Wir wählen, wem wir gleichen – und sehen selbst im Klimawandel noch Chancen: Fünf Erkenntnisse aus dem Chancenbarometer

Am Mittwoch findet der erste schweizweite Chancentag statt. Im Vorfeld erschien das Chancenbarometer 2021. Es zeigt, wo die Schweizerinnen und Schweizer Herausforderungen sehen – und wo sie Chancen wittern.

Die Bundesräte Berset und Parmelin unterwegs an eine Medienkonferenz zu den Coronamassnahmen: Nur sechs Prozent der Befragten attestieren der Schweiz eine konstruktive Kommunikationskultur.

Die Bundesräte Berset und Parmelin unterwegs an eine Medienkonferenz zu den Coronamassnahmen: Nur sechs Prozent der Befragten attestieren der Schweiz eine konstruktive Kommunikationskultur.

Bild: Peter Schneider / Keystone

Klimaerwärmung, Finanzierung des Gesundheitssystems, Beziehungen zur EU und die Zukunft der Altersvorsorge: Wer von diesen Themen hört, verbindet damit oft Schwierigkeiten, Herausforderungen oder gar Sorgen. Dass solche aber auch als Chancen gesehen werden können, zeigt das Chancenbarometer 2021. In der Studie, die von Tina Freyburg, Professorin für Vergleichende Politikwissenschaft an der Universität St.Gallen, geleitet wurde, heisst es unter anderem:

«Krisen sind Katalysatoren für echte Veränderung. Sie verlangen, dass wir Massnahmen ergreifen basierend auf bereits verfügbaren und neuen Ideen.»

Das diesjährige Chancenbarometer steht ganz im Zeichen der Vielfalt. Diese berge grosses Innovationspotenzial und könne dazu beitragen, den Zusammenhalt der Bevölkerung zu fördern, heisst es in der Studie.

Das ist das Chancenbarometer

Das Chancenbarometer ist eine repräsentative Umfrage, die jährlich in allen Regionen der Schweiz durchgeführt wird. Sie zeigt, wie die Schweizerinnen und Schweizer die Demokratie wahrnehmen und welche Chancen sie in Herausforderungen wie der Klimakrise oder der Zuwanderung sehen. Für die Studie wurden im Frühling dieses 4350 Einwohnerinnen und Einwohner der Schweiz befragt, das Mindestalter betrug 16 Jahre. Die Datenerhebung erfolgte durch das Sozial- und Marktforschungsinstitut Demoscope im Auftrag der Larix Foundation.

Die Ergebnisse der Umfrage werden am Mittwoch präsentiert, die wichtigsten Erkenntnisse liegen aber bereits vor.

Herausforderungen werden häufiger als Chancen gesehen

Immer mehr Schweizerinnen und Schweizer sehen in Herausforderungen wie der Klimaerwärmung oder der Finanzierung des Gesundheitssystems auch Chancen. In beinahe allen erfragten Bereichen hat die Zuversicht der Bevölkerung im Vergleich zum Vorjahr zugenommen, wie die folgende Grafik zeigt:

Insbesondere im Bereich der Gesundheit und der Altersvorsorge ist die Schweizer Bevölkerung optimistischer als im Vorjahr.

Insbesondere im Bereich der Gesundheit und der Altersvorsorge ist die Schweizer Bevölkerung optimistischer als im Vorjahr.

Grafik: Chancenbarometer 2021, Larix Foundation

Studienleiterin Tina Freyburg bezeichnet das chancenorientierte Denken der Schweizerinnen und Schweizer als ein «Möglichmacher», der «den Spielraum für neue Lösungen und Vorgehensweisen öffnet».

Konstruktive Kommunikationskultur? Fehlanzeige

Nur sechs Prozent der Befragten sind der Meinung, dass in der Schweiz eine konstruktive Kommunikationskultur gelebt wird.

Nicht nur die Kommunikationskultur scheint verbesserungsfähig, auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird von den Befragten als unzureichend eingeschätzt.

