«Es ist fünf nach Zwölf»: Der Kuoni-Chef im Interview über Impfausweise, Hotel-Engpässe – und das Home Office im Paradies

Das Ferienfieber steigt: Mit der voranschreitenden Impfkampagne nehmen auch die Reise-Buchungen zu, wie Kuoni-Chef Dieter Zümpel im Interview sagt. Doch in manchen Destinationen drohen Engpässe. Und: Bald sollen Kuoni-Angestellte auch auf Bali oder Fuerteventura arbeiten können.

Für manche Destinationen wie die griechische Vulkaninsel Santorini treffen überdurchschnittlich viele Buchungen bei Kuoni ein.

Für manche Destinationen wie die griechische Vulkaninsel Santorini treffen überdurchschnittlich viele Buchungen bei Kuoni ein.

samott – Fotolia

Kuoni hat wie fast alle Tourismusfirmen ein annus horribilis hinter sich. Die Corona-Pandemie brachte das Reisegeschäft zum Erliegen. Doch nun treffen wieder mehr Buchungen ein, und Kuoni-Chef Dieter Zümpel spürt wieder so etwas wie Optimismus, wie er im Interview durchblicken lässt.

Wann sollte man am besten die Ferien buchen?

Dieter Zümpel: Wenn Sie diesen Sommer in die Ferien möchten, dann jetzt, denn wir erleben aktuell einen Buchungsboom. In manchen Destinationen werden die Kapazitäten bereits etwas knapp, wie zum Beispiel auf Santorini, Mykonos, auf den Balearen, weil das Angebot eingeschränkt ist. Manche Hotels sind noch immer zu oder nur zu 50 Prozent geöffnet. Auch in der Schweiz oder auf Sylt wird es bereits etwas knapp.

Dieter Zümpel ist seit 2017 Chef des Reiseunternehmens Kuoni, dass zum deutschen «DER Touristik»-Konzern gehört.

Dieter Zümpel ist seit 2017 Chef des Reiseunternehmens Kuoni, dass zum deutschen «DER Touristik»-Konzern gehört.

Pius Amrein / Luzerner Zeitung

Ist das eine direkte Folge der Impfkampagne?

Klar, je mehr Leute geimpft sind, desto mehr Buchungen treffen ein. Zudem dürfte bekanntlich die Quarantäneliste des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) per 28. Juni an Bedeutung verlieren. Dennoch gibt es weiterhin Unsicherheiten, deshalb empfehle ich, sich im Vorfeld gut beraten zu lassen.

Bei Airlines wie der Swiss sind praktisch alle Flüge buchbar, obwohl klar sein dürfte, dass nicht alle Flüge stattfinden werden. Wie gross ist die Frust-Gefahr?

Es wird sicher Änderungen bei den Abflugszeiten geben. Aber die Gefahr, dass eine Destination ganz gestrichen wird, ist inzwischen viel kleiner als im letzten Jahr…

…aber auch das Abflug-Datum kann sich kurzfristig ändern.

Ja, das ist so, denn die Buchungen werden nach wie vor kurzfristig getätigt, so dass die Airlines manchmal gewisse Flüge zusammenlegen oder verschieben werden. Aber ich gehe von höchstens plus-minus einem Tag aus.

Die Swiss bietet in ihrem Buchungssystem fast alle Flüge an, obwohl unklar ist, ob sie dann wirklich wie geplant stattfinden werden.

Die Swiss bietet in ihrem Buchungssystem fast alle Flüge an, obwohl unklar ist, ob sie dann wirklich wie geplant stattfinden werden.

Steffen Schmidt / Keystone

Das heisst, es droht erneut ein Rückerstattungschaos wie im vergangenen Jahr.

Man kann nicht ausschliessen, dass es Flugänderungen gibt, und dass in den Hotels vor Ort noch nicht alles so ist wie vor der Krise. Für uns ist das im Hintergrund eine enorme Zusatzarbeit. Sind die Hotel-Spas offen? Was ist mit der Kinderbetreuung? Diese Regeln sind nach wie vor von Land zu Land unterschiedlich.

Im Juli möchte die EU ihren Impfpass lancieren, der auch mit dem Schweiz Covid-Zertifikat kompatibel sein soll. Doch ob dieses auch auf Langstrecken akzeptiert wird, ist nach wie vor unklar. Wie dringend wäre hier eine Lösung?

Wenn ich es mit einer Uhrzeit ausdrücken müsste, wäre es fünf nach zwölf. Die ganze Branche hat sich seit einem Jahr an diese Krisensituation gewöhnt. Umso mehr hätte ich erwartet, dass diese Lösungen schneller kommen. Ich hoffe, dass dies bald geschieht, denn Thailand hat die Öffnung für Touristen nun für Oktober angekündigt, und USA-Reisen werden spätestens im Herbst auch wieder möglich.

Das klingt alles sehr positiv. Aber: England hat seine geplanten Öffnungsschritte erst gerade wieder verschoben wegen der stärker aufkommenden Delta-Variante. Das muss Sie nervös machen.

