Weichenstellung für die nächste Generation: Verlegerfamilie Wanner macht Kleinaktionären ein Übernahmeangebot

Die Familie von CH-Media-Verleger Peter Wanner will alle im Streubesitz befindlichen Aktien der AZ Medien aufkaufen. Sie sendet damit auch ein Signal aus.

Die Familienmitglieder, die im Unternehmen tätig sind: Florian, Peter, Anna und Michael Wanner (v.l.), hier an der GV 2019, der letzten, die physisch durchgeführt werden konnte.

Die Familienmitglieder, die im Unternehmen tätig sind: Florian, Peter, Anna und Michael Wanner (v.l.), hier an der GV 2019, der letzten, die physisch durchgeführt werden konnte.

Bild: Alex Spichale

Bei einem der traditionsreichsten Medienhäuser der Schweiz kommt es zu einer kleinen Veränderung mit grossem Symbolgehalt: Die Verlegerfamilie Wanner will die AZ Medien, deren Wurzeln bis ins Jahr 1836 zurückreichen, zu 100 Prozent übernehmen und den Minderheitsaktionären ein Übernahmeangebot unterbreiten. Die AZ Medien bilden zusammen mit der NZZ-Gruppe das Joint-Venture CH Media, welches das drittgrösste private Medienunternehmen im Land ist und unter dessen Dach über 80 Marken im Zeitungs-, Online-, TV- und Radiogeschäft vereinigt sind. Eine davon heisst «Schweiz am Wochenende», zu deren Verbund ab diesem Samstag auch der «Walliser Bote» gehört und die mit rund 1 Million Leserinnen und Lesern die reichweitenstärkste Zeitung am Wochenende ist.

Schon jetzt dominiert die aus Baden stammende Familie Wanner die AZ Medien. Ihr Anteil am Unternehmen, das an der Börse zurzeit mit rund 80 Millionen Franken bewertet wird, betrage aktuell 91,5 Prozent, heisst es in einem Brief an die Aktionäre. Der Anteil stieg in den letzten Jahren, weil Wanners immer wieder Aktien von verkaufswilligen Minderheitsaktionären zugekauft haben.

Langfristiges Bekenntnis zum Mediengeschäft

Nun soll die Gesellschaft vollständig in Familienbesitz übergehen. Wie der Verwaltungsrat mitteilt, ist er «einhellig» zum Schluss gekommen, dass jetzt der Moment gekommen sei, die Aktionärsstruktur zu vereinfachen. Die Unternehmung gewinne damit Agilität und Handlungsfreiheit in besonders herausfordernden Zeiten. Aus dem Schreiben geht auch ein langfristiges Bekenntnis der Familie zum Engagement als Medienunternehmer hervor. An die Adresse der Kleinaktionäre gerichtet heisst es: «Wenn Sie diesen Schritt mittragen, schaffen Sie für die Familie Wanner auch eine einfachere Ausgangslage beim Übergang der Unternehmung zur fünften Generation im Rahmen einer Erbteilung. Wir sind der Überzeugung, dass solch langfristig stabile Verhältnisse in Aktionariat und Führung vor allem unserer Unternehmung zugutekommen.»

Die fünfte Generation: Florian, Anna und Michael Wanner, v.l.n.r., hier auf einem Foto von Oktober 2016.

Die fünfte Generation: Florian, Anna und Michael Wanner, v.l.n.r., hier auf einem Foto von Oktober 2016.

Alex Spichale / MAN

Verleger Peter Wanner, zugleich Verwaltungsratspräsident von AZ Medien und CH Media, spricht von einem «Commitment der Familie zum Mediengeschäft». Das sei auch für CH Media positiv, auf die der Aktienrückkauf keine unmittelbaren Auswirkungen habe.

Familie bietet 1200 Franken pro Aktie

Drei der vier Kinder von Peter und Maja Wanner sind bereits operativ im Unternehmen tätig. Michael (38) ist Geschäftsführer des Newsportals Watson und Verwaltungsrat von CH Media, Anna (35) Co-Leiterin der Bundeshausredaktion von CH Media und Florian (32) verantwortet die Radios. Zu den Beteiligungsverhältnissen der einzelnen Familienmitglieder werden keine Angaben gemacht; das sei zu früh, sagt der Verleger. Wie aber kommen Wanners auf die angestrebten 100 Prozent am Aktienkapital? Sie bieten allen Kleinaktionären – es handelt sich um mehrere hundert, davon viele aus dem Aargauer Wirtschafts- und Politikuniversum – die Übernahme der Aktien zum Stückpreis von 1200 Franken an. Der Titel wurde am Freitag an der Börse für 1040 Franken gehandelt.