Nicht nur die Kommunikationskultur scheint verbesserungsfähig, auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird von den Befragten als unzureichend eingeschätzt.

Grafik: Chancenbarometer 2021, Larix Foundation

Tina Freyburg hat in den letzten Jahren festgestellt, dass sich der politische Stil in der Schweiz verändert hat: «Die politischen Parteien und ihre Vertreterinnen und Vertreter scheinen sich zunehmend marktorientiert zu verhalten.» Gemeinsame, parteiübergreifende Lösungen seien dabei schwieriger zu erwirken.

Freyburg versteht die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der Kommunikationskultur als Aufforderung, «sich der konstruktiven und undogmatischen politischen Verhandlungskultur zu erinnern und gemeinsam um nachhaltige Antworten zu ringen».

Wir wählen, wem wir gleichen

Es ist der Wunsch vieler, dass das Parlament die Schweizer Bevölkerung repräsentiert. Hier fördert die Studie eine interessante Erkenntnis zutage: Bürgerinnen und Bürger akzeptieren eine politische Entscheidung eher, wenn diese von einer Person getroffen wird, die ihnen in ihren sozialen Merkmalen ähnelt. Das heisst: Eine junge, politisch links orientierte Frau wählt tendenziell eher eine junge SP-Politikerin als einen älteren Mitte-Politiker.

Eine weitere wichtige Erkenntnis laut Freyburg: «Die Wahlchance von Kandidierenden ist dann am grössten, wenn sie ihrer Partei nahestehen.» Denn die Parteien seien es, die den Wählenden mit ihren Stimmempfehlungen die nötige Orientierung geben würden.

Klimaerwärmung und EU: Für die Hälfte grosse Herausforderungen

Knapp die Hälfte der Studienteilnehmer erachtet die Klimaerwärmung als grosse Herausforderung. Es gibt aber auch optimistischere Aussichten: Ein Drittel aller Befragten sieht in der Klimaerwärmung grosse Chancen. Ähnlich sieht es bei den Beziehungen der Schweiz zur EU aus. Fast die Hälfte der Umfrageteilnehmer sieht bezüglich der Beziehung zur EU grossen Handlungsbedarf, nur knapp 15 Prozent assoziiert mit dem EU-Thema grosse Chancen.

Vielfalt als Chance für gesellschaftlichen Zusammenhalt

Knapp 80 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer haben Vertrauen in die politischen Institutionen und ihre Mitmenschen. Und fast genau so viele fühlen sich mit der Schweiz verbunden.

Das Vertrauen in die politischen Institutionen und die Verbundenheit mit der Schweiz befinden sich auf einem hohen Niveau.

Das Vertrauen in die politischen Institutionen und die Verbundenheit mit der Schweiz befinden sich auf einem hohen Niveau.

Grafik: Chancenbarometer 2021, Larix Foundation

Für die Autoren der Studie ist der gesellschaftliche Zusammenhalt der «Kitt», der Gemeinschaften zusammenhält und sie in Krisenzeiten bestehen lässt. Daraus resultiere oft ein überdurchschnittliches politisches oder gesellschaftliches Engagement, heisst es weiter.

Bei der Repräsentation der vielfältigen Bevölkerung in der Politik stehen laut der Studie auch die Parteien in der Pflicht:

«Nur wenn Vielfalt zur Wahl steht, kann auch Vielfalt gewählt werden.»

Die Autoren des Chancenbarometers fordern die Parteien auf, «auch Kandidierende zu gewinnen, die den zahlenmässig kleineren gesellschaftlichen Gruppen angehören», um Vielfalt zu schaffen. Tina Freyburg ist überzeugt, dass die politischen Parteien einen konkreten Beitrag leisten können für ein vielfältigeres, repräsentativeres Parlament.

Wir wählen, wem wir gleichen – und sehen selbst im Klimawandel noch Chancen: Fünf Erkenntnisse aus dem Chancenbarometer
Source:
Source 1

LEAVE A REPLY

Please enter your comment!
Please enter your name here