.

Die #Inde – sonst ein kleiner Fluss – hat Teile der Städteregion #Aachen unter Wasser gesetzt. Hier Weisweiler. Unfassbar #Starkregen #Hochwasser #Eifel pic.twitter.com/2lMs0Z1YNB

— Oliver Krischer (@Oliver_Krischer) July 15, 2021

Angela Merkel spricht von einer «Tragödie»

Am späteren Nachmittag meldet sich auch Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Wort. Sie ist derzeit bei US-Präsident Joe Biden in Washington zu Besuch. Doch die ausserordentliche Lage in der Heimat liess der Kanzlerin keine Ruhe. «Entsetzliche Tage» seien das, sagte die sichtlich mitgenommene Kanzlerin.

Angela Merkel trat in Washington vor die Kameras.

Youtube

«Friedliche Orte durchleben in diesen Stunden eine Tragödie. Starkregen und Überschwemmung beschreiben das als Worte nur sehr unzureichend.» In Gedanken sei sie bei jenen, die sich vor den Fluten auf die Dächer ihrer Häuser retten müssten und bei den Angehörigen jener «vielen Menschen», die bei der Katastrophe ihr Leben verloren hätten. Der Staat werde «all seine Kräfte» dafür einsetzen, Leben zu retten und Not zu lindern.

Da stehen in Schuld und anderswo Tausende vor Trümmern und wissen nicht, wie ihr Leben nun weitergeht.

Unwetter-Katastrophe in Deutschland: Mindestens 93 Tote, tausende Vermisste.

CH Media Video Unit

++ Eilmeldung ++ In #Erftstadt-Blessem sind Häuser massiv unterspült worden und einige eingestürzt. Es werden etliche Personen vermisst. Aus den Häusern kommen Notrufe, aber eine Rettung ist vielfach nicht möglich. Unser Katastrophenschutz ist vor Ort. Fotos: Rhein-Erft-Kreis pic.twitter.com/Waaq3tMciM

— BezirksregierungKöln (@BezRegKoeln) July 16, 2021

Unwetter tötet mindestens 80 Menschen, 1300 werden vermisst: Angela Merkel ist den Tränen nahe
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