Wer kann Merkel? Diese Männer wollen die europäische Leader-Rolle der abtretenden Über-Kanzlerin übernehmen

Während in Deutschland die Koalitionsgespräche andauern, fragt sich Europa: Wer kann die Leerstelle füllen, die Angela Merkel auf dem europäischen Parkett hinterlässt?

Haben eine grosse Lücke zu füllen: CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet, der italienische Ministerpräsident Mario Draghi, der französische Präsident Emmanuel Macron und SPD-Kanzleranwärter Olaf Scholz (v.l.)

Haben eine grosse Lücke zu füllen: CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet, der italienische Ministerpräsident Mario Draghi, der französische Präsident Emmanuel Macron und SPD-Kanzleranwärter Olaf Scholz (v.l.)

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Nach dem Abstimmungssonntag in Berlin fragt sich ganz Europa: Wer wird in die Fussstapfen von Bundeskanzlerin Angela Merkel treten? Dabei ist die Antwort schon klar: Entweder wird es Armin Laschet oder Olaf Scholz.

In beiden Fällen kann Europa beruhigt sein. Sowohl der eine wie auch der andere gelten als senkrechte Europäer. Wahrscheinlich mehr noch als Merkel selbst, die Zeit ihres Wirkens Krisenmanagerin geblieben ist und nie eine Vision für eine «Zukunfts-EU» entwickelt hat.

Aber die Frage steht im Raum: Können Laschet oder Scholz die grossen Schuhe ausfüllen, die Merkel auf dem politischen Parkett hinterlässt?

Trotz aller Differenzen hat Viktor Orban höchsten Respekt vor Angela Merkel.

Trotz aller Differenzen hat Viktor Orban höchsten Respekt vor Angela Merkel.

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Von Freunden und Feinden gleichermassen respektiert

In den 16 Jahren ihrer Kanzlerschaft hat sich Merkel nämlich eine «natürliche Autorität» erarbeitet, die weit über jene hinausgeht, die ihr Kraft ihres Amtes verliehen wird. Merkel schaffte es, von Freunden wie Feinden gleichermassen respektiert zu werden.

Mit Ungarns Ministerpräsidenten Viktor Orban zum Beispiel lag sie in der Migrationspolitik fundamental über Kreuz. Trotzdem spricht der Ungare bis heute über Merkel nur in höchsten Tönen. Selbst den linkspopulistischen Ex-Premier Griechenland, Alexis Tsipras, machte Merkel zu einem Verbündeten, obwohl sie seinem Land nach der Beinahe-Pleite ab 2010 eine brutale Sparpolitik aufzwang.

Sie spricht russisch, er spricht deutsch: Dem russischen Präsidenten Wladimir Putin konnte Merkel auf Augenhöhe begegnen.

Sie spricht russisch, er spricht deutsch: Dem russischen Präsidenten Wladimir Putin konnte Merkel auf Augenhöhe begegnen.

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Aber Merkel schaffte es nicht nur, in endlosen Sitzungsnächten die europäischen Streithähne zu vereinen. Sie war auch Europas einzige Regierungschefin, die mit den grossen der Welt auf Augenhöhe sprechen konnte. Das gilt für die vier US-Präsidenten, die sie überdauert hat, wie auch den russischen Langzeitherrscher Wladimir Putin und den chinesischen Präsidenten Xi Jinping. Als «Kanzlerin der freien Welt» betitelte sie 2015 das renommierte «Time Magazine». Andere nannten sie auch die «Königin von Europa».

2015 kürte das renommierte

2015 kürte das renommierte “Time Magazine” Merkel zur “Person des Jahres”.

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Macron will Merkel beerben. Aber als Integrationsfigur taugt er nicht

Klar ist: Wenn Merkel von der europäischen Bühne abtritt, steht einer in den Startlöchern, der gerne ihren Platz einnehmen möchte: Der französische Präsident Emmanuel Macron. Aber ob der windige Franzose mit den grossen Ambitionen im Frühling nochmals gewählt wird, ist alles andere als sicher. Ohnehin polarisiert Macron mit seinem selbstherrlichen Auftreten in Europa viel zu sehr, als dass er neuer Stabilitätsanker werden könnte.

Neues Power-Paar in Europa? Der italienische Ministerpräsident Mario Draghi (links) und der französische Präsident Emmanuel Macron.

Neues Power-Paar in Europa? Der italienische Ministerpräsident Mario Draghi (links) und der französische Präsident Emmanuel Macron.

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Der italienische Ministerpräsident Mario Draghi seinerseits ist zwar ein Schwergewicht und ähnlich wie Merkel weitum respektiert. Aber Draghi dürfte auf absehbare Zeit einen Grossteil seiner Energie dafür verwenden, in der turbulenten italienischen Innenpolitik für Ruhe zu sorgen.

Anderen Bewerbern wie dem österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz fehlt die politische und wirtschaftliche Durchschlagskraft. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen versteht ihre Rolle eher als Sekretärin der Staats- und Regierungschefs denn als grosse Gestalterin.

Verdankt Merkel ihre Karriere: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.

Verdankt Merkel ihre Karriere: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.

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Für von der Leyen ist es auch nicht ausgemacht, dass sie nach den Europawahlen 2024 noch ein zweites Mandat an der EU-Spitze anhängen darf: Mit Merkel, mit der sie wöchentlich ein bis zweimal telefoniert, verliert von der Leyen ihre engste Unterstützerin. Und ob eine SPD-geführte Koalitionsregierung die CDU-Politikerin in Brüssel nochmals nominieren würde, ist auch nicht sicher.

Deutschland bleibt Kraftzentrum, aber eine neue Merkel gibt es nicht

Die Antwort auf die Frage «Wer kann Merkel?» lautet deshalb: Vorerst Niemand. Das Loch, das in Europas Machtzentrum entsteht, wird so schnell nicht aufgefüllt werden. Deutschland wird zwar weiterhin die erste politische und wirtschaftliche Kraft sein, egal, welchen Namen der neue Kanzler tragen wird. Aber die Dynamik auf dem Kontinent dürfte Berlin zumindest in den ersten Jahren nach Merkel weniger prägen, als dies heute der Fall ist. Statt einer «neuen Merkel» wird Europa eher von einem deutsch-französisch-italienischen Dreigestirn angetrieben werden.

Das bietet auch Chancen, wie einer wirklichen Debatte darüber, wohin es mit der EU gehen soll. Wird Deutschland mit den Grünen in der Regierung die europäische Klimapolitik forcieren? Wird ein SPD-Kanzler Hand bieten dafür, dass in der Eurozone künftig wieder mehr Schulden gemacht werden dürfen?

In den Krisen der vergangenen Jahren hat sich Merkel stets als Fels in der Brandung erwiesen. Wenns um den nächsten Schritt in die Zukunft ging war sie aber oft der Bremsklotz.

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