Wie Italien dem EM-Final gegen England entgegenfiebert: Vereint in Zuversicht und Aberglaube

Italiens Tifosi blicken dem EM-Final mit Optimismus entgegen. Auf eine Prognose lässt sich aber kaum einer ein.

Italienische Anhänger feiern den Sieg gegen die Schweiz in der EM-Gruppenphase.

Italienische Anhänger feiern den Sieg gegen die Schweiz in der EM-Gruppenphase.

Cecilia Fabiano/AP

Ettore Panna, Zeitungsverkäufer an der Römer Piazza Balduina am Monte Mario oberhalb des Vatikans, ist kategorisch: «Ob wir am Sonntag verlieren oder gewinnen werden – darüber sage ich kein Wort. Das bringt Unglück.»

Dabei wäre Panna durchaus prädestiniert für Fussball-Prognosen: Er hatte laut eigener Aussage vor längerer Zeit einmal mit einem Zwölfer beim «Toto-Calcio» 52 Millionen Lire gewonnen, das sind umgerechnet 26’000 Euro.

Er sagt es zwar nicht, aber insgeheim – das lässt sich an seinem hoffnungsvollen Lächeln leicht ablesen – rechnet Panna fest mit einem Sieg der italienischen Mannschaft. Gefühlten 60 Millionen Italienern geht es aber wie ihm: Um offen eine Prognose zu wagen, sind die Tifosi viel zu abergläubisch.

Angriffsfussball und Teamgeist

Das bedeutet freilich nicht, dass die Italiener Angst haben vor den Engländern, im Gegenteil. Das ganze Land befindet sich in einer Fussball-Euphorie und schwärmt von Trainer Roberto Mancinis Mannschaft, die in ihren bisherigen Spielen – vom Halbfinal gegen Spanien einmal abgesehen – das Publikum mit erfrischendem Angriffsfussball und beeindruckendem Teamgeist überzeugt hat, nicht nur in Italien.

Die Zuversicht im Hinblick auf die «Finalissima» in London ist jedenfalls gross. «Die Azzurri sind eine eingeschworene Gemeinschaft, in der jeder für jeden kämpft. Das macht uns sehr stark», betont der Römer Anwalt Francesco Rossi. Der Schrecken der Pandemie habe auch die nicht Fussball spielenden Italiener daran erinnert, eine Schicksalsgemeinschaft zu sein – «der Fussball ist auch in diesem Fall ein Spiegel unserer Gesellschaft und unserer Gemütsverfassung», so Rossi.

Psychologischer Vorteil?

Dass die Azzurri in der Höhle des Löwen – oder vielmehr der drei Löwen – spielen müssen, beeindruckt die italienischen Anhängerinnen und Anhänger nicht gross: Viele betrachten den Umstand, dass der Final vor dem Publikum des Gegners ausgetragen wird, als psychologischen Vorteil für die Italiener.

Die Engländer, so die vorherrschende Meinung, werden unter einem enormen Erfolgsdruck stehen. Der Publizist Beppe Severgnini beschrieb es im «Corriere della Sera» so:

«Wir Italiener wissen, dass wir auch verlieren können. Die Engländer dagegen glauben immer, dass sie gewinnen müssen. Das ist der Grund, warum wir es dann meistens besser machen als sie.»

Die Behörden in Italien richten sich jedenfalls schon einmal auf ausgelassene Feiern in der Sonntagnacht ein. Für einmal sind es nicht hupende Autokolonnen, Sprünge in die barocken Brunnen oder Sachbeschädigungen durch feuchtfröhliche Fans, die der Regierung Sorge bereiten, sondern das vor allem unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen nach wie vor zirkulierende Coronavirus.

Der Jubel kennt keine Grenzen: Italienische Fans vor dem Kolosseum in Rom nach dem Finaleinzug.

Der Jubel kennt keine Grenzen: Italienische Fans vor dem Kolosseum in Rom nach dem Finaleinzug.

Alessandra Tarantino/AP

Die Infektionszahlen sind bereits nach den bisherigen EM-Spielen angestiegen, und so erinnerte der Gesundheitsminister Roberto Speranza an die nach wie vor geltenden Spielregeln: «Lasst uns alle der italienischen Mannschaft die Daumen drücken, aber Achtung: In Menschenansammlungen müssen auch im Freien Masken getragen werden und ein Sicherheitsabstand von einem Meter eingehalten werden.»

In Neapel wird mit Pistolen aus dem Fenster geschossen

Man kann nicht behaupten, dass das bisher funktioniert habe. Nach dem Sieg gegen Spanien lagen sich in den Fanzonen trotz massiver Beschränkung der Personenzahl Tausende Tifosi in den Armen, Bier- und Weinflaschen machten die Runde von Mund zu Mund, Gesichtsmasken trug so gut wie niemand.

Die Polizeibeamten, die eigentlich hätten für Ordnung sorgen sollen, wurden von den Massen mitgerissen und feierten wohl oder übel mit. Die Strandpromenaden der Küstenstädte waren überfüllt, in Neapel wurde mit Pistolen aus den Fenstern in den Himmel geschossen – und das war ja erst ein Vorgeschmack dessen, was am Sonntagabend in Italien los sein könnte, wenn sich Millionen Italiener in die Strassen und auf die Plätze ergiessen werden.

Die Präsenz des Staatsoberhaupts weckt Erinnerungen

Als oberster und mit Sicherheit ruhigster Tifoso der Nation wird am Sonntag Staatspräsident Sergio Mattarella auf der Tribüne des Wembley-Stadions sitzen.

Die Präsenz des Staatsoberhaupts im Stadion weckt bei den älteren Tifosi schöne Erinnerungen: an den Jubel des damaligen greisen Staatspräsidenten Sandro Pertini beim WM-Finalsieg Italiens gegen die damalige Bundesrepublik im Bernabeu-Stadion von Madrid im Jahr 1982. Die Azzurri gewannen 3:1. Vielleicht wird für die abergläubischen Tifosi am Sonntagabend auch Mattarella zum Glücksbringer.

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