«Will mich nicht kaputtmachen»: Österreichs oberster Pandemie-Manager tritt ab – zermürbt von Kanzler Kurz’ Partei

Mitten in der dritten Welle nimmt der österreichische Gesundheitsminister seinen Hut. Wohl auch, weil er die ständigen Angriffe der ÖVP von Sebastian Kurz nicht mehr parieren wollte.

Rudolf Anschober an der Pressekonferenz am Dienstag.

Rudolf Anschober an der Pressekonferenz am Dienstag.

Bild: Keystone / ap Photo / Lisa Leutner

Kein Wort zu Sebastian Kurz. Dabei hatte Österreichs Gesundheitsminister Rudolf Anschober in der «persönlichen Erklärung» zu seinem Rücktritt am Dienstag, Tränen unterdrückend, doch wirklich allen gedankt: seinem Team, in dem man zu Freunden geworden sei. Den Bürgern, die ihm Beistand geleistet hätten. Sogar die Opposition erwähnte er lobend. Ein Adressat jedoch fehlte. Und zwar wohl ganz bewusst: der Koalitionspartner – die Kanzlerpartei ÖVP. Manchmal ist eben das, was jemand nicht sagt, die eigentliche Botschaft.

15 Monate war Rudolf Anschober im Amt. Am 7. Januar 2020 war er vereidigt worden. Da war noch keine Rede von einer nationalen, geschweige denn globalen Gesundheitskrise. An diesem Dienstag erklärte der Grüne also seinen Rücktritt. Die Kraft sei ihm ausgegangen, so der Minister. «Überlastet» sei er gewesen. Und zuletzt hätten ihn neben der nervlichen Belastung zunehmend auch körperliche Beschwerden zu schaffen gemacht: Zwei Kreislaufkollapse, Bluthochdruck, Erschöpfung. Er gehe, so Anschober, weil er sich nicht «kaputtmachen will».

Mit seiner ruhigen Art drang er nicht mehr durch

Mitten in der dritten Welle kommt Österreich damit der oberste Pandemie-Manager abhanden. Ein Politiker, der die Dramatik der Lage im Land nie mit Superlativen, sondern mit ruhigem Schildern der Faktenlage verdeutlichte – damit zuletzt aber immer seltener durchdrang. Viele Länder verweigerten sich der Massnahmenverschärfung. Zum grössten Problem für Anschober wurde zuletzt jedoch der eigene Koalitionspartner: Die Kanzlerpartei ÖVP hatte das Gesundheitsministerium und vor allem Anschober selbst unter Dauerfeuer genommen.

Aber Breitseiten oder Seitenhiebe hatte Anschober, im Erstberuf Volksschullehrer, immer schon vermieden. Er beklagte sich nicht mal. Das war nie sein Stil. Viel eher pflegte er Angriffe schweigend zur Kenntnis zu nehmen und durch Fakten abzuwehren: Da war etwa der Angriff von Kanzler Kurz wegen der Entscheidung, bei der Impfstoffbeschaffung auf Astrazeneca zu setzen. International machte Kurz in der Sache die EU verantwortlich. Auf nationaler ebene forderte er Köpfe aus dem Gesundheitsministerium – und bekam den des für die Beschaffung zuständigen Beamten. Ein ÖVP-Mann.

Es folgte ein Papier, laut dem eine Berechnung des Gesundheitsministeriums über die Mindestkosten für Impfstoffe in Höhe von 200 Millionen Euro für den Budgetentwurf vom Finanzministerium in eine Kostenobergrenze umgewandelt worden war. Peinlich für Kurz und dessen Finanzminister Gernot Blümel. Folgen hatte das aber nicht.

Wollte Kurz Anschober ins offene Messer laufen lassen?

Die Affäre fügte sich dabei in eine ganze Reihe von Alleingängen des Kanzlers. Und gedeutet worden waren sie alle als Versuche, Anschober ins offene Messer laufen zu lassen. Etwa bei der kurzfristigen Ankündigung eines Massentests im November 2020, wobei das Gesundheitsressort über den Plan nicht informiert war. Auch der Impfplan wurde immer wieder umgeworfen.

Und irgendwann gab es die Entscheidung, Massnahmen zu regionalisieren. Aus epidemiologischer Sicht mag das Sinn machen. Aus rein politischer Sicht aber schien das eher die Folge der kompletten Unmöglichkeit zu sein, zwischen den Regierungsparteien eine Einigung zu finden. Zuletzt sah das dann so aus: Anschober pochte auf Massnahmen angesichts steigender Zahlen, während Kurz Öffnungen im Mai versprach.

Anschober dagegen sagte am Dienstag, er sei schon froh, dass die Aussenterrassen im März nicht geöffnet hätten. Zugleich lobte er Wien für die Verlängerung der «Osterruhe» bis Anfang Mai. Vielleicht werde er einmal einen «politischen Roman» schreiben, sagte Anschober noch. Stoff dafür hat er vermutlich genug.

«Will mich nicht kaputtmachen»: Österreichs oberster Pandemie-Manager tritt ab – zermürbt von Kanzler Kurz’ Partei
Source:
Source 1

LEAVE A REPLY

Please enter your comment!
Please enter your name here