Eine unabhängige Bewertung der Aktien durch die Treuhandgesellschaft Ernst & Young kam auf einen Preis von 1071 Franken pro Aktie. «Der Aufpreis ist freiwilliger Natur und soll die Verbundenheit der Verlegerfamilie mit den Minderheitsaktionären bekunden», schreibt der Verwaltungsrat. Falls nicht alle Minderheitsaktionäre auf das Übernahmeangebot einsteigen, ist vorgesehen, der Generalversammlung eine Barabfindungsfusion (sogenannter «Squeeze Out») zwischen der AZ Medien und einer Tochtergesellschaft der BT Holding AG zu beantragen. Letztere ist die Familienholding der Wanners. Im Fall eines «Squeeze Out» bekämen die Aktionäre aber nicht 1200, sondern nur 1071 Franken pro Aktie.

Zäsur in der Firmengeschichte: Ende 2017 gaben AZ Medien und die NZZ-Gruppe bekannt, dass sie das Joint-Venture CH Media gründen. V.l.n.r.: Axel Wüstmann und Peter Wanner (AZ), Etienne Jornod und Pascal Hollenstein (NZZ).

Zäsur in der Firmengeschichte: Ende 2017 gaben AZ Medien und die NZZ-Gruppe bekannt, dass sie das Joint-Venture CH Media gründen. V.l.n.r.: Axel Wüstmann und Peter Wanner (AZ), Etienne Jornod und Pascal Hollenstein (NZZ).

Chris Iseli

Der Rückkauf der 8,5 Prozent drittplatzierter Aktien kostet die Familie rund 7,7 Millionen Franken. Fehlt dieses Geld dann nicht für Investitionen ins Kerngeschäft? Peter Wanner verneint. Auf die Investitionskraft bei CH Media und Watson habe das keinen Einfluss. «Wir wollen als Aktionäre weiterhin investieren und werden alle Vorhaben wie geplant durchziehen.»

Einen kleinen Wermutstropfen sieht der Verleger jedoch. Die traditionsreiche Generalversammlung auf Schloss Lenzburg – einen festlichen Anlass mit Kultur und gutem Essen – wird es nicht mehr geben. «Da beschleicht auch mich Wehmut», so Peter Wanner. Weil die nächste und letzte Publikums-GV wegen Corona nicht physisch stattfinden kann, wolle man die Aktionäre als Ersatz zu einem Konzert in die neue Reithalle in Aarau einladen, sobald es die Situation zulasse.

Wermutstropfen: Die Generalversammlung der AZ Medien auf Schloss Lenzburg, hier zuletzt am 24. Mai 2019, wird verschwinden. Sie war auch ein gesellschaftlicher Anlass.

Wermutstropfen: Die Generalversammlung der AZ Medien auf Schloss Lenzburg, hier zuletzt am 24. Mai 2019, wird verschwinden. Sie war auch ein gesellschaftlicher Anlass.

Alex Spichale

Eine noch weiter zurückreichende Tradition als die GV wird aber beibehalten. Der sogenannte Aser zur Samichlauszeit im Badener Wald, mit Gästen aus Politik und Wirtschaft, zumeist auch einem Bundesrat. Peter Wanner: «Den Aser wird es immer geben.»

AZ Medien: Gewinn, aber keine Dividende

Die AZ Medien vermelden in dem Aktionärsbrief, in dem über den Aktienrückkauf informiert wird, auch ihr Jahresergebnis 2020. Angesichts der Coronapandemie sei ein solides Resultat erzielt worden: Der Umsatz betrug 233,1 Millionen, der Gewinn 10,1 Millionen Franken. «Dies trotz massivem Rückgang der Erlöse», heisst es. Der Verwaltungsrat führt die Ergebnisse vor allem auf Sparmassnahmen, die Kurzarbeitsentschädigung und die Mediennothilfe des Bundes zurück. Erfreulich sei der Abschluss beim Newsportal Watson ausgefallen: Es konnte im Coronajahr die Werbeerträge massiv steigern und schreibt erstmals schwarze Zahlen. Seit 1. März ist Watson auch in der Romandie präsent. Angesichts der Pandemie und der herausfordernden Situation entschied der Verwaltungsrat, keine Dividende für das Geschäftsjahr 2020 auszuschütten. (red)

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