Wir sind uns seit Pandemiebeginn einiges gewohnt. Manchmal sind die Malediven auf der BAG-Liste, dann wieder nicht. Wir buchen, stornieren, buchen um – insgesamt mussten wir im vergangenen Geschäftsjahr 75 Millionen Franken an die Kundschaft zurückerstatten. Über 180’00 Personen waren von Stornierungen und Umbuchungen betroffen. Es waren keine einfachen Zeiten, wir haben Tag und Nacht gearbeitet. Aber wie gesagt, wir haben uns daran gewohnt. Wie sich diese Mutante nun weiterentwickelt, weiss ich nicht. Aber wir stellen uns auf alles ein.

Bei Flitterwochen-Ferien beobachtet Kuoni-Chef Dieter Zümpel einen Nachholbedarf, da viele Frischvermählte ihre Honeymoon-Pläne wegen Corona verschoben haben.

Bei Flitterwochen-Ferien beobachtet Kuoni-Chef Dieter Zümpel einen Nachholbedarf, da viele Frischvermählte ihre Honeymoon-Pläne wegen Corona verschoben haben.

Maridav /Fotolia

Sie haben eine neue Webseite speziell für Flitterwochen-Ferien lanciert. Weshalb?

Weil wir sehen, dass sehr viele Brautpaare ihre grosse Feier und auch ihre Flitterwochen verschoben haben im vergangenen Jahr. Zudem sehen wir auch, dass Buchungen für luxuriösere, intimere Reisen überdurchschnittlich steigen, mit privaten Schiffen, Villen oder Bungalows. Die Kundinnen und Kunden, die jetzt reisen, gönnen sich eher ein Vier-Sterne- anstatt eines Drei-Sterne-Hotels. Und sie buchen im Schnitt längere Reisen. Vor Corona war der Durchschnitt 10 bis 11 Tage, nun sind es 14 Tage.

Wie erklären Sie sich das?

Man sagt sich wohl: Wenn ich endlich wieder reisen kann, dann bleibe ich etwas länger und verzichte dafür auf den einen oder anderen Vier-Tage-Trip.

Sie mussten wegen der Krise rund 140 Stellen abbauen und dabei 70 Mitarbeitende entlassen. Nun möchten Sie Ihr Personal sukzessive aus der Kurzarbeit zurückholen. Wie sieht Ihre Home-Office-Planung für das Personal aus?

Wir sind daran, wie alle anderen Firmen auch, ein umfassendes, neues Arbeitsmodell zu erarbeiten. Da geht es um die Frage, wie flexibel die Präsenzzeiten sind, mit welchen digitalen Kommunikationsmittel wir arbeiten und dennoch den Zusammenhalt garantieren können, und wie wir die Angestellten bei der Ausrüstung des Home Office unterstützen werden.

Kuoni-Angestellte sollen künftig auch von Zieldestinationen wie Madeira aus arbeiten können.

Kuoni-Angestellte sollen künftig auch von Zieldestinationen wie Madeira aus arbeiten können.

Wie flexibel wird Kuoni sein?

Unserer Kundschaft bieten wir die Möglichkeit der sogenannten «Workation» an, also die Kombination von Work, Arbeit, und Vacation, Ferien. Von dieser Möglichkeit der Fernarbeit sollen auch unsere Mitarbeitenden profitieren können. Sie können dann eine Zeit lang in manchen Büros unseres Mutterhauses DER Touristik arbeiten, auf Fuerteventura, Bali oder Antalya. Wir sind in zahlreichen Ländern vor Ort präsent. Dieses Konzept möchten wir noch dieses Jahr lancieren.

Werden die Angestellten dann weiterhin Schweizer Löhne erhalten?

Selbstverständlich. Für uns hat dieses Modell viele positive Aspekte. Wir können die Büros weltweit besser nutzen, und unsere Angestellten lernen die Destinationen besser kennen, die sie der Kundschaft verkaufen.

Und mit welcher Geschäftsentwicklung rechnen Sie in Zukunft?

Dieses Jahr wird erneut ein Verlust resultieren, so viel ist jetzt schon klar. Wir hoffen aber, 2022 bereits wieder 80 Prozent des Vor-Krisen-Niveaus und die Gewinnzone zu erreichen. 2023 rechne ich dann mit einer kompletten Rückkehr zum frühere Buchungsvolumen. Zudem werden wir vermehrt flexible Preise anbieten, wie man es von Hotel-Buchungsplattformen kennt: Wer bis zum Schluss eine Stornier-Option haben möchte, kann dann etwas mehr für diese Flexibilität bezahlen.

Ihre Konkurrentin, die Migros-Reisetochter Hotelplan, testet neuerdings gemeinsame Filialen mit dem Telekomanbieter Salt. Sind solche Kooperationen für Kuoni auch ein Thema?

Wir hatten zuletzt in manchen Filialen so genannte Pop-Up-Stores, gaben also einige Quadratmeter an ein Start-up ab. Zudem haben wir eine Zusammenarbeit mit dem TCS in gewissen Geschäften. Uns in unserer neusten Filiale in Bulle betreiben wir die Filialfläche zusammen mit einem Papeterie-Anbieter. Denn das Walk-in-Geschäft, mit Kunden vor Ort, geht im Zuge der Online-Beratung zurück. Wir haben sehr attraktive Standorte, für die wir aber hohe Mieten bezahlen. Insofern sind solche neuen Kooperationen sehr interessant.

Wo werden Hotelzimmer bereits knapp? Wann ist die beste Zeit zum Buchen? Der Kuoni-Chef nimmt Stellung
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