Washington will gegen hohe Medikamentenpreise vorgehen – in der Pharmabranche läuten die Alarmglocken

Das Repräsentantenhaus in Washington hat am Freitag dem Wirtschafts- und Sozialprogramm von Präsident Joe Biden zugestimmt. Teil dieses Pakets: Eine Preiskontrolle für verschreibungspflichtige Medikamente. Die Medikamentenindustrie spricht von einer «red line», die überschritten worden sei.

Speaker Nancy Pelosi, die Vorsitzende des Repräsentantenhauses, freut sich mit Fraktionskolleginnen und -kollegen am Freitag über die Passage der «Build Back Better»-Vorlage.

Speaker Nancy Pelosi, die Vorsitzende des Repräsentantenhauses, freut sich mit Fraktionskolleginnen und -kollegen am Freitag über die Passage der «Build Back Better»-Vorlage.

J. Scott Applewhite / AP

Die erste Runde geht an die Demokraten. Mit 220 zu 213 Stimmen hat das Repräsentantenhaus am Freitag das milliardenschwere Wirtschafts- und Sozialprogramm von Präsident Joe Biden genehmigt. Die «Build Back Better»-Vorlage, die nun an den Senat geht, will auch eine Preiskontrolle für verschreibungspflichtige Medikamente einführen – ein Vorhaben, an dem Bidens Vorgänger im Weissen Haus allesamt scheiterten, trotz entsprechender Wahlkampf-Versprechen.

In einer ersten Stellungnahme zeigte sich der Dachverband der amerikanischen Pharmaindustrie enttäuscht über die Entscheidung der grossen Parlamentskammer. «Build Back Better» werde medizinische Innovationen ersticken und den gesunden Wettbewerb in der Branche unterminieren, sagte Verbandspräsident Stephen Ubl. «Das ist ein enttäuschender Tag für Patienten.»

Allein: Branchenbeobachter sagen, dass sich mit der Preiskontrolle, von der in erster Linie die staatliche Krankenkasse für Seniorinnen und Senioren (Medicare) betroffen wäre, in den nächsten zehn Jahren nicht 128 Milliarden Dollar einsparen liessen, wie von den Demokraten versprochen.


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Dies hängt mit dem komplexen Gesetzestext zusammen. So wird Medicare anfänglich nur über die Preise von zehn Medikamenten verhandeln können, die bereits vor mehreren Jahren lanciert wurden. Arzneimittel, die sich bereits gegen ein Nachahmerprodukt behaupten müssen, sind von der Preiskontrolle ausgeschlossen. Zudem bleibt unklar, was nun mit den Hersteller-Rabatten geschehen wird, mit denen die Pharmaindustrie bisher versuchte, den Preisdruck abzufedern. Diese Rabatte, sagen Kritiker, seien bisher häufig in den Taschen von Zwischenhändlern gelandet, statt bei den Patientinnen und Patienten.

Die Pharmaindustrie steht dem Vorstoss der Demokraten dennoch äusserst kritisch gegenüber. Im Hintergrundgespräch greift ein Lobbyist auf den Ausdruck «red line» zurück, eine Schmerzgrenze, die nun überschritten worden sei. Auch wenn die Ideen des Weissen Hauses in der Praxis nicht funktionierten, dann würden die Demokraten nun nicht mehr loslassen und direkt in die Preispolitik der Pharmaindustrie eingreifen, befürchtet der Lobbyist. (Weder Novartis noch die amerikanische Roche-Tochter Genentech wollten am Freitag eine Stellungnahme zum Gesetzesvorschlag abgeben.)

Amerika bezahlen mehr für Medikamente

Die hohen Medikamentenpreise in Amerika sind seit Jahren ein politischer Streitpunkt. Demokraten wie Republikaner drängen auf Zugeständnisse der Pharmaindustrie, gibt der Durchschnittsamerikaner doch deutlich mehr für verschreibungspflichtige und rezeptfreie Arzneimittel aus als eine Schweizerin oder ein Deutscher. Gemäss den Zahlen der OECD belaufen sich die jährliche Medikamenten-Ausgaben in Amerika auf 1376 Dollar pro Person, 526 Dollar mehr als in der Schweiz.

Nach dem Ja des Repräsentantenhauses will der Senat nun über «Build Back Better» debattieren. Die Debatte werde noch vor Weihnachten abgeschlossen, kündigte der Mehrheitsführer Chuck Schumer, der Fraktionschef der Demokraten, zu Beginn dieser Woche an.

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