Wuhan-Abschlussbericht: Und was ist mit der Labor-Theorie, liebe WHO?

Der WHO-Report über den Ursprung des Virus macht deutliche Zugeständnisse an die chinesische Regierung. Dass keine Nachforschungen zur Labor-These geführt werden sollen, wirkt angesichts der zahlreichen Vertuschungsaktionen Pekings befremdlich.

Mag keine kritischen Fragen: Chinas Staatspräsident Xi Jinping bei einem Besuch in Wuhan.

Mag keine kritischen Fragen: Chinas Staatspräsident Xi Jinping bei einem Besuch in Wuhan.

AP

Der am Dienstag veröffentlichte Wuhan-Report der Weltgesundheitsorganisation WHO bringt keine bahnbrechenden Erkenntnisse mit sich: Dass das Virus höchstwahrscheinlich von Fledermäusen aus Südchina oder Südostasien stammt, vermuteten viele Wissenschaftler bereits seit Monaten. Und dass der Erreger nicht direkt auf den Menschen übertragen wurde, sondern über einen Zwischenwirt – etwa Schuppentiere – auch diese These ist nicht neu.

Dennoch beinhaltet der Bericht Stoff für kontroverse Diskussionen. Insbesondere eine Aussage über die These, dass das Virus einem Labor entwichen sein könnte, hat deutliches Kopfschütteln ausgelöst: Die Labor-These, so heisst es im Bericht, sei derart unwahrscheinlich, dass weitere Nachforschungen nicht empfohlen würden. Denn Laborunfälle seien äusserst selten. Zudem hätten die Wissenschaftsinstitute in Wuhan zu keinem Virus geforscht, der Sars-Cov-2 ähneln würde.

Vorweg: Bei der Labor-Theorie geht es nicht darum, dass das Coronavirus von Menschenhand manipuliert oder gar erschaffen worden sein soll. Diese Vermutungen wurden längst widerlegt. Doch dass das Virus versehentlich aus den Räumlichkeiten eines der Hochsicherheitslabore in Wuhan entwichen sein könnte, wäre durchaus möglich.

Der Entscheid wirkt mit Blick auf Pekings Vertuschungsstrategie befremdlich

Die Entscheidung der WHO, diesen Ansatz nicht weiter zu verfolgen, fusst vor allem auf Interviews mit chinesischen Labormitarbeitern – also Personen, die wohl als direkt Betroffene am stärksten unter Druck stehen. All das lässt die Angelegenheit zur reinen Vertrauensfrage werden.

Dass an diesem Punkt jedoch die Nachforschungen aufhören sollen, wirkt angesichts der langen Liste an Vertuschungsaktionen der chinesischen Regierung befremdlich.

Vertreter der WHO und des chinesischen Aussenministeriums bei ihrer Pressekonferenz zum Wuhan-Abschlussbericht am Dienstag.

Vertreter der WHO und des chinesischen Aussenministeriums bei ihrer Pressekonferenz zum Wuhan-Abschlussbericht am Dienstag.

AP

Zu Beginn der Coronapandemie verboten die Behörden es infizierten Patienten etwa, mit ausländischen Journalisten überhaupt zu sprechen. Später versperrten sie Korrespondenten-Teams, die zu Recherchen über den Ursprung des Virus berüchtigte Fledermaushöhlen in der Provinz Yunnan besuchen wollten, den Weg – und zwar wortwörtlich: durch abgesperrte Strassen und eingestochene Autoreifen. Ebenfalls zensierten sie sämtliche Forschung zu der Ursprungsfrage.

Der politische Druck, der auf der WHO-Mission lastete, war ohne Frage immens. Über ein Jahr hat es nach Ausbruch der Pandemie gedauert, bis die Delegation überhaupt nach Wuhan einreisen durfte. Zum Vergleich: Als sich mit MERS in Südkorea 2015 ebenfalls ein Coronavirus verbreitete, stand die Weltgesundheitsorganisation bereits einen Monat später auf der Matte.

Die ketzerische Frage des Ministeriumssprechers

Zudem verlief auch die Reise der WHO-Forscher selbst gänzlich anders, als eine unabhängige Untersuchung idealerweise laufen sollte: Die internationalen Forscher wurden stets von einer chinesischen Delegation begleitet, die den Hauptteil der wissenschaftlichen Arbeit übernommen hat. Die WHO-Vertreter bekamen oftmals keine Rohdaten, sondern vorher ausgewertete und interpretierte Ergebnisse vorgelegt. Und am Ende mussten sie sich das Recht auf eine Pressekonferenz nach endlosen Diskussionen erstreiten.

Am Montag entgegnete Pekings Ausssenministeriumssprecher Zao Lijian auf die Skepsis gegenüber den WHO-Bericht mit einem Gegenkonter:

«Wann werden die WHO-Experten endlich in die USA eingeladen werden, um dort den Ursprung zu erforschen?»

All das zeugt nicht davon, dass Peking an einer wirklichen Aufklärung interessiert ist. Auch die WHO täte gut daran, dass sie in ihrer Arbeit Vertrauen nicht über Kontrolle stellt. Denn das Vertrauen hat die chinesische Staatsführung in der Vergangenheit längst verspielt.

Wuhan-Abschlussbericht: Und was ist mit der Labor-Theorie, liebe WHO?
Source:
Source 1

LEAVE A REPLY

Please enter your comment!
Please enter your name here