Zeugen sprechen von gewaltfreier Verhaftung: Klagt die Walliser Kantonspolizei nun Mario Julen ein?

Mario Julens Kritik am Polizeieinsatz in Zermatt könnte ein gerichtliches Nachspiel haben. Dieser bleibt bei seinen Aussagen. Gleichzeitig ist am Dienstag für die Wirtefamilie der «Walliserkanne» Haftverlängerung beantragt worden.

Regional- und Kantonspolizisten im Einsatz vor dem Restaurant Walliserkanne in Zermatt.

Regional- und Kantonspolizisten im Einsatz vor dem Restaurant Walliserkanne in Zermatt.

zvg

Die Aufdenblattens bleiben vorerst in Haft. Oberstaatsanwalt Rinaldo Arnold hat für die drei verhafteten Personen Untersuchungshaft beantragt. Das Walliser Zwangsmassnahmengericht hat nun 48 Stunden Zeit, diesen Antrag zu prüfen. Welchen der vier Haftgründe Arnold anwendet, lässt der Oberstaatsanwalt offen. Möglich wären folgende Gründe: Verdunklungs-, Ausführungs-, Flucht- oder Wiederholungsgefahr.

Offensichtlich ist, dass eine Wiederholungsgefahr besteht. In den letzten Wochen haben sich die Aufdenblattens immer wieder über polizeiliche Anordnungen hinweggesetzt. Wurde das Restaurant geschlossen und versiegelt, öffneten sie den Betrieb kurze Zeit später wieder. Es ist anzunehmen, dass dieses Katz-und-Maus-Spiel weitergeht, wenn die Betreiberfamilie wieder auf freiem Fuss ist. Arnold will diese Wiederholungsgefahr-These nicht kommentieren.

Auch zu den möglichen Straftatbeständen will er sich nicht äussern, da es sich um ein laufendes Verfahren handle. Arnold betont einzig, dass es den Inhaftierten gut gehe. Nicht in Haft ist übrigens Patrik Aufdenblatten. Er weilt derzeit im Ausland in den Ferien. Ob er nach seiner Rückkehr auch mit einer Verhaftung rechnen muss, liess Staatsanwalt Arnold offen.

Das Walliser Zwangsmassnahmengericht wollte sich auf Anfrage nicht zum Inhalt des Haftantrags äussern. Richter Marc Anthamatten stellte aber in Aussicht, dass das Gericht die Öffentlichkeit am Donnerstag über den Entscheid informieren werde.

Waren wirklich 50 Beamte im Einsatz?

Der Zermatter Unternehmer Mario Julen hat sich in den letzten Tagen als Vermittler der Betreiberfamilie und der Behörden inszeniert. Dabei hat er das Vorgehen der Walliser Kantonspolizei bei der Verhaftung heftig kritisiert. Die Beamten seien mit Brachialgewalt auf die Familie Aufdenblatten losgegangen, sagte er am Sonntag. «Sohn Ivan wurde von Polizisten mit Stiefeln getreten, sodass er sich die Schulter ausrenkte. Mit Stiefeln traktiert wurde ebenfalls die Mutter von Ivan. Ein Skandal, den Zermatt auf diese Weise noch nicht erlebt hat», so Julen. Insgesamt seien um die 50 Beamte am Einsatz beteiligt gewesen.

Aussagen, die nun in Zweifel gezogen werden. Mehrere verlässliche Quellen sagen gegenüber dem «Walliser Boten», dass die Verhaftung der Eltern ohne Gewaltanwendung durchgeführt worden sei, anders, als dies Julen öffentlich geäussert habe. Ivan Aufdenblatten habe sich gegen die Verhaftung gewehrt, dabei habe die Polizei verhältnismässig agiert.

Weiter war aus verlässlichen Quellen in Erfahrung zu bringen, dass am Einsatz 35 Regional- und Kantonspolizisten beteiligt waren. Allerdings war an der Verhaftung im Restaurant nur etwa die Hälfte der Beamten anwesend. Die restlichen Polizisten hätten sich im Hintergrund aufgehalten, weil vor dem Einsatz nicht klar war, auf wie viele Personen man im Lokal treffen werde. Die Aufdenblattens hatten ja das Restaurant zum Zeitpunkt der Verhaftung wieder geöffnet.

Julen bleibt bei seinen Aussagen

Daher zeigt man sich bei der Walliser Kantonspolizei empört über Julens Aussagen. Ob rechtliche Schritte gegen den Zermatter Unternehmer eingeleitet werden, ist indes noch unklar. Dies werde derzeit evaluiert, sagt Polizeisprecher Markus Rieder, und zwar von Staatsrat Frédéric Favre, Polizeikommandant Christian Varone sowie vom Rechtsdienst des Departements. Eine Verleumdungsklage gegen Julen ist derzeit wahrscheinlich.

Unternehmer Mario Julen bleibt bei seinen Aussagen und sagt auf Nachfrage des «Walliser Boten» am Dienstag: «Zum Zeitpunkt der Verhaftung sass ich mit den Eltern der jungen Wirte an einem Tisch auf der Terrasse der ‹Walliserkanne›. Wir sprachen darüber, wie wir eine weitere Eskalation verhindern können.»

Plötzlich hätten sie zwei Polizisten wahrgenommen, welche sich auf zwanzig Meter Distanz postiert hätten, um Fluchtwege abzusperren. «Ich stand auf, um sie zu überreden, keine Gewalt anzuwenden.»

Julen durfte nicht filmen

Die Polizisten hätten ihn auf eine Distanz von zehn Metern vom Geschehen weggedrängt – unter Androhung einer Verhaftung. Dann hätten die Polizisten den Seiteneingang der «Walliserkanne» förmlich gestürmt. Aus dem Tumult heraus seien Hilferufe zu hören gewesen und der Ruf nach medizinischer Hilfe.

Julen sagt, er habe mindestens 30 Polizisten beim Restaurant gezählt. Weitere hätten die Fluchtwege im Hintergrund überwacht. In seinen ersten Aussagen sprach der Zermatter noch von 50 Polizisten. Julen sagt weiter, dass er die Verhaftung mit seinem Smartphone dokumentieren wollte. «Dies hat der Polizist, der mir während der Verhaftung zur Seite gestellt wurde, untersagt.»

Die einheimischen Polizisten seien von den Aufdenblattens über Wochen mit ihrem Katz-und-Maus-Spiel gedemütigt worden. Da sei es nicht verwunderlich, dass beim Einsatz wohl viele Emotionen im Spiel waren. «Statt einheimische und belastete Polizisten die Verhaftung vornehmen zu lassen, wäre es wohl sinnvoller gewesen, dass die Einsatzleitung ein nicht belastetes Korps für den Einsatz beauftragt hätte.»

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