Publiziert

Die Bilder der Proteste in Kolumbien muten an wie im Bürgerkrieg. Schweizer und Kolumbianer berichten, was in den Grossstädten Medellín, Bogotá und Cali vor sich geht.

  • Kolumbiens Präsident hatte vergangene Woche eine neue Steuerreform angekündigt. Nach massiven Demonstrationen wurde diese wieder zurückgezogen.

  • Die Proteste gingen aber weiter – denn der Bevölkerung geht es um viel mehr: Die Menschen verlangen nach einem anständigen Staat, der sich um seine Bürgerinnen und Bürger kümmert.

  • Enzo Nussio ist Senior Researcher am Zentrum für Sicherheitspolitik an der ETH Zürich und ordnet die Situation ein. Er lebte mehrere Jahre in Kolumbien.

Hunderttausende Menschen protestieren in Kolumbien seit rund einer Woche gegen die rechtskonservative Politik von Präsident Iván Duques. Lokale Quellen sprechen von mindestens 30 Toten, hunderte Menschen wurden verletzt oder sind spurlos verschwunden. In den Grossstädten setzt die Regierung neben der Polizei mittlerweile auch das Militär ein, das mit aller Härte gegen die Aktivistinnen und Aktivisten vorgeht. Auf Social Media kursieren unzählige Videos, die anmuten wie aus einem Bürgerkrieg.

«Die Polizei hat von Beginn weg scharf geschossen», sagt T.H.*(32). Der Schweizer Lehrer lebt seit Jahren in Medellín, einer der grössten Städte des Landes. Er will nicht seinen ganzen Namen nennen – aus Sicherheitsgründen: «Es ist professioneller Terror, die Regierung schüchtert die Bevölkerung mit willkürlichen Erschiessungen und Entführungen auf offener Strasse ein.» Er sorge sich sehr um seine Freunde und Bekannten an den Demos – und um die eigene Sicherheit: «Dieses Gefühl, dass der Staat mit einem machen kann, was er will, flösst Angst ein», sagt der 32-Jährige. Er könne sich vorstellen, dass dies der Anfang einer neuen Militärdiktatur sein könnte – dann würde er in die Schweiz zurückkehren.

«Die Menschen sind unzufrieden, weil sie in ihrem Land keinen Fortschritt sehen», sagt Politikexperte Enzo Nussio. Er ist Senior Researcher am Zentrum für Sicherheitspolitik an der ETH Zürich und lebte mehrere Jahre in Kolumbien. Der Wissenschaftler bestätigt, was die zahlreichen Bilder auf Social Media aufzeigen: «Die Polizei wendet willkürlich und unproportional Gewalt gegenüber den Demonstrierenden an – und dementsprechend reagiert die Bevölkerung.» Im Interview ordnet Nussio ein – und zeigt Lösungen auf.

«Es werden wahllos Leute verhaftet, verletzt oder auch getötet», sagt José Gonzalés aus Cali.

«Es werden wahllos Leute verhaftet, verletzt oder auch getötet», sagt José Gonzalés aus Cali.

Privat

In der Grossstadt Cali sei die Situation sehr schlimm, da dort die Armut gross ist. Quellen vor Ort berichten von heftigen Strassenkrawallen und zunehmender Gewalt – auf Seiten der Demonstrierenden, aber auch auf Seiten von Polizei und Militär. «Da werden wahllos Leute verhaftet, verletzt oder auch getötet», sagt der Kolumbianer José Gonzalés aus Cali. Er berichtet von «Störern», die von Seiten des Staates eingeschleust würden, um die Demonstrationen anzuheizen, «so dass die Regierung die Gewaltanwendung legitimieren kann», so Gonzalés. Die Unsicherheit sei so gross, dass sich die Bürgerinnen und Bürger von Cali sogar in ihren Häuser fürchten, so der Kolumbianer. «Die, die uns eigentlich beschützen sollen, töten uns.»

 «Jeder muss selber schauen, wie er über die Runden kommt – einige können sich nicht einmal mehr Esswaren leisten», sagt Mike Linke.

«Jeder muss selber schauen, wie er über die Runden kommt – einige können sich nicht einmal mehr Esswaren leisten», sagt Mike Linke.

Privat

«Im Süden von Bogotá ist die Hölle los», berichtet der Schweizer Mike Linke (45). Schlimm sei es, wo ärmere Leute lebten, welche nichts mehr zu verlieren hätten: «Dort werden Busse beschädigt, Busstationen abgefackelt und auf der Strasse bekämpfen sich Demonstranten und die Polizei.» Ein grosses Problem sei, dass der öffentliche Verkehr in Bogotá zeitweise komplett lahm liege. «Einige unserer Mitarbeiterinnen mussten über sechs Stunden nach Hause laufen», sagt Linke. Er kann die Wut der Bevölkerung nachvollziehen: «Die Menschen sind müde und verzweifelt über die Korruption im Land.» Es fehle an finanziellen Entschädigungen für die Coronamassnahmen: «Jeder muss selber schauen, wie er über die Runden kommt – einige können sich nicht einmal mehr Esswaren leisten.» Die Proteste seien das einzige Mittel der Bevölkerung, um sich zu wehren. Auch er und seine Freunde hätten sich überlegt, aus Solidarität an den Protesten teilzunehmen – dann aber aufgrund der Polizeigewalt darauf verzichtet.

«Kolumbien hat unzählige Probleme auf sozialer, wirtschaftlicher und politischer Ebene», sagt Juan Camilo (39).

«Kolumbien hat unzählige Probleme auf sozialer, wirtschaftlicher und politischer Ebene», sagt Juan Camilo (39).

Privat

«Die Proteste richteten sich anfangs gegen die Steuerreform – aber das war eine Ausrede, um auf die Strasse gehen zu können», sagt Juan Camilo (39). «Kolumbien hat unzählige Probleme auf sozialer, wirtschaftlicher und politischer Ebene», sagt der Familienvater. Auch er lebt in der kolumbianischen Hauptstadt Bogota und arbeitet in der Reisebranche. «Das Land befindet sich in einer sehr schwierigen Situation. Bereits vor den Protesten kam es häufiger zu Raubüberfällen und brutalen Auseinandersetzungen – die Situation spitzte sich zu.»

1 / 16

Teilweise kommt es zu heftigen Auseinandersetzungen mit der Polizei.

Teilweise kommt es zu heftigen Auseinandersetzungen mit der Polizei.

AFP

Die Regierung hat das Militär aufgeboten zur Protest-Bekämpfung.

Die Regierung hat das Militär aufgeboten zur Protest-Bekämpfung.

AFP

Zahlreiche Personen gingen am Mittwoch in Bogota auf die Strassen.

Zahlreiche Personen gingen am Mittwoch in Bogota auf die Strassen.

AFP

Als Mitglied wirst du Teil der 20-Minuten-Community und profitierst täglich von tollen Benefits und exklusiven Wettbewerben!

«Wir fühlen uns in unseren eigenen Häusern nicht mehr sicher»
Source:
Source 1

LEAVE A REPLY

Please enter your comment!
Please enter your